Das Leipziger Start-up bietet einen Wechselservice etwa für Stromverträge – und lockt mit einem besonders hohen Automatisierungsgrad.

Der Brief vom Energieversorger bringt meist schlechte Nachrichten: Seit Jahren steigen die Strompreise – im April stand laut dem Statistischen Bundesamt ein Plus von 4,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Doch das größte Sparpotenzial lassen viele links liegen: Nur eine Minderheit der Verbraucher in Deutschland macht sich die Mühe, Tarife zu vergleichen und zu einem günstigeren Anbieter zu wechseln.

Abhilfe verspricht Werner Kräutlein mit seinem vor zwei Jahren gegründeten Start-up: Wechselgott hat sich zum Ziel gemacht, die Strom- und Gaspreise für seine Kunden dauerhaft zu senken. Dazu lässt sich das Leipziger Start-up entsprechende Vollmachten geben – und kümmert sich fortan um den Anbieterwechsel. Das geschieht nicht nur einmalig, sondern meist im Jahrestakt: „So nutzen wir Neukunden-Boni voll aus“, sagt Kräutlein. Geld verdient das 18-köpfige Start-up nicht über Provisionen, wie es bei Vergleichsportalen üblich ist. Stattdessen behält Wechselgott 20 Prozent des Betrags, den die Kunden dank der App sparen, ein.

Kooperation mit Wechselpilot

Brandneu ist die Idee nicht. Dienste, die das Anbieter-Hopping übernehmen, gibt es bereits mehrere. Zu den bekannten zählen Esave, Switchup, Remind.me, Wechselpilot und Wechselstrom. Die Besonderheit bei Wechselgott: Das Fintech macht es den Kunden besonders leicht. Sie müssen nicht wie sonst üblich erst einmal die Daten ihres bisherigen Vertrags irgendwo eingeben. Stattdessen verbindet sich Wechselgott mit dem Girokonto und schließt aus den Abbuchungen des Versorgers auf den Tarif und die Verbrauchsdaten.

Überraschend ist: Mit einem der vermeintlichen Konkurrenten kooperiert Kräutleins Start-up sogar. „Beim eigentlichen Wechselprozess verlassen wir uns auf das Know-how von Wechselpilot“, erklärt der Gründer. „Unsere Kompetenz ist die Automatisierung im Vorfeld.“ Ähnlich wolle das Start-up nun auch vorgehen für Versicherungs- und DSL-Tarife, die sich künftig auch über die App optimieren lassen sollen.

Ungewöhnlich ist auch Vertriebsmodell von Wechselgott. Denn während bisherige Anbieter viel Geld in das Online-Marketing stecken müssen, setzt Kräutlein auf Kooperationen mit Banken, die seine App anpreisen. Dafür werden sie ebenso wie die Technologiepartner am Gewinn beteiligt. „Banken haben angesichts der Niedrigzinsphase ein massives Ertragsproblem“, sagt Kräutlein. „Und im Bereich einfacher Verträge haben sie sich leichtfertigt Kunden von Vergleichsportalen wie Check24 oder Verivox abjagen lassen.“

Zwei Volksbanken als Gesellschafter

Um bei Geldinstituten Fuß zu fassen, hat Kräutlein schon vor der Gründung nach passenden Kooperationspartnern Ausschau gehalten. Über den Leipziger Inkubator 2be Ahead Ventures kam der Kontakt zur Volksbank Mittweida zustande. Beide Unternehmen beteiligten sich von Anfang an bei Wechselgott. „Das hat uns sehr geholfen, die Prozesse und Abläufe bei Banken zu verstehen“, sagt der Gründer. Als externer Dienstleister, so seine Überzeugung, wäre er mit seiner Idee schnell abgeblitzt.

Inzwischen ist bei Wechselgott auch die Volksbank Dortmund-Nordwest eingestiegen. Das Institut beteiligte sich kürzlich im Zuge einer über eine Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde. Laut Kräutlein wollen 18 weitere Genossenschaftsbanken ebenfalls mit dem Start-up kooperieren. Denkbar sei auch eine Integration in die Banking-Apps der jeweiligen Institute. Privatbanken und Sparkassen bleiben zunächst außen vor.

Früher am Start als die Allianz

„Wir positionieren uns als Partner der Genossenschaftsbanken“, sagt der Gründer. Potenziell könne man so bereits 30 Millionen Endkunden erreichen. Grundsätzlich steht der Dienst aber auch Kunden anderer Geldinstitute offen. Denn seit September vergangenen Jahres müssen Banken anderen Dienstleistern auf Kundenwunsch hin einen Zugriff aufs Konto gewähren. Grund sind Vorgaben der neuen Zahlungsrichtlinie PSD2. Bei den Partnerbanken sei aber eine tiefere Integration möglich, so Kräutlein.

Konkurrenz droht dem Leipziger Fintech durch den Versicherungsriesen Allianz mit seiner Ausgründung Iconic Finance. Die baut derzeit einen Dienst namens Heymoney auf. Der Ansatz gleicht sich: Auch dort sollen Verträge aller Art automatisch optimiert werden. Wie das Handelsblatt berichtet, soll der Dienst noch im Laufe des Jahres starten. Kräutlein sieht sich nicht nur wegen des früheren Starts im Vorteil. Er setzt auch darauf, dass Kunden die größere Unabhängigkeit von Wechselgott anerkennen – vor allem, wenn es um Verssicherungen geht.