Veränderung statt Vermögen: Sozial-Start-ups werden aktiver und sichtbarer. Doch noch fehlen Kapital und klare Strukturen für die Skalierung.

Ein Verein, eine Genossenschaft, eine klassische GmbH – oder doch die gemeinnützige Variante davon? Bei der Wahl der passenden Rechtsform sind sich deutsche Sozial-Start-ups unsicher. Das zeigt die zweite Auflage des Deutschen Social Entrepreneurs Monitor, die heute in Berlin vorgestellt wurde (hier geht es zum PDF). Die 212 Start-ups, die sich an der Umfrage beteiligt haben, haben viele Gemeinsamkeiten: Sie zielen unter anderem mit ihrem Unternehmen darauf, die Nachhaltigkeitsziele der Uno zu verfolgen und haben Wirkungsziele für ihre Organisation festgelegt.

Doch bei der Organisationsform tun sich viele Start-ups schwer. „Social Enterprises sind sehr heterogen“, halten die Studienautoren fest. Die große Frage: Wollen die jungen Firmen sich eher in einer sozial oder wirtschaftlich orientierten Rechtsform entwickeln? Der erste Weg macht es schwierig, Investoren für die Wachstumsphase an Bord zu holen – der zweite sorgt für hohe steuerliche Belastungen.

Neue Rechtsform für Sozial-Start-ups gesucht

Andere Länder seien bereits weiter und hätten eine eigene Rechtsform für Sozialunternehmer geschaffen, bemängelt das Social Entrepreneur Netzwerk Deutschland (SEND), das die aktuelle Studie erstellt hat. „Deutschland ist also bislang eines der wenigen Länder, dass sich dem Thema noch nicht angenommen hat“, sagt SEND-Vorsitzender Markus Sauerhammer. Der Verein unterstütze einen Rechtsreformvorschlag der Stiftung Verantwortungseigentum. Der sieht unter anderem vor, dass ein Unternehmen als zentralen Wert versucht, den Selbsterhalt zu sichern. Gewinne fließen daher nicht als Ausschüttung an die Gesellschafter, sondern halten das Kapital frei für die Unternehmensentwicklung.

Durch diese neu festzuschreibende Rechtsform „gehört das Unternehmen sich selbst, es dient nicht den Shareholdern, sondern seinem Zweck“, sagte Mit-Initiatorin Genica Schäfgen von der Google-Alternative Ecosia zum Start der Stiftung im vergangenen November. „Es freut mich sehr, dass sowohl große Familienunternehmen wie auch junge Start-Ups und Plattformökonomie-Unternehmen heute gemeinsam an der Weiterentwicklung unserer Sozialen Marktwirtschaft arbeiten“, lobte Wirtschaftsminister Peter Altmaier die Initiative.

Zu wenig Rendite für Risikokapitalgeber

Neben der Suche nach der passenden Rechtsform bleibt die Kapitalsuche eine große Herausforderung für junge Sozialunternehmer. Das Problem: Klassisches Risikokapital kommt meist von Investoren, die ihren Einsatz vervielfachen müssen. Das zwingt die Start-ups zum Fokus auf ein Wachstum des Umsatzes und vor allem des Gewinns. Viele Sozial-Start-ups streben dagegen eine Skalierung ihrer Wirkung an. Laut der aktuellen Umfrage werden nur 8,5 Prozent der Jungfirmen von Business Angels unterstützt. Klassisches Venture Capital haben sogar nur 2,4 Prozent der Firmen erhalten.

Doch die Branche ist optimistisch. Es gebe aktuell eine gro0e Dynamik, sagt etwa Sauerhammer: „So gibt es mehrere Frühphasenfonds, die gerade aufgebaut werden.“ In dieser Woche verkündete etwa der Münchener Risikokapitalgeber Yabeo, seine nachhaltigen Investments in einem sogenannten „Impact Fund“ zu bündeln. Angestrebt ist ein Fondsvolumen von 50 Millionen Euro. In Deutschland ist außerdem beispielsweise der spezialisierte Geldgeber Ananda Impact Ventures unterwegs – auch hier stehen 50 Millionen Euro bereit.

Mehr Förderung von der öffentlichen Hand gewünscht

Was jedoch noch fehle, sei eine geregelte finanzielle Unterstützung von Bund, Ländern und Kommunen, sagt Sauerhammer. „In Deutschland gibt es zwar viele Finanzierungs- und Förderinstrumente der öffentlichen Hand für die Gründungs- und Start-up-Förderung – die Zielgruppe der Social Entrepreneurs wird aber bislang konsequent ignoriert.“

Andere europäische Länder machen es nach Ansicht des Verbands besser: In Großbritannien steht etwa Big Society Capital parat, initiiert von der Regierung und gefüllt mit Überschüssen aus der staatlichen Lotterie sowie von großen Banken. In Frankreich wurde Ende 2018 ein Fonds gestartet, der binnen fünf Jahren eine Milliarde Euro aus öffentlichen und privaten Quellen in Sozialunternehmen investieren soll.