Tech-Unternehmen in Europa haben noch nie so viel Geld erhalten wie 2019. Start-ups müssen sich immer häufiger mit unterschiedlichen Arten von Investoren befassen.

Eine Million Euro – nur für den Anschub: Diesen durchschnittlichen Wert für eine sogenannte Seed-Finanzierungsrunde in Europa hat die Beratungsgesellschaft KPMG ermittelt. Auch in sehr junge Start-ups, die in der Regel nicht viel mehr als ein Konzept und vielleicht einen Prototypen vorweisen können, fließt also immer mehr Geld. 2016 lag die durchschnittliche Finanzierungsrunde noch bei etwa 500.000 Euro, zeigt die aktuelle Ausgabe der Datensammlung „Venture Pulse“ (hier geht zur Studienübersicht).

Auch insgesamt erreichte die Finanzierung durch Investoren neue Rekordstände. Für das vergangene Jahr vermeldet die Studie in ganz Europa knapp 34 Milliarden Euro. In Deutschland sind laut der Erhebung etwa 6,2 Milliarden Euro in Start-ups gesteckt worden – dieser Wert deckt sich mit der Erkenntnis der konkurrierenden Beratung EY vor wenigen Wochen.

Venture-Capital fließt selektiver

Institutionelle Risikokapitalgeber gingen dabei immer selektiver vor, beobachten die Berater. Die Prüfprozesse würden strenger, bei der Auswahl konzentrierten sich die Venture-Capital-Gesellschaften stärker auf bereits etablierte Start-ups. Bei der Zahl an erstmaligen Finanzierungen habe es daher 2019 einen deutlichen Rückgang gegeben, von knapp 1700 auf etwa 1250 Beteiligungen.

„Das ist noch kein Problem“, sagt KPMG-Partner Tim Dümichen, aber es könne in Zukunft eins werden: „Nämlich, wenn die Investoren in einigen Jahren ihre Investments versilbern und ihr Geld neu anlegen wollen.“ Viele Fonds von Finanzinvestoren sind auf sieben bis zehn Jahre angelegt. Innerhalb dieses Zeitraumes müssen die Start-up-Anteile dann möglichst gewinnbringend versilbert werden, um wiederum die eigenen Investoren auszahlen zu können. Die Experten erwarten, dass zukünftige Beteiligungen dann tendenziell eher an weiter entwickelte Start-ups gehen.

Reiche Familien entdecken Start-ups für sich

Dieser Trend könnte dazu führen, dass sich jüngere Start-ups noch häufiger mit unterschiedlichen Arten von Investoren auseinandersetzen müssen. Die Berater sehen besonders eine Gruppe auf dem Vormarsch: Die Vermögensverwaltungen von wohlhabendenden Familien, sogenannte Family Offices. Die seien aus zwei Gründen interessiert an Start-ups, sagt KPMG-Partner Stefan Kimmel: „Zum einen natürlich, um Return zu generieren. Aber auch, weil sie Investitionen brauchen, deren Technologie oder Anwendung sich für das eigene Business nutzen lässt.“

Gerade der deutsche Mittelstand mit seinen vielen familiengeführten Unternehmen ist hier prädestiniert für Beteiligungen an Start-ups. Über Family Offices könnten Start-ups „geduldiges Kapital“ erhalten, schreiben die Studienautoren. Aktuell treten die privaten Vermögensverwaltungen schon immer wieder auf. In vielen Fällen – wie etwa der Beteiligung am Cannabis-Start-up Demecan – bleiben sie aber zumindest gegenüber der Öffentlichkeit gerne anonym.

Im Hintergrund sind die Family Offices schon länger unterwegs – und beteiligen sich mit Millionensummen an bestehenden Fonds. Die direkte Investition in ein Start-up ist deutlich risikoreicher und aufwändiger. Schließlich müssen die Vermögensverwalter eigene Kompetenzen bei der Auswahl und Bewertung von jungen Tech-Unternehmen aufbauen.

Strategen gewinnen an Bedeutung

Die Family Offices investieren häufig mit einem ähnlichen Fokus wie die Beteiligungsgesellschaften von Konzernen. Dieses sogenannte Corporate-Venture-Capital gewinnt an Bedeutung. Laut der aktuelle Studie saßen diese Geldgeber im vergangenen Jahr häufiger mit an den Verhandlungstischen – an fast einem Drittel der Deals waren auch etablierte Firmen beteiligt. Die investieren ebenfalls häufig aus strategischen Gründen in Start-ups. Ihre Motive: Sie wollen das eigene Geschäftsmodell absichern oder ergänzen oder auch kulturell von den jungen Firmen lernen. Sie beteiligen sich in der Regel langfristiger – haben aber manchmal ein geringeres Interesse an einer schnellen Skalierung.