Fintechs boomen, Frauen sind bei den Start-ups jedoch in der Minderheit. Aber wieso?

Von Hanna Decker

Die Fintech-Branche erlebt seit ein paar Jahren einen Hype. Die Unternehmensberatung Barkow Consulting zählt in Deutschland inzwischen mehr als 450 Fintech-Start-ups. Doch Frauen sind in der Branche in der Minderheit.

Die Plattform Innotribe hat in einer Studie (.pdf) im vergangenen Jahr die Rolle von Frauen in Führungspositionen von Fintechs weltweit untersucht. Das Ergebnis: In den größten 50 europäischen Fintechs gab es gerade mal einen weiblichen CEO. Auch in den weiteren Führungspositionen sieht es nicht besser aus: Von 222 Stellen waren gerade mal elf von Frauen besetzt, das entspricht einem Anteil von 4,95 Prozent.

Aber warum? 

Vielleicht deshalb, weil Fintech-Start-ups in der Schnittstelle zwischen Banking, Technik und Gründung liegen. Und diese drei Sektoren sind bei Frauen besonders unbeliebt: Auch in den klassischen Großbanken finden sich kaum Frauen in Führungspositionen. Für Informatik begeistern sich deutlich mehr Männer als Frauen: Laut Statistischem Bundesamt kamen 2014 auf 18.900 männliche Absolventen 3.800 weibliche. Und von den Start-up-Gründern in Deutschland sind nur 13 Prozent Frauen, zeigt der Deutsche Start-up-Monitor 2015

Christine Kiefer ist eine der wenigen Frauen im Fintech-Bereich. Nach fünf Jahren als Analystin bei Goldman Sachs in London zog sie 2012 nach Berlin, wo sie die Geschäftsführung des Online-Zahlungsanbieters Billpay übernahm – als noch niemand den großen Fintech-Boom kommen sah. „In der Zeit waren die Gründerin von Ratepay, Miriam Wohlfarth, und ich eigentlich die einzigen Frauen in der Branche“, sagt Kiefer. 

Mittlerweile ist sie Gründerin und Geschäftsführerin von Pair Finance, einer Art modernem Inkasso-Unternehmen. Aber das Problem, dass kaum Frauen im Geschäft mitmischen, ist geblieben. Deshalb hat die 35-Jährige vor wenigen Wochen das Netzwerk „Fintech Ladies“ gegründet. Ihr Ziel: „Wir wollen die wenigen Frauen, die es gibt, vernetzen, uns austauschen und Synergien schaffen.“ 

Kiefer verweist auf verschiedene osteuropäische Länder, in denen deutlich mehr junge Frauen Informatik studieren. In Deutschland solle man schon in der Schule mehr Mädchen für die Themen Informatik, Technik oder auch Finanzen begeistern.

Dieser Meinung ist auch Salome Preiswerk. Die Schweizerin hat zusammen mit Birte Rothkopf die Online-Vermögensverwaltung Whitebox gegründet. Zuvor hat sie lange große Banken beraten. Sowohl im Top-Management als auch in der Kundschaft fanden sich kaum Frauen. „Geldanlage ist ein klassisches Männer-Thema“, sagt die 40-Jährige. Hinzu komme aber auch das Arbeitsumfeld, das viele Frauen abschrecke: „Die Bankenwelt ist sehr speziell im Umgang. Selbstbewusstsein und auch Egozentrik sind bei vielen nicht gerade schwach ausgeprägt. Ich kann schon verstehen, wenn Frauen sich das nicht unbedingt antun wollen.“

Sie wünscht sich einen solidarischeren Umgang miteinander: „Viele Frauen mussten die Ellenbogen ausfahren, um sich hochzukämpfen. Wenn da eine neue Frau kommt, wird die erst einmal skeptisch beäugt.“ Bankerinnen und Beraterinnen könnten sich beim kumpelhaften Umgang der Männer miteinander vielleicht noch etwas abgucken. 

Preiswerk findet, dass Netzwerke wie die „Fintech Ladies“ vor allem sichtbare Vorbilder für junge Frauen schaffen sollen. Nur dann könnten Frauen in der Fintech-Branche irgendwann zur Normalität werden.