Kaum noch Neugründungen – aber immer mehr Kooperationen: Finanz-Start-ups sind dabei, sich neu zu sortieren. Besonders in einer Nische sehen Experten aber noch reichlich Platz.

Die Zahl der neugegründeten Fintechs in Deutschland nimmt stetig ab. Das zeigt zumindest eine Untersuchung des Sparkassen Innovation Hubs gemeinsam mit der Beratungsgesellschaft EY. Sie zählten im vergangenen Jahr gerade einmal acht neue Start-ups, die im Kern auf die Finanzbranche zielten. In den Jahren zuvor waren es noch jeweils mehr als 20 neue Finanz-Start-ups, 2016 und 2017 sogar um die 60 Neugründungen. „So wie es aussieht, ist der Fintech-Markt aktuell sehr gesättigt mit Business-Modellen“, sagt Bernd Wittkamp, Vorsitzender der Geschäftsführung der Star Finanz, einem IT-Dienstleister der Sparkassen.

Damit gehört diese Branche zu den am weitest entwickelten Sektoren in der deutschen Start-up-Szene. Das Thema E-Commerce mit Vorreitern wie Zalando hat schon eine umfangreiche Wachstumsphase hinter sich. Auch bei den Finanz-Start-ups konzentrierten sich die Investments zunehmend: Statt zahlreicher kleiner Anschubrunden konzentrierte sich viel Kapital auf große Tickets – wie etwa für N26, Wefox oder Raisin.

Noch gibt es 610 Fintechs

Den 610 in Deutschland aktiven Fintechs, die die Studie zählt, könnte nun eine Zeit der Marktbereinigung drohen. Die Studienautoren gehen dabei erst einmal von einem Anstieg an Kooperationen aus: „Die Phase des Gegeneinanders ist vorbei“, heißt es in dem Dokument. Angedeutet hatte sich das schon länger. Viele Fintechs waren mit aggressiven Kampfansagen gegen die etablierten Banken gestartet – und hatten Kommunikation und Geschäftsmodell in Richtung Zusammenarbeit gedreht.

Die traditionellen Finanzinstitute, deren Druck sich im Moment noch einmal erhöht, könnten aber sowohl bei Partnerschaften als auch bei Übernahmen das Tempo erhöhen: „Das wahrscheinlichste Szenario aktuell ist die Zusammenarbeit zwischen Banken und Fintechs“, sagt Wittkamp gegenüber WirtschaftsWoche Gründer, „und zwar in Hinblick auf einzelne dezidierte Services und bestimmte Geschäftsmodelle.“ Vereinzelt könne es auch zu Übernahmen unter Fintechs kommen. Das Altersvorsorge-Start-up Fairr schlüpfte im vergangenen Sommer beispielsweise bei Raisin unter.

Mit Spannung blicken viele Branchenbeobachter auch auf die Aktivitäten von Google und Co. Denkbar seien Zukäufe oder Übernahmen von Fintechs durch Tech-Konzerne in jedem Fall, so Wittkamp. „Momentan gehen wir aber davon aus, dass diese nicht alle Bankprodukte oder Services anbieten werden.“

Potenzial für Proptechs

Ein Hindernis für schnelle Start-ups bleibt der hohe Regulierungsgrad in der Finanzbranche. Im Jahr 2019 rangen viele Fintechs um eine Lizenz für die europäische Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2. Nach Zählungen der Studie sicherten sich 13 Start-ups eine solche Genehmigung. Sie ermöglicht es etwa, an die Konten von Banken zusätzliche Dienstleistungen anzudocken.

Trotz der zahlreichen Mitspieler: In einigen angrenzenden Bereichen sehen auch die Experten noch Platz für Start-ups. So seien „viele neue Geschäftsmodelle von Proptechs im Bereich der Baufinanzierung in der Entstehung“, sagt Wittkamp. Hier tummeln sich neben Branchenriesen wie Interhyp oder Dr. Klein zunehmend auch Start-ups. Manche davon allerdings mit der Starthilfe etablierter Player: Nist, angestoßen durch Wüstenrot und BCG Digital Ventures, ist zu Anfang März komplett im Gründungskonzern aufgegangen. Ein eigenes Marktsegment, das vom Immobilienboom profitieren will, sind Crowdinvestment-Plattformen wie Exporo, Zinsland oder Bergfürst.