Mit seiner im April gestarteten Software ist dem Berliner Start-up ein Überraschungserfolg gelungen. Nun gibt es bereits eine kräftige Finanzspritze.

Nicht super innovativ, dafür aber krisenfest: So verorteten Stephane Roux, Leonard Witteler und Pascal Steck die Geschäftsidee, mit der sie Ende des vergangenen Jahres antraten. Das Trio entwickelte mit Marrily eine digitale Plattform, um Fotografen für Hochzeiten zu vermitteln. Nach gut einem Dutzend Aufträge hatten sie im Frühjahr gerade ihre Werbeausgaben gedeckt, als plötzlich nichts mehr ging: Die erste Corona-Welle brach über Europa herein – und die Nachfrage nach Hochzeitsfotografen kam von jetzt auf gleich zum Erliegen. Das vermeintlich sichere Geschäftsmodell war gescheitert, noch bevor es für das Start-up richtig losging.

Im Rückblick war das pandemiebedingte Aus von Marrily ein Glücksfall für die Gründer. Denn das Scheitern gab dem Trio den Impuls, sich an die Umsetzung eines Projekts zu machen, an dem Witteler bereits vor einigen Jahren in seiner Freizeit gearbeitet hatte: einem Tool für virtuelle Events. Die Grundidee von Wonder: Alle Teilnehmer, die sich bei einer Online-Konferenz einwählen, landen mit einem Avatar in Form eines kreisrunden Fotos auf einer 2D-Oberfläche. Die ist in verschiedene Räume unterteilt, auf die man sein digitales Abbild mit der Maus verschieben kann. Die Software baut dann eine Videokonferenz mit all den Teilnehmern auf, die sich im selben Raum befinden. Verschiebt ein Nutzer seinen Avatar, verlässt er das Gespräch und kann einer anderen Unterhaltung beitreten.

Wachstum durch Mund-zu-Mund-Propaganda

„In der realen Welt unterhalten sich Menschen in Gruppen und bauen so Beziehungen auf“, sagt Mitgründer Roux. „Das wollen wir online abbilden.“ Wonder sieht er als Gegenmodell zu traditioneller Videochat-Software wie etwa Zoom, Google Meet oder Microsoft Teams. Diese funktionierten vor allem bei weniger als zehn Teilnehmern gut, seien für große Zusammentreffen aber kaum geeignet: Sprechen kann immer nur einer, alle anderen sind zum Zuhören verdammt – und langweilen sich schnell.

Gestartet im April, ist die Nutzerbasis der Software alleine durch Mund-zu-Mund-Propaganda rasant gewachsen. Nach Angaben des Start-ups gibt es aktuell mehr als 200.000 monatlich aktive Nutzer. Namhafte Unternehmen und Organisationen haben die Software bereits für sich entdeckt – so führt das Start-up neben anderen die Nasa, Deloitte, SAP und die Harvard University als Referenz auf. Die Einsatzzwecke sind vielfältig: „Unternehmen organisieren beispielsweise Workshops oder Recruiting-Messen online“, sagt Roux. „Wonder ist aber auch schon für digitale Weihnachtsmärkte genutzt worden.“

Neun Millionen Euro von Investoren

Der große Zuspruch lockt auch Geldgeber an. Bereits im August ist der Berliner Frühphaseninvestor Blueyard Capital bei Wonder eingestiegen. Nun ist auch EQT Ventures – der Risikokapitalarm des schwedischen Investmentunternehmens EQT Partners – an Bord gekommen. Acht Monate nach der Gründung hat das Start-up so eine Finanzierungsrunde in Höhe von neun Millionen Euro abgeschlossen. Jenny Dreier, Investorin bei EQT Ventures in Berlin, verweist auf den Boom von Videotelefonaten in der Corona-Krise. Kein anderes Tool komme der Nachbildung realer Interaktionen dabei so nahe wie Wonder. „Damit verfügt das Produkt über ein geradezu explosives Erfolgspotenzial“, sagt sie.

Dass sich mit Wonder Geld verdienen lässt, muss das Start-up indes noch beweisen. Aktuell bietet es die Software noch kostenlos an. Der Plan der Gründer: „Wir wollen das Tool zunächst zur Reife bringen“, sagt Roux. Das aktuell 15-köpfige Team arbeite zum einen daran, die Stabilität der Verbindungen zu verbessern. Zum anderen sind eine Reihe neuer Funktionen geplant: So sollen Nutzer künftig ausführlichere Profile anlegen können. Und die Räume sollen abwechslungsreicher werden – und etwa die Möglichkeit bieten, dort Videos oder Präsentationen abzuspielen.

Umkämpfter Markt

Ein Risiko für das Start-up: Auch die etablierten Anbieter rüsten technisch auf, um Meetings in großen Gruppen angenehmer zu gestalten. So hat Microsoft Teams kürzlich die Möglichkeit eingeführt, eine Videokonferenz mit vielen Teilnehmern in kleinere Gruppen zu unterteilen – eine Funktion, die es auch bei Zoom bereits gibt. Neben den Platzhirschen mischen auf dem Markt zudem zahlreiche andere Start-ups mit. „Es gibt viele Leute, die an ähnlichen Problemstellungen arbeiten“, räumt Roux ein. Wer sich etablieren wolle, müsse nun sehr schnell sein – und in der aktuellen Boomphase eine große Nutzerbasis aufbauen.

Tatsächlich dürfte die rasant gestiegene Nachfrage nach Videokonferenz-Lösungen deutlich nachlassen, sobald die Pandemie überwunden ist. Schon im Sommer zeichnete sich ab, dass sich viele Fach- und Führungskräfte danach sehen, Kunden und Kollegen wieder persönlich treffen zu können. Wie auch andere Anbieter setzt Wonder darauf, dass Unternehmen dennoch viele Online-Formate beibehalten, die sich aktuell bewähren. „Virtuelle Veranstaltungen sind sehr viel leichter und kostengünstiger zu organisieren“, sagt Roux. „Diese Vorteile bleiben auch nach Corona-Krise.“