An der University of Houston geben Unternehmer ihre Ideen an Studierende ab und bekommen nach einem Semester ein marktfertiges Produkt zurück.
Von Katharina-Luise Kittler

In den Business- und Kommunikationsfakultäten der University of Houston lernen Studenten dieses Semester Entrepreneurship nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis kennen. Universitätseigene Ideen wurden in die Hände von Wirtschafts- und PR-Studenten gegeben, damit Ende des Jahres ein fertiges Produkt auf den Markt gebracht werden kann. Dabei arbeiten die Studenten sehr eng mit den Ideenentwicklern zusammen und werden damit selbst zu jungen Gründern.

Als sich die drei Gruppen Anfang des Semesters zum ersten Mal trafen, stießen Welten aufeinander. Während die Produktinventoren zu großen Teilen aus dem Ingenieurbereich kommen, studieren die angehenden Entrepreneurs Wirtschafswissenschaften und Public Relations. Auch in diesen beiden Feldern gibt es große Unterschiede. Herausgeputzte Anzugträger treffen auf „Kommunikationsleute“ in Jeans. Haley Hart, PR-Studentin im ersten Mastersemester, ist eine der begeisterten Jeansträgerinnen und arbeitet dieses Semester zusammen mit den anderen jungen Gründern.

„Am Anfang mussten wir uns natürlich mit unserem Produkt auseinandersetzen und den abstrakten Gedankengang dahinter verstehen“, erzählt Haley. Sie arbeitet zusammen mit den Businessstudenten an dem Produkt „DotLens“, das durch Vergrößerungslinsen Mikroskope in Schulen ersetzen will. „Die meisten Leute denken, dass es zu Anfang nur eine gute Idee braucht und Leute, wie die Wirtschaftsstudenten, die sie umsetzen. Aber wir PR-Studenten sind ebenfalls unerlässlich für den Gründerprozess“, sagt die 23-Jährige. Durch die Kooperation zwischen Business und PR School, können die jungen Gründer das volle Potential ihres Produkts ausschöpfen.

„Öffentlichkeitsarbeit befindet sich zwischen den Feldern der Geistes- und Wirtschaftswissenschaften“, sagt Dr. Jennifer Vardeman-Winter, die den Entrepreneurship-Kurs für die PR-Studenten an der Jack J. Valenti School of Communication seit vier Semestern unterrichtet. „Unsere Studenten machen durch die Zusammenarbeit mit den Entrepreneurs der Business School wertvolle Erfahrungen in den Bereichen Kundenkommunikation, Research und strategisches Management. Dabei sind sie gleichzeitig Teil ihrer eigenen Firma und entwickeln ein neues Produkt“, erzählt die Dozentin. Während des Semesters erstellen die PR-Studenten Kommunikationspläne, kümmern sich um Social Media und Website ihres Produkts und entwerfen als Abschlussprojekt einen PR-Plan für das kommende Geschäftsjahr ihres Unternehmens.

Jana Spitzley hat den Kurs vor einem Jahr belegt und ist von der Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren, Wirtschafts- und PR-Studenten begeistert. „Wir konnten die Inhalte, die wir in der Theorie in anderen Modulen gelernt haben, endlich anwenden“, sagt die gebürtige Deutsche, die vor acht Jahren in die USA gezogen ist. „Die Ingenieure geben ihre Ideen an die Businessstudenten weiter, weil sie keine Ahnung davon haben, wie das Produkt markttauglich gemacht werden kann. Dann kommen noch die PR-Studenten ins Spiel, die das Projekt mit ihrer Expertise im Bereich Kommunikation unterstützen. Diese Zusammenarbeit ist super und es sollten viel mehr Fakultäten so eng miteinander kooperieren“, stellt die Masterstudentin fest.

Entrepreneurship ist fester Bestandteil des Curriculums für Wirtschaftsstudenten an der University of Houston. „In 15 Jahren wird sich alles nur noch um Unternehmensgründungen drehen“, sagt Ken Jones, Direktor des Wolff Center of Entrepreneurship an der University of Houston. „Unsere Studenten können nicht früh genug lernen, wie es ist eine Idee in ein Unternehmen umzusetzen und ein erfolgreiches Produkt auf den Markt zu bringen.“ Die Wirtschaft floriere gerade durch die vielen Start-ups und Innovationen und diese Entwicklung dürfe an den Universitäten nicht vorbeigehen. „Durch die Kooperation mit den Ingenieuren hier an der Universität und den PR-Studenten, lernen unsere Studenten, wie ein Start-up erfolgreich aufgebaut werden kann. Am Anfang steht nur eine Idee und es liegt in der Verantwortung der Studenten diese Idee in ein Produkt zu verwandeln“, sagt Jones.

Spricht man mit Studierenden an deutschen Universitäten, dann wird das Thema Gründen meistens nur am Rande behandelt. „Ich studiere International Business Administration an der Hochschule Emden und bei uns wird Entrepreneurship nur bei Bedarf angeboten. Es ist kein fester Bestandteil des Curriculums“, sagt Nina Harbecke. Sie beendet im Februar ihr drittes Semester in Emden und würde eine Kooperation, wie sie in Houston stattfindet, unterstützen. „Ich finde so eine Kooperation sinnvoll, da Studenten für die Herausforderungen interpersoneller Fähigkeiten sensibilisiert werden, die sowohl im akademischen Feld als auch im internationalen Business verlangt werden. Zudem sind die Aneignung kommunikativer Fähigkeiten, Moderations- und Präsentationstechniken sowie Teamarbeitskompetenz wichtig, um in Zukunft täglich bedeutsame Managementaufgaben zu bewältigen“, sagt die 25-Jährige.

An der University of Houston ist ein kompletter Bachelorstudiengang auf Entrepreneurship ausgelegt. Ganz anders sieht es in der Betriebswirtschaftsleere an der Universität Osnabrück aus. Anne Christin Münning studiert dort im zweiten Mastersemester BWL und wünscht sich mehr Veranstaltungen zum Thema Gründen: „Man kann ein Seminar dazu belegen. Ansonsten wird darüber gar nicht gesprochen. Ein Professor erwähnte sogar mal, dass die Uni Osnabrück die wenigsten Gründer hervorbringt. Meiner Meinung nach sollte es auf jeden Fall viel mehr sein.“ Umstritten ist trotzdem, ob man Entrepreneurship wirklich im Hörsaal oder Seminarraum lernen kann. „Auf das, was „da draußen“ wartet, kann keine Uni zu 100 Prozent vorbereiten. Man kann aber zumindest eine Basis schaffen. Ich bin nun im Master und interessiere mich für Entrepreneurship. Aber ich weiß gar nicht so recht, wie ich das anpacken soll. Worauf muss ich Acht geben? An wen kann ich mich wenden, wenn ich zum Beispiel die Finanzierung planen möchte? Was für Gefahren gibt es? Ich finde, dass uns die Unis mehr motivieren sollten, eine Gründung zu wagen“, sagt Münning.

An der University of Houston wird Wert auf Vorbereitung gelegt, denn die Studierenden lernen jeden Prozess des Gründens während ihres Studiums kennen. DotLens ist an der Business School eines der Produkte, das am Anfang nur aus einer Idee bestand. In kürzester Zeit schafften es die Studenten mikroskopische Linsen herzustellen und diese unter Naturwissenschaftslehrern in Texas bekannt zu machen. „Im November ist unser Team das erste mal auf einer Messe gewesen und hat das Produkt vorgestellt“, erzählt Haley Hart. „Wir haben viel Arbeit in unser Marketingmaterial und den Messestand gesteckt und waren überrascht von dem großen Interesse an DotLens.“ Im Anschluss an die Messe wurde der Auftritt des Teams ausgewertet und neugewonnene Kontakte wurden per Email angeschrieben. „Das ist genau die Praxisnähe, die wir uns für unsere Studenten wünschen“, sagt Dr. Vardeman-Winter. „Erfahrungen wie die Produktpräsentation auf einer Messe machen die meisten jungen Gründer erst nach ihrem Uniabschluss. Wir vermitteln diese Skills bereits während des Studiums.“

Die Kooperation zwischen den Ingenieuren der University of Houston und den Wirtschafts- und PR-Studenten wird auch im kommenden Semester weitergeführt. „Im nächsten Semester wollen wir unser Produkt richtig bekannt machen“, sagt Haley. „Wir werden an unseren Beziehungen zu den Medien arbeiten, Medientraining mit den Businessstudenten absolvieren, eine Pressemappe erstellen und mit all diesen Instrumenten versuchen unser Produkt erfolgreich zu machen.“