Das Berliner Start-up entzieht Datensätzen den Personenbezug – und ermöglicht Unternehmen so gesetzeskonformes Experimentieren. Die Beratungsgesellschaft sichert sich jetzt fast 50 Prozent an Statice.

Das große Gesetz feiert bald seinen dritten Geburtstag: Mitte Mai ist es drei Jahre her, dass die Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verpflichtend in Kraft trat. Das Regelwerk legte unter anderem den Umgang mit personenbezogenen Informationen fest – und droht hohe Strafen an, wenn Unternehmen nicht korrekt mit diesen Daten umgehen. Parallel steigt jedoch bei vielen Konzernen und Mittelständlern das Interesse, aus digitalen Informationen neue Erkenntnisse oder Produkte abzuleiten.

Doch das ist nicht einfach: „Es wird viel über die Regularien gesprochen und über die Frage, wie man ordnungsgemäß mit den Vorgaben umgeht“, beobachtet Omar Ali Fdal (im Bild). Er hat 2018 das Start-up Statice mitgegründet. Das Versprechen der Berliner: Die Algorithmen entziehen großen Datensätzen den Personenbezug – ohne ihre statistische Aussagekraft zu verringern. „Es geschieht auf eine Art, die den Charakter der Originaldaten erhält“, formuliert es Fdal. Statt gelöschter Geburts- oder Adressdaten generiert die Software neue Informationen, Statice nennt sie synthethische Daten. „So erschaffen wir gewissermaßen neue Personen, die nicht existieren, sich aber in der Gruppe genauso verhalten.“

Start-up erzeugt sythethische Daten

Mit dem Geschäftsmodell richtet sich Statice vor allem an Konzerne aus der Finanz- oder Pharmawelt. Bei Gesundheitsdaten geht es häufig um die Forschung, bei Banken und Versicherungen um interne Auswertungen: „Mit unserem Programm wollen die Unternehmen das Risiko reduzieren und die Geschwindigkeit in ihren Projekten erhöhen“, sagt Fdal. Der Synthetisierungsprozess läuft dabei komplett auf den Servern der Kunden, so dass das Start-up nicht direkt mit den Kundendaten in Kontakt kommt.

Mit ihrem Modell zielt Statice auf große Organisationen. Der Kontakt kam vor Corona häufig auf Veranstaltungen zustande, heute setzt das 14-köpfige Team auf Studien und Berichte, um Unternehmen neugierig zu machen. Ein neuer Gesellschafter soll zudem jetzt die Vertriebskraft deutlich erhöhen: Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC ist bei Statice eingestiegen – und hat sich nach eigenen Angaben direkt mit knapp 50 Prozent an dem Start-up beteiligt. „Wenn wir die Produktentwicklung anschauen, dann werden Daten und Technologie ein wesentlicher Teil unserer Wertschöpfungskette“, sagt Marcus Hartmann, Chief Data Officer bei PwC Deutschland, im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. „Genau da passt Statice sehr gut rein.“

PwC hilft bei Produkt und Vertrieb

In drei Bereichen sieht Hartmann dabei Potenzial für Kooperationen: Erstens will PwC das Anonymisierungstool für die eigene Arbeit verwenden. Zweitens wolle man gemeinsam neue Produkte für den Markt entwickeln. Und drittens wollen die Berater zukünftig in Kundenprojekten häufiger Statice ins Spiel bringen – da geht es häufig im Fragen des Datenmanagements: „Das Start-up bringt das technische-methodische Wissen zur Anonymisierung mit, wir die Branchenkenntnisse“, sagt Hartmann. Beratungsunternehmen suchen bei diesen Themen immer wieder die Nähe zu Start-ups. McKinsey übernahm etwa im vergangenen Jahr den Nürnberger Softwareanbieter Orpheus, der sich auf eine KI für den Einkauf spezialisiert hatte.

Wieviel Geld PwC für den Anteil an Statice auf den Tisch legte, ist unbekannt. Das Berliner Start-up war gestartet als ein Projekt des Company-Builders WattX, hinter dem der Heizungsbauer Viessmann steckt. Zusätzliches Kapital kam von den Risikokapitalgebern Westtech und Capnamic. Mit PwC habe Statice nun einen perfekten strategischen Partner gefunden, um das Wachstum zu beschleunigen, gibt Capnamic-Partner Jörg Binnenbrücker dem Start-up zum Abschied mit auf den Weg.