Das Karlsruher Start-up hat sich ein Segment gesucht, in dem Angebot und Nachfrage noch kaum digital vermittelt werden. Die Gründer wissen, dass sie einen langen Atem brauchen – und erhalten jetzt Unterstützung von Investoren.

Ein Schriftzug auf der Schulter, eine Blume am Knöchel, ein Muster auf dem Oberarm: Die Zahl der Menschen mit Tattoos nimmt zu – Studien gehen davon aus, dass etwa zehn bis 20 Prozent der Deutschen Verzierungen auf der Haut tragen. Die Kunstwerke entstehen in vielen kleinen Studios quer durch Deutschland. Tätowierer werben auf Instagram oder bei Facebook für sich, dazu kommen Empfehlungen von zufriedenen Kunden in der Heimatstadt – dann geht es meist in den direkten Austausch vor Ort.

Ein Start-up will diesen Prozess nun erweitern: „Das Produkt ist im Trend, aber die Abläufe sind noch veraltetet“, sagt Felix Marmann. Mit seinen zwei Co-Gründern bei Styng will er davon profitieren. Denn das junge Unternehmen möchte zu einer zentralen digitalen Plattform für potenzielle Kunden und Tattoo-Studios werden. Die Vermittlung, die aktuell noch selten digitalisiert und automatisiert stattfindet, könnte nach den Vorstellungen der Gründer in Zukunft über Styng stattfinden.

Alle wollen zur Plattform werden

Der Begriff Plattform weckt dabei Begehrlichkeiten: Wer sich als zentrale Schnittstelle zwischen Angebot und Nachfrage positioniert, kann mit kleinen Kommissionen oder zusätzlichen Dienstleistungen viel Geld verdienen. Wem es gelingt, zum unverzichtbaren Vermittler zu werden, kann die Gebühren zudem später auch leichter erhöhen. Anleger und Investoren blicken daher häufig neugierig auf Plattform-Modelle.

Webseiten, die einen Vergleich über Preise und Anbieter ermöglichen, haben enormes Wachstumspotenzial. Amazon dominiert zunehmend den Handel, Spotify schafft Ähnliches für den Musikmarkt, Airbnb hat die Hotellerie entscheidend verändert. Auch in viel kleineren Branchen gibt es ähnliche Ansätze. Das Start-up Travelperk will eine Plattform für Geschäftsreisen werden, Closelink gar zum digitalen Marktplatz für maritime Schmiermittel. Jetzt also Tattoos. „Wir wissen, dass da noch echt viel Luft nach oben ist, was Kundenzugang und -service angeht“, sagt Marmann.

Aktuell steht das Start-up, das vor knapp einem Jahr online gegangen ist, aber vor den klassischen Herausforderungen einer Plattform im Aufbau. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage muss stimmen. „Tätowierer haben erst einen Mehrwert, wenn ausreichend Kunden auf der Seite zu finden sind – und umgekehrt“, sagt Marmann.

Keine Einnahmen in der Aufbauphase

Die Strategie von Styng: Erst einmal möglichst viele Studios auf die Seite bringen. „Wir wollen erst einmal die Supply-Seite hochfahren“, sagt Marmann. Die Tätowierer können sich mit Fotos von gelungenen Verzierungen präsentieren, sortiert nach Postleitzahl und Motiven. Aktuell ist sich das insgesamt knapp zehnköpfige Team viel auf Messen unterwegs, um bei den Tätowierern für das Portal zu werben.

Geld verdienen die Gründer dabei noch nicht. Auch das eine klassische Herausforderung von Plattformen: Auf dem anvisierten Markt muss eine gewisse Größe erreicht werden, bevor die Anbieter bereit sind, tatsächlich für die Vermittlung neuer Kunden zu bezahlen. „Erstmal wollen wir einen Mehrwert bieten, bevor wir anfangen zu monetarisieren“, sagt Marmann. Das könnte etwa eine Kalenderfunktion für Studios sein, die im Moment noch Anfragen via Telefon, Mail oder Social-Media-Nachricht bündeln müssen.

Dabei zählt auch das Tempo: Wenn Konkurrenten mit einer ähnlichen Idee schneller wachsen, könnten Kunden und Anbieter abwandern. In den meisten Märkten herrscht ein „Winner-takes-it-all“-Prinzip – zwei oder drei Tattoo-Plattformen will ein Nutzer mutmaßlich nicht miteinander vergleichen. Noch ist Styng aber allein unterwegs: Einige wenige Webseiten weisen auch Studios aus, setzen aber eher auf ein Verzeichnis-Modell. Dabei zahlen Tätowierer eine monatliche Gebühr, um gelistet zu werden.

Investoren helfen mit mit Kapital und Know-how

Für die kostspielige Aufbauphase hat Styng jetzt Investoren an Bord geholt. Die Geldgeber stellen eine mittlere sechsstellige Summe zur Verfügung. Zum einen kommt das Kapital von der staatlichen L-Bank aus Baden-Württemberg. Zum anderen beteiligen sich Software-Unternehmer und der Privatinvestor Dominik Groenen, der mit seiner Initiative Orangery aktuell Start-up-Geist in deutsche Mittelstädte bringen will. Die Privatinvestoren wollen Styng auch operativ im Tagesgeschäft beim Wachstum helfen, etwa beim Aufbau von Kundenmanagement-Systemen.

Hilfe erhielten Marmann und sein Team auch vom CyberLab in Karlsuhe. Der vom Land geförderte Accelerator unterstützte das Start-up dabei, das Geschäftsmodell zu entwickeln und zu verfeinern. Die Tattoo-Gründer, die dafür extra von Mannheim umzogen, waren dabei eher Exoten: Karlsruhe ist an sich ein Zentrum für Start-ups rund um Künstliche Intelligenz und andere hochtechnische Themen. „Gerade weil der Deeptech-Fokus hier ist, wurden wir als B2C-Konzept mit offenen Armen aufgenommen“, berichtet Marmann.