Das Start-up konnte seine Nutzerzahlen seit Beginn der Pandemie um 200 Prozent steigern. Investoren honorieren den Erfolg mit einer kräftigen Finanzspritze.

Backen, nähen, malen. Während des Corona-bedingten Lockdowns haben sich viele Deutsche ein Hobby zugelegt. Plötzlich war Zeit da – und die wollte sinnvoll (und möglichst spaßig) gefüllt werden. 

Profitiert hat von diesem Trend auch das Berliner Start-up Tandem, das über eine App Menschen zum Sprachen lernen miteinander verbindet. Zehn Millionen Mitglieder aus 180 Ländern sind nach Angaben des Unternehmens aktuell auf der Plattform registriert und können Sprachpartner aus rund 300 Sprachen wählen – darunter 20 Gebärden- und 20 indigene Sprachen und sechs fiktive Sprachen wie Mandalorianisch oder Klingonisch. Die Nutzer, die vorab je nach Interessen, Hobbys und Sprachlernstlen gematcht werden, bringen sich ihre Muttersprachen gegenseitig via Text-, Audio- und Video-Chat bei. Eine Korrekturfunktion und Übersetzungshilfen unterstützen die Konversationen.

„Während zahlreiche herkömmliche Lernangebote geschlossen sind, ist unsere Community seit dem Beginn der Corona-Pandemie um 200 Prozent gewachsen”, sagte Co-Gründer und CEO Arnd Aschentrup gegenüber WirtschaftsWoche Gründer.

Fünf Millionen Euro von Investoren

Er glaubt, dass dieser Erfolg auch langfristig Bestand haben wird – und auch die Investoren scheinen davon überzeugt. Sie steckten dieser Tage fünf Millionen Euro in das Unternehmen. Angeführt wird die Runde von dem auf EdTech spezialisierten europäischen Frühphaseninvestor Brighteye Ventures. Mit an Bord sind außerdem Trind Ventures, Rubylight Limited und GPS Ventures. Insgesamt hat Tandem seit seiner Gründung im Jahr 2015 7,5 Millionen Euro eingesammelt. Das Produkt habe sich in dieser globalen Krise bewährt und sei beeindruckend gewachsen, ließ sich Alex Spiro, Managing Partner von Brighteye Ventures, in einer Pressemitteilung zitieren. 

Mit dem Geld sollen die App und ihre Funktionen weiterentwickelt werden. „Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie hat sich die Nutzung unserer Video-Chat-Funktion verdreifacht, was die Nachfrage nach einem Sprachaustausch per Live-Video verdeutlicht. Insofern freuen wir uns darauf, neue Formate zu entwickeln, mit denen Menschen online und mithilfe von Video- und Audio-Tools auf der Tandem-App gemeinsam lernen können“, so Arnd Aschentrup. Außerdem solle das Team in den kommenden Monaten von derzeit 24 auf 50 Mitarbeiter steigen. 

Konkurrenz durch Babbel&Co

Der Markt an Sprachlern-Apps hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. Neben bereits etablierten Anbietern wie Babbel hat eine Reihe neuer Start-ups in den letzten Monaten hohe Finanzierungsrunden abschließen können, etwa das in der Ukraine gegründete Preply, das Lehrer und Schüler in Videokonferenzen zusammenbringt, oder das amerikanische Unternehmen Chatterbug, das ebenfalls auf die Vermittlung von Tandempartnern setzt. 

Arnd Aschentrup sieht sein Start-up in einer Hinsicht im Vorteil: “Wir wissen aus eigener Erfahrung wie mühselig es sein kann eine neue Sprache zu lernen. Darum setzen wir auf Sprachpartnerschaften, durch die sich Freundschaften entwickeln und dank der man sich sozial und emotional engagiert.“ Diese engen Bindungen zwischen den Nutzern führe dazu, dass ein Drittel der Mitglieder auch nach einem Jahr noch sehr aktiv sei, so Aschentrup: „Für viele wird es zu einem dauerhaften Bestandteil ihres Lifestyles einen weltweiten, internationalen Bekanntenkreis von Sprachfreunden zu haben und mit deren Hilfe die eigenen Sprachkenntnisse ständig zu verbessern.“

Austausch in der realen Welt

Welche starke Wirkung die Begegnung im Netz haben kann, haben Arnd Aschentrup und Tobias Dickmeis bereits vor dem Start von Tandem während ihres Studiums an Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover gemerkt. Damals gründeten sie eine Online-Community für Comedy-Autoren, in der Mitglieder übers Internet zusammenarbeiteten, um anschließend ihre Gags und Ideen an beliebte deutsche Late-Night-Shows verkaufen zu können.

Dennoch glauben Aschentrup und Dickmeis auch an die Notwendigkeit eines Austauschs in der realen Welt: „Schließlich sind echte, lebensnahe Verbindungen der Grund dafür, dass wir Sprachen überhaupt erst lernen. Wir hören oft Geschichten von unseren Mitgliedern, die zum ersten Mal außerhalb ihres Heimatlandes reisen, um ihre Tandempartner persönlich zu treffen und wirklich in die Kultur eintauchen zu können.“