Chancen für Start-ups und Mittelständler: In Bielefeld diskutierten Gründer, Unternehmer und Politiker darüber, wie gesunde Ökosysteme für die Zusammenarbeit wachsen könnten.

Eigentlich, so ist sich Digitalstaatsministerin Dorothee Bär (CSU) sicher, stünden in Deutschland die richtigen Zutaten für die erfolgreiche Zusammenarbeit von Start-ups und Mittelständler bereit. Man sei Logistikweltmeister, immer noch erfolgreich in der Automobilbranche, führend bei der Sensorik. Was jedoch immer wieder bremse, sei ein „German Bedenkenträgertum“.

Auf einem Podium bei der „Hinterland of Things“-Konferenz, die die von der Bertelsmann-Stiftung initiierte Founders Foundation gestern zum zweiten Mal in Bielefeld veranstaltete, stimmten alle Teilnehmer Bär zu: Nach mehr als einem Jahrzehnt, in denen Berlin sich zu einem Zentrum der Start-up-Szene entwickelt hat, könnte die Entwicklung hin in die Fläche gelingen. Doch noch fehlt vielen der etablierten Unternehmen an manchen Stellen der Mut.

Kompetenz in der Fläche

„Die nächsten großen Themen wie Künstliche Intelligenz sind hochkomplex – die werden nicht mehr an einem zentralen Standort stattfinden“, sagte etwa Udo Schloemer, der mit der Factory die Berliner Gründerwelt eng begleitet hat. Studien hatten jüngst gezeigt, dass sich noch kein dominierender Standort für KI-Start-ups in Deutschland herausgebildet hat – manche junge Firmen bleiben nahe an ihrer Heimathochschule, andere rücken in die Nähe der potenziellen Kunden.

In vielen anderen Branchen sieht es ähnlich aus. In Westfalen, im Schwabenland oder in Bayern sitze extreme Ingenieurskompetenz, um Probleme der Industrie zu lösen, betonte Schloemer. „Da sind die Leute mit den geilsten Ideen, aber vielleicht nicht mit der Skalierungskompetenz“. Einen weiteren wichtigen Vorteil brächten regionale Ökosystemen mit, bei denen sich digitale Start-ups mit tradierten Familienunternehmen verbünden, ergänzte Bär: „Hier kennt man die Leute, das hat ganz viel mit Vertrauen zu tun.“

Angst vor der Öffnung

Das Potenzial ist also da, die Vorbehalte existieren jedoch ebenfalls: Das beginnt schon bei Coworking-Spaces, in denen Teams von Mittelständlern Seit’ an Seit’ mit Mitarbeitern aus anderen jungen und traditionsreichen Firmen sitzen. „Es gibt immer noch Vorbehalte, dass man sich nicht mit einen Konkurrenten in einen Raum setzen will“, sagte Verena Pausder, die mit Fox&Sheep unter anderem ein Start-up gegründet hat, das Apps für Kinder entwickelt. Man müsse mehr probieren und wagen, forderte auch Eduard Dörrenberg, einer der Geschäftsführer des Alpecin-Herstellers Dr. Wolff, seine Kollegen auf: „Das größte Problem ist immer noch die Angst, sich zu vernetzen.“

Viel falsch machen könne man kaum durch eine finanzielle und ideelle Unterstützung von Start-ups, bekräftigte Factory-Gründer Schloemer. Mindestens entspränge einer solchen Förderung der Zugriff auf gut ausgebildete Talente – gerade auch für den Mittelstand ein zentrales Thema. Immer wieder zeigen Studien, dass sich Mittelständler vor allem kreative und technische Fähigkeiten von den Start-ups abschauen wollen. „Viele Übernahmen betreffen nicht unbedingt die Geschäftsmodelle, sondern vor allem die Ideen und Talente“, so Schloemer.