Die niederländische Firma legt auch in Deutschland massiv zu – und will das traditionelle Fahrradgeschäft auf den Kopf stellen. Investoren stellen dafür jetzt 34 Millionen Euro bereit.

In der Karosserie des schnittigen Sportwagens spiegelt sich der Stau. Dann zerfließen die Formen des Autos – es entsteht ein Elekro-Bike mit klarer Formsprache. Mit diesem TV-Werbespot will das niederländische Start-up Vanmoof für seine Mission trommeln. „Uns geht es nicht um das Fahrrad selbst, sondern um die Veränderung der Pendlerströme“, sagt Co-Gründer Taco Carlier im Gespräch mit WirtschaftsWoche. In Frankreich wurde die Werbung aus dem Fernsehen verbannt, weil sie angeblich ein Klima der Angst erschaffe – das Start-up selbst vermutet dagegen die Interessen der werbestarken Autoindustrie hinter diesem Schachzug.

Ausgebremst sieht sich Vanmoof in jedem Fall nicht. In zwei Jahren habe sich der Umsatz verzehnfacht, aktuell strebt man die 100-Millionen-Dollar-Marke an, heißt es von dem 2009 gegründeten niederländischen Unternehmen. Etwa die Hälfte der Einnahmen stammen dabei vom deutschen Markt, der sich zuletzt jährlich verdreifacht habe. Und Vanmoof setzt weiter auf solche hohen Umdrehungen: Heute gibt das Start-up eine Finanzierungsrunde über 34 Millionen Euro bekannt – das dürfte die bislang größte Summe sein, die in das noch recht junge Segment der E-Bikes investiert wird. Insgesamt 61 Millionen Euro Risikokapital stecken nun in Vanmoof.

Risikokapitalgeber werden von den Wachstumsraten angelockt

Mit Norwest Venture Partners, Felix Capital und Balderton Capital kommt das Kapital nun von Investoren, die sich traditionell an schnell wachsenden Start-ups beteiligen. An die Fahrradbranche müssen sich die Geldgeber häufig noch etwas gewöhnen. Doch der „Hypergrowth“, von dem Carlier spricht, macht die Risikokapitalgeber neugierig. Auch andere E-Bike-Start-ups werden bereits mit Venture Capital unterstützt – beispielsweise Vanmoof-Konkurrent Cowboy aus Belgien.

Neben den starken Wachstumszahlen will Vanmoof auch einiges anders machen als traditionelle Fahrradhersteller: „Wir wollen die Industrie disruptieren“, sagt Carlier. Dazu gehört bei Vanmoof, dass alle Teile über die Jahre selbst entwickelt und designt werden. Und so direkt von Partner produziert und montiert werden können. „Als die Covid-19-Krise Lieferketten weltweit traf, war die einzigartige Kontrolle von Vanmoof über Design und Produktion ein entscheidender Vorteil“, sagt Balderton-Capital-Geschäftsführer Colin Hanna. Der andere Gesellschafter Felix Capital ist auch an dem Fitness-für-Daheim-Anbieter Peloton beteiligt, der ebenfalls in der Corona-Krise massive Umsätze vermeldete.

Anlehnen an Apple und Tesla

Beim Vertrieb setzt die E-Bike-Schmiede zudem auf ein Direktvermarktungsmodell: Etwa 80 Prozent der Fahrräder werden online über den eigenen Shop verkauft, so Carlier. Dazu kommen durchgestylte Shops in einigen Großstädten weltweiter und eine wachsende Anzahl von Pop-up-Stores. Dadurch muss das Unternehmen keine Marge an Fachhändler abgeben – ein Großteil des Umsatzes von aktuell etwa 2000 Euro für das Einstiegsmodell bleiben bei Vanmoof hängen.

Die Vorbilder für diese Strategien sind klar und äußerst prominent: „Apple und Tesla machen das sehr erfolgreich vor“, sagt Carlier, „wir lassen uns sehr stark davon inspirieren.“ Das gilt auch für das Wachstum: Wie bei Apple will Vanmoof auch über das Design eine treue Fanbasis aufbauen. Und wie bei Tesla will das Start-up von den Daten der Kunden lernen und zunehmend auch vernetzte Dienstleistungen anbieten – etwa eine Bestellung von Ersatzteilen über eine App. Eine Art Diebstahlsicherung durch ein eingebautes GPS ist heute bereits dabei.

Komplizierter Weg in den Massenmarkt

Einfach wird der Weg in den Massenmarkt dennoch nicht. Aktuell wächst das 320-köpfige Team stark – seit Jahresbeginn sind etwa 100 Mitarbeiter dazugekommen. „Es herrscht durchaus Druck, bei der Nachfrage oder auch beim Kundenservice hinterherzukommen“, räumt Carlier im Gespräch ein. Je ein Drittel der frisch eingeworbenen 34 Millionen sollen nun den Ausbau der Produktion, in die Produktentwicklung und in die Service-Plattform fließen. Ab Ende dieses Jahres will Vanmoof ein Netzwerk an „Bike-Doctors“ aufbauen, die bei technischen Problemen bei Kunden vorbeischauen.

Die Zahl der eigenen Shops soll sich zaghaft weiter erhöhen – auch in einigen deutschen Großstädten. Doch generell setzt das Start-up langfristig auf den direkten Absatz via Webshop. „Die Menschen gewöhnen sich mehr und mehr daran, online zu kaufen“, ist Carlier überzeugt. Andere Start-ups, die auf diesen sogenannten Direct-to-Consumer-Ansatz vertrauen, werden an der Schwelle zum Massenmarkt häufig noch ausgebremst – weil global gesehen nur recht kleine Anteile der Bevölkerung auch teure Güter im Internet erwerben.

Nachdem Vanmoof lange davon profitierte, dass die eigenen E-Bikes in den sozialen Netzwerken fleißig von Fans beworben wurden, dürfte daher zumindest das Marketing demnächst mehr werden. Auch TV-Spots, wie sie nicht nur in Frankreich, sondern auch in den Niederlanden und Deutschland getestet wurden, können dazugehören. Insgesamt ist das Team um Taco und seinen Bruder Ties Carlier jedoch überzeugt, dass die Begeisterung für Elektro-Fahrräder weiter steigt. „Das war die erste Revolution, die von den Älteren gestartet wurde“, sagt Carlier. „Aber nun entdecken es Pendler in den Großstädten der ganzen Welt für sich.“