Dietmar Harhoff, Vorsitzender der Expertenkommission für Forschung und Innovation, über Rahmenbedingungen für technologiegetriebene Start-ups.

An politischen Konzepten für eine bessere Start-up-Förderung mangelt es nicht – doch die Umsetzung läuft zu schleppend, sagt Dietmar Harhoff. Er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb sowie Honorarprofessor für Entrepreneurship und Innovation an der Ludwig-Maximilians-Universität München und leitet die Expertenkommission für Forschung und Innovation (EFI).

Eingerichtet von der Bundesregierung, bewertet das Gremium regelmäßig den Stand von Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit in Deutschland. Heute haben die sechs Professoren ihr nunmehr zwölftes Jahresgutachten an Bundeskanzlerin Angela Merkel übergeben. Zu den Schwerpunktthemen gehört die Rolle von Start-ups.

Herr Professor Harhoff, von Politikern hierzulande ist oft zu hören, man müsse alles dafür tun, dass das „nächste Facebook“ aus Deutschland kommt. Ist das Ziel aus Ihrer Sicht richtig?
Natürlich wäre es schön, wenn in Deutschland ein Unternehmen wie Facebook entstehen würde. Ausgerechnet ein neues Social-Media-Start-up wäre aber nicht besonders innovativ. Aus volkswirtschaftlicher Sicht interessanter sind Start-ups, die neue Technologien voranbringen – etwa Künstliche Intelligenz oder die Blockchain. Vor allem B2B-Start-ups können in Deutschland dankbare Kunden finden. Auch die Chancen, Investoren oder sogar Käufer für sich zu gewinnen, sind größer.

Vor ein paar Jahren waren es vor allem E-Commerce-Firmen, die in Deutschland den Durchbruch geschafft haben. Jetzt machen immer wieder auch Deep-Tech-Start-ups auf sich aufmerksam. Hat sich die Qualität der Gründungen verändert?
Ich teile den Eindruck, dass es verstärkt technologiegetriebene Start-ups gibt – und das nicht nur im Bereich Biotech, wo Deutschland schon lange relativ stark ist. E-Commerce-Start-ups möchte ich aber nicht kleinreden: Viele Gründer, die vor zehn Jahren in diesem Bereich erfolgreich waren und ihr Unternehmen verkauft haben, stützen heute die Start-up-Szene – entweder, indem sie wieder gründen oder indem sie sich als Business Angels betätigen. Im Idealfall entsteht so eine Situation, in der Staatsgeld in der Frühphase nicht mehr zwingend erforderlich ist. Dafür sollten wir jetzt die Weichen stellen.

Sie bemängeln in Ihrem Bericht, dass Deutschland trotz aller Fortschritte bei Gründungen aus der Wissenschaft im internationalen Vergleich hinterherhinkt. Fehlen hier Anreize?
Einzelnen Hochschulen gelingt es schon gut, Ausgründungen zu fördern. In München beispielsweise ist die von BMW-Erbin Susanne Klatten unterstützte Initiative UnternehmerTUM seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Es ist kein Zufall, dass München heute neben Berlin das aktivste Start-up-Ökosystem in Deutschland hat. In NRW sollen in den kommenden fünf Jahren bis zu sieben Start-up-Center mit insgesamt 150 Millionen Euro gefördert werden. So etwas gibt wichtige Impulse.

Hapert es denn am Geld, wo Gründer doch beispielsweise vom Exist-Gründerstipendium unterstützt werden? Oder scheuen Studenten in Deutschland angesichts einer komfortablen Arbeitsmarktsituation das Risiko?
Ich bin überzeugt davon, dass man wesentlich mehr Wissenschaftler zu einer Gründung motivieren könnte. Sinnvoll wäre es, eine Gründungsausbildung auf den Lehrplan aller Fächer zu setzen: Studierende würden Management-Kompetenzen erlernen und Gründungen als ernsthafte Karriereoption wahrnehmen. Leider gibt es in manchen Hochschulen große Vorbehalte gegen flächendeckende Entrepreneurship-Veranstaltungen: Manche Fachbereiche vermuten einen Ausverkauf an die Wirtschaft – oder verweisen darauf, dass die Curricula im Grundstudium bereits sehr voll sind.

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