Das Start-up wird Teil des familiengeführten Gesundheitsdienstleisters Ideamed. Der Markt für die digitale Versorgung bleibt in Bewegung. Rückenwind kommt auch aus der Politik.

Schlafstörungen, Erschöpfung, Stress: Psychische Belastungen haben immer auch Auswirkungen auf das Arbeitsumfeld – oder können durch das Umfeld in der Firma sogar begünstigt werden. Das Berliner Start-up Vivelia will seit seiner Gründung 2014 bereits 50.000 Sitzungen durchgeführt haben, um Arbeitnehmer in anstrengenden Phasen mit Coachings zu begleiten. In der Berliner Praxis oder dezentral via Videoanruf.

Das Konzept: Firmen buchen das Angebot als zusätzliche Dienstleistung für ihre Mitarbeiter – erfahren aber nichts über die Ergebnisse aus den Coachings. Als Referenzkunden werden Unternehmen wie Immobilienscout24, Idealo oder Amorelie genannt. Der Berliner Anbieter Coachhub setzt auf ein vergleichbares Modell, konzentriert sich im Videocoaching aber eher auf die Karriereentwicklung. Bei Vivelia steht dagegen die Betreuung durch Psychotherapeuten im Vordergrund.

Bayerische Klinikgruppe stärkt digitales Angebot

Jetzt erhält das Start-up einen neuen Besitzer. Zum Jahreswechsel übernimmt die mittelständische Gesundheitsgruppe Ideamed für eine ungenannte Summe alle Anteile an Vivelia, von denen einige zuvor der Reha-Klinikgruppe Dr. Becker gehörten. Zu der Gruppe gehören mehrere Kliniken in Bayern, die sich überwiegend auf integrative Psychotherapie spezialisiert haben. Vivelia-Gründer Daniel Kollmann soll die Integration noch begleiten und dann in eine beratende Rolle wechseln. Die Zusammenarbeit mit bestehenden Coaches soll weitergeführt werden – die Verwaltung des Start-ups in Berlin mit aktuell etwa 35 Mitarbeitern wird jedoch geschlossen und wandert an den Firmensitz von Ideamed.

Der Bedarf an psychotherapeutisch fundiertem und qualifiziertem Coaching steige, sagt Ludwig Klitzsch, Eigentümer und Geschäftsführer von Ideamed. „Durch die Kombination von persönlicher und ortsunabhängiger Betreuung können wir zukünftig noch gezielter auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen“. Das Angebot des Start-ups soll mit einem eigenen Programm der ebenfalls familiengeführten Klinikgruppe zusammengebracht werden. Unter dem Namen CIP Coaching Academy hat Ideamed nach eigenen Angaben bereits mit dem digitalen Coaching von Einzelpersonen begonnen, durch den Zukauf soll insbesondere das Geschäft mit Unternehmenskunden ausgebaut werden.

Ähnliche Transaktion vor wenigen Wochen

Damit sortiert sich der Markt für die digitale Versorgung weiter. Eine sehr ähnliche Transaktion wurde erst vor wenigen Wochen bekannt. Die Schön-Gruppe, ebenfalls mit Hauptsitz südlich von München, übernahm Moodpath, eine App zur Begleitung und Beobachtung der psychischen Gesundheit.

Die vergleichbaren Fälle zeigen: Insbesondere spezialisierte Anbieter im Gesundheitswesen fangen an, sich intensiver auf digitalere Angebote einzulassen – sei es mit eigenen Produkten, Übernahmen oder auch strategischen Beteiligungen. Ideamed hat etwa bereits seit 2016 in das französische Start-up Doctolib investiert. Das bietet einen Terminfindungs-Service für Ärzte und Patienten und ist dank hoher Investitionen auch in Deutschland auf Wachstumskurs.

Abhängig sind viele Start-ups in der Gesundheitsbranche von gesetzlichen Regeln. Geht es um die tatsächliche Behandlung via Video oder Chat, hatte die Lockerung des Fernbehandlungsverbots der Ärzteschaft im vergangenen Jahr für Schwung gesorgt. Für eine größere Marktdurchdringung und neue Umsätze könnte zudem das Digitale-Versorgung-Gesetz sorgen. Das wurde in der vergangenen Woche im Bundestag verabschiedet – und soll auch die Kostenerstattung von gesundheitsfördernden Apps ermöglichen.