Dass die Wirtschaftskrise eine wichtige Rolle spielte, davon ist auch Miguel Fontes, Direktor des Inkubators Startup Lisboa überzeugt, aber nicht in der Art und Weise, wie es oft zu hören sei. „Es ging nicht darum, dass die jungen Leute keine Jobs hatten und aus der Not heraus ein Startup gründeten. Die Krise hat uns, oft auf schmerzhafte Weise, gezeigt, dass es so etwas wie einen sicheren, lebenslangen Job nicht mehr gibt. Das hatte einen massiven Einfluss auf unsere Unternehmenskultur. Etwas Eigenes zu versuchen sehen die jungen Portugiesen nicht mehr als Risiko, sondern als Chance.“

Dass Lissabon nicht mehr nur für Sonne und Surfen steht, sondern auch für Start-ups, hat sich mittlerweile in der europäischen Tech-Szene herumgesprochen. Immer mehr junge Firmen werden von dem Boom angezogen. Und das nicht nur wegen des attraktiven Start-Up-Ökosystems. „Lissabon ist eine sehr lebenswerte Stadt, das macht uns noch einmal attraktiver“, sagt Fontes.

Dem kann Christophe Lassuyt nur zustimmen. Der gebürtige Franzose ist im Juni mit seinem Start-up Moneytis, einem Vergleichsportal für Online-Geldtransfers, von Amsterdam nach Lissabon umgezogen.

Warum Lissabon? „Das Startup-Ökosystem boomt, die Regierung investiert viel ins Unternehmertum. Die Kosten hier sind außerdem viel geringer als in den meisten anderen Städten Europas, vier Mal geringer als beispielsweise in Paris. Das Geld, das ich mir hier spare, kann ich in neue Mitarbeiter stecken. Das Klima spielte natürlich auch eine Rolle, Lissabon ist die wärmste europäische Hauptstadt – und die nächsten Strände sind nur 20 Minuten entfernt. Wir brauchen hier keinen Urlaub zu machen, den haben wir jedes Wochenende.“

Billig wie Berlin bei südeuropäischen Temperaturen und fast 300 Sonnentagen im Jahr – eine Kombination, die auch Christian Dvorak überzeugt hat. Der Österreicher lebte acht Jahre lang in London, wo er zuletzt die Gästelisten-App Snafflz aufbaute. „London hat natürlich Vorteile, Kapital ist leichter zu finden. Aber grundsätzlich hast du dort kein gutes Umfeld“, sagt er über die britische Hauptstadt.

Extrem hohe Mieten machen es schwer, gute Programmierer zu finden, weil die von den großen Konzernen direkt von der Uni weggekauft werden. Alles Dinge, die in Lissabon kein Thema sind. „Die Aufbruchsstimmung, dieser Start-up-Spirit, der hier herrscht, hat mich sofort angesteckt. Ich fühle mich in Lissabon extrem willkommen. Und London ist nur einen billigen Flug entfernt.“

Viele in der Lissaboner Start-up-Szene sind optimistisch, dass Portugal gerade an der Schwelle zu einer profunden Transformation steht – nicht zuletzt durch den Schub, den der Web Summit bringen könnte. „Ich hoffe, dass er helfen kann, mehr Investoren nach Portugal zu bringen. Es ist immer noch eine Herausforderung, Kapital zu finden.“, sagt Samuel Martinz, einer der Gründer von Prodsmart, Hersteller eines Echtzeit-Analytik-System für Montagelinien, der kürzlich nach Deutschland expandierte.

„Der Web Summit ist eine riesige Bühne, um Lissabon zu präsentieren“, sagt Rocha Vieira vom Accelerator Beta-I, „er bringt aber auch Druck, zu liefern. In den nächsten Jahren müssen wir uns beweisen und mehr Kapital anziehen.“ Wird Lissabon also das neue Berlin oder gar San Franciso? Rocha Vieira lächelt: „Lissabon ist das neue Lissabon.“