Mit Präventions-Angeboten wie Pelvina hat sich das Start-up am Markt etabliert. Der Schlüssel: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten bereits.

Auf die große Konkurrenz weist Gloria Seibert schon prominent auf der Startseite ihres Start-ups Temedica hin: Über 300.000 Gesundheits-Apps, so heißt es dort, seien weltweit verfügbar – und täglich kämen 200 hinzu. Die ehemalige Unternehmensberaterin sieht in den Zahlen vor allem eine Bestätigung: Dafür, dass sie und ihr Mitgründer Clemens Kofler in einer Boom-Branche unterwegs sind. Und dafür, dass sie frühzeitig auf den aktuell stark wachsenden Markt für digitale Gesundheitslösungen gesetzt haben.

Gegründet 2016, ist es Temedica tatsächlich gelungen, sich mit einem Bündel an Apps in Deutschland zu etablieren. Zu den Angeboten gehört etwa Pelvina – ein Online-Kurs, der sich an Frauen richtet und mit dem der Beckenboden trainiert werden kann. Bei Mineo dreht sich dagegen alles um das Rückentraining, auf der Plattform können Ärzte auch individuelle Trainingspläne für ihre Patienten erstellen. Gerade in den Startlöchern steht Waya, eine App, die sich als „digitaler Begleiter auf dem Weg zum Wunschgewicht“ versteht.

Sich unter all den Gesundheit-Apps behaupten können sich die Angebote aus München vor allem aus zwei Gründen: Sie sind qualitativ hochwertig – und für die Nutzer dennoch häufig gratis. Denn die Kosten werden von den meisten gesetzlichen Krankenkassen ganz oder teilweise erstattet beziehungsweise schon bei der Anmeldung übernommen. Der Schlüssel dafür: Das Start-up hatte sein Angebot bei der von den Krankenkassen eingerichteten Zentralen Prüfstelle für Prävention zertifizieren lassen. Außerdem gibt es Verträge mit einzelnen Kassen.

Apps auf Rezept kommen

„Wir mussten uns tief in die regulatorischen Vorgaben einarbeiten und sehr viel Überzeugungsarbeit leisten“, sagt die Gründerin. Ähnliche Erfahrungen machten auch andere Start-ups im Gesundheitssektor – obgleich viele Krankenkassen sich zuletzt offen für Kooperationen mit Digitalunternehmen gezeigt haben. So hat etwa Lindera mit seiner KI-gestützten Bewegungsanalyse zahlreiche Kassen von sich überzeugen können. Gleiches gilt für den digitalen Rückencoach des Rosenheimer Start-ups 8sene. Viele potenzielle Anbieter dürften die zeitraubenden Verhandlungen und nötigen Zertifizierungen aber von einem Marktabtritt abgehalten haben.

In diesem Jahr könnte sich die Situation grundlegend ändern: Nach dem im November verabschiedeten Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG) können Ärzte Gesundheits-App künftig auch verschreiben. Voraussetzung dafür ist, ist dass der Anbieter eine Prüfung beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte durchlaufen hat. Die Erstattungshöhe verhandelt der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. „Neue Start-ups finden eine viel geregeltere Landschaft vor“, sagt Seibert. Auch Temedica prüfe, welche Chancen das neue Gesetz bietet – noch sei aber in der Umsetzung vieles unklar.

17 Millionen Euro Wachstumskapital

Um seine Marktposition auszubauen, hat das Start-up sich nun frisches Kapital bei Investoren besorgt. 17 Millionen Euro kamen bei der Finanzierungsrunde zusammen, die von MIG angeführt wird. Die Münchener VC-Firma ist aktuell mit ihren Fonds an 25 Unternehmen beteiligt – und hatte zuletzt unter anderem in das auf Quantencomputer spezialisierte Start-up IQM investiert. Weitere Geldgeber bei Temedica sind Santo Venture Capital – eine Wagniskapitalfirma der Hexal-Gründer Andreas und Thomas Strüngmann – sowie Salvia. Die Firma ist das Investmentvehikel von Helmut Jeggle, Geschäftsführer beim Strüngmann-Unternehmen Athos Service. An der Finanzierungsrunde beteiligt waren zudem die Bestandsinvestoren G+J Digital Ventures und Bernd Wendeln, ein Münchener Business Angel. Mit Hilfe des frischen Kapitals soll das aktuell 40-köpfige Team stark ausgebaut werden. Bis zum Jahresende plane sie mit etwa hundert Mitarbeitern, so Seibert.

Bei der Entwicklung neuer Apps setzt das Start-up stark auf Kooperationen mit Medizintechnikunternehmen. Die Idee: „Unsere Partner bringen das Know-how zu bestimmten Krankheitsbildern ein, wir entwickeln und betreiben die App“, sagt Seibert. Dabei profitiert das Start-up davon, dass es eine Art Baukastensystem geschaffen hat. Verschiedene Programmmodule können so relativ schnell zusammengestellt und für den jeweiligen Anwendungsfall angepasst werden. Zu den bisherigen Kooperationspartner gehört Medi, ein Hersteller von Kompressionsstrümpfen.

Auf der Agenda der Gründerin steht außerdem die Internationalisierung. Die große Herausforderung dabei: Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind von Land zu Land verschieden.