Auch in der Pandemie müssen junge Tech-Firmen weiter wachsen. Eine aktuelle Studie zeigt: Die Krise könnte sogar dabei helfen, einige neue Kundengruppen zu erschließen.

Massenentlassungen, Kündigungswellen, die Abspaltung von ganzen Sparten: Die Hiobsbotschaften aus der etablierten Wirtschaft häufen sich in den vergangenen Wochen. Aus der Start-up-Welt kommen positive Nachrichten: Im Schnitt wollen junge Digitalfirmen in den kommenden zwölf Monaten sechs Mitarbeiter einstellen. Das zeigen die Zahlen des Startup-Monitors, der heute vom Bundesverband Deutsche Startups veröffentlicht wurde (hier geht es zum kompletten PDF). „Der Start-up-Sektor ist weiterhin ein Job-Motor“, urteilt Tobias Kollmann, der als Professor an der Universität Duisburg-Essen die Studie verantwortete.

Nach und nach wächst die Belegschaft der deutschen Start-ups. Im Schnitt sind es nun bereits gut 14 Angestellte, etwa einer mehr als in der Befragung vor einem Jahr. In den Gründerzentren Berlin und München liegt die Durchschnittsgröße der Teams heute bereits über 30. Klar ist jedoch auch: Noch ist die absolute Größe der überaus aktiven Branche überschaubar. Die Belegschaft aller 2000 Tech-Unternehmen, die an der nicht-repräsentativen Befragung teilnehmen, addiert sich auf 26.000 Mitarbeiter – das entspricht der Zahl der Stellen, die alleine bei der Lufthansa wegfallen könnten.

Mit Staatshilfe und Produktfokus durch die Krise

Auch die erfolgsverwöhnte Start-up-Szene wurde von der Corona-Krise hart getroffen. Im ersten Schock Mitte März fürchteten drei Viertel der deutschen Tech-Firmen um ihre Existenz. Zum Zeitpunkt der Befragung im Mai und Juni rechneten ein ähnlicher Anteil immer noch mit deutlich negativen Auswirkungen. Zum Wachstum sahen viele Gründer aber keine Alternative: „Man hat als Start-up die Notwendigkeit, die Produkte auf die Märkte zu bringen, davon hängt die Überlebensfähigkeit“, sagt auch Wissenschaftler Kollmann. Viele Businesspläne sehen jahrelang planmäßig Verluste vor – erst ab einem gewissen Marktanteil oder einer Produktreife lohnt sich das Geschäft.

In der Krise konnten die Start-ups jedoch davon profitieren, dass sie in der Regel mit eher kleineren Teams unterwegs sind. Fast jedes dritte Unternehmen nahm laut Startup-Monitor die staatlichen Soforthilfen in Anspruch, etwa jedes fünfte schickte Mitarbeiter in Kurzarbeit. Weil viele etablierte Unternehmen erst einmal Kooperationen und Aufträge auf Eis legten, fokussierte sich gut die Hälfte der Start-ups auf die Produktentwicklung. Immerhin jede dritte junge Digitalfirma überarbeite jedoch auch noch einmal das bisherige Geschäftsmodell. „Die Flexibilität und Agilität der Start-ups kam ihnen hier zugute“, sagt Franziska Teubert, Geschäftsführerin des Startup-Verbands.

Einige der jungen Tech-Firmen hoffen zudem darauf, dass die Folgen der Pandemie dem eigenen Geschäft langfristig Schwung verleihen. „Wir haben durch Corona so etwas wie einen Digitalisierungsschub erfahren“, sagt Kollmann. Start-ups, die sich auf die Themen Bildung oder Medizin konzentrieren, wurden mit ihren Lösungen teilweise über Nacht zu Helfern in der Not.

Suche nach neuen Kundengruppen und Kapitalgebern

Insbesondere das Geschäft mit der öffentlichen Hand könnte in Zukunft interessanter werden. Laut der aktuellen Umfrage machen die Start-ups knapp 70 Prozent mit anderen Unternehmen, etwa zu einem Viertel direkt mit Endkunden – und nur knapp fünf Prozent der Erlöse stammen von Behörden: „Hier sehen wir deutliches Potenzial“, sagt Florian Noell, ehemaliger Vorsitzender des Startup-Verbands und heute bei der Beratungsgesellschaft PwC.

Unabhängig von der Krise bleibt die Herausforderung, in jeder Wachstumsphase ausreichend Kapital einzuwerben. Bei Fördergeldern oder Investitionen von Business Angels sieht der Verband die deutsche Finanzierungslandschaft bereits gut aufgestellt. Mangelware bleibt weiterhin der Zugang zu Risikokapital. Gut 18 Prozent der Start-ups aus der Umfrage haben mittlerweile Finanzinvestoren an Bord – doch 42 Prozent der Start-ups streben danach. Außerhalb Berlins klafft die Schere zwischen Wunsch und Realität dabei stark auseinander. Gerade Venture-Capital-Gesellschaften aus dem Ausland tun sich häufig schwer, die dezentrale Start-up-Szene in Deutschland zu überblicken.

Die Grundlagen sowohl für die Gründungen als auch deren regionale Verteilung legen häufig die Hochschulen. Hier zeigt sich auch im Startup-Monitor: Von Technischen Universitäten aus München, Karlsruhe oder Aachen stammen zwar die meisten Gründer. Keine Uni aber stellt mehr als 2,5 Prozent der Start-up-Initiatoren – die akademischen Wurzeln der Gründer verteilen sich breit über die Landkarte.