Der US-Investor White Star Capital hat sich das Ökosystem in Deutschland angeschaut und sieht viel Potenzial. Ein Problem: Kapital kommt häufig von außerhalb des Landes – und das Know-how fließt beim Exit dorthin ab. Noch.

Für ein eigenes Büro in Berlin hat es noch nicht gereicht: Der US-Investor White Star Capital, hierzulande unter anderem an Clark oder Tier beteiligt, steuert das europäische Portfolio aus dem Londoner Büro. Doch der Blick auf das deutsche Start-up-Ökosystem fällt nahezu enthusiastisch aus. In einem aktuellen Report, der WirtschaftsWoche Gründer vorab vorlag, lobt White Star Capital das Potenzial: Eine starke wirtschaftliche Basis, viele Talente von den Hochschulen und eine wachsende Kapitalbasis für Start-up-Investitionen. „Wir glauben intensiv an den anhaltenden Erfolg und planen, unsere Präsenz hier zu verdoppeln“, heißt es von Managing Partner Eric Martineau-Fortin.

Dabei ist Deutschland kein ganz einfaches Pflaster für internationale Investoren. Während sich in Großbritannien oder Frankreich fast alle Aktivitäten auf die jeweiligen Hauptstädte fokussieren, sind die Start-ups in Deutschland stärker über das gesamte Land verteilt. Doch mit Berlin, München, Hamburg und Frankfurt gebe es relevante Hubs, sagt General Partner Nick Stocks gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. Dazu käme ein kollegialer Austausch unter vielen Start-up-Finanzierern: „Die lokalen Risikokapitalgeber und Business Angels sind quer durch das Land gut miteinander vernetzt und sehr partnerschaftlich”, so Stocks. „Sie teilen ihre Ideen oft mit ihren Partnern im ganzen Land“.

Intensiver Austausch zwischen den Investoren

Auch die staatliche Förderbank KfW fällt dem US-Investor positiv auf. Sie spiele eine wichtige Rolle bei der Vielfalt der Finanzierungsmöglichkeiten, sagt Stocks. Das könnte sich noch verstärken: Die Pläne des Wirtschaftsministeriums sehen vor, mehr Mittel über verschiedene Vehikel der KfW auszuschütten. „Darüber hinaus gibt es in Deutschland viele erstklassige Tech- und Risikokapital-Konferenzen“ sagt Stocks, „die bieten eine gute Gelegenheit, um herumzukommen und regelmäßig Investoren und Start-ups aus dem ganzen Land zu treffen.“ Neben Berliner Szene-Events wie dem Tech Open Air gibt es beispielsweise auch den Pirate Summit in Köln, die Bits & Pretzels in München oder die Hinterland of Things in Bielefeld, die regional und national bei der Vernetzung helfen wollen.

Gerade in der frühen Phase von Start-ups sind dadurch die Möglichkeiten zum Austausch und zur Kapitalgewinnung gut. Anders sieht es jedoch aus, wenn es um spätere Entwicklungsschritte geht. Dieses klassische Problem des deutschen Ökosystems findet sich auch im Report von White Star Capital wieder. Nach den Zahlen der Untersuchung ist der Anteil des Risikokapitals von internationalen Investoren, das in neuen Finanzierungsrunden in deutsche Start-ups gesteckt wurde, stetig angeschrieben. 2014 waren es noch knapp über 40 Prozent, im vergangenen Jahr fast 90 Prozent. Das kommt vor allem dadurch zustande, dass die Finanzierungsrunden im dreistelligen Millionenbereich – etwa bei N26 oder Flix Mobility – in der Regel von ausländischen Geldgebern angeführt werden.

Aufholjagd bei den Exits

Die positive Interpretation: Deutsche Start-ups können mit ihrer Technologie und ihrem Business-Plan internationale Top-Investoren auf sich aufmerksam machen. Negativ betrachtet: Je größer ein Start-up hierzulande wirkt, umso weniger Anteile liegen noch bei lokalen Investoren. Das setzt sich ultimativ auch bei einem Exit fort. Etwa vier von fünf Start-ups werden laut den Zahlen von White Star Capital an internationale Firmen verkauft. Kürzlich schnappte sich US-Anbieter Bird den deutschen E-Scooter-Mitbewerber Bird, vor einem Jahr wurde Data Artisans aus Berlin von Alibaba übernommen, 2017 sicherte sich ein schwedischer Konkurrent die Mehrheit am Hamburger Spielestudio Goodgame.

Große internationale Tech-Firmen seien traditionell die aktivsten Aufkäufer, sagt Investor Stocks. In Deutschland spiele der Mittelstand eine zentrale Rolle und biete auch viele Möglichkeiten für Start-ups – „aber er hat typischerweise nicht das Budget, um Later-Stage-Tech-Übernahmen“ zu schultern, so Stocks. Doch White Star Capital rechnet damit, dass demnächst auch deutsche Firmen noch aktiver als Käufer auftreten könnten. Daimler, BMW, Lufthansa, Allianz und andere hätten damit begonnen, Beteiligungs- und Investmentvehikel zu bauen, sagt Stocks. „Wir sehen, dass diese Konzerne aktiver darin werden, Start-ups zu übernehmen – das wird sich sehr positiv auf das deutsche Ökosystem auswirken.“