London, Paris, Berlin: Dorthin fließt das meiste europäische Risikokapital. Doch Deutschland schickt als einziges Land drei Orte in eine Top-20-Liste von EY. Diese Entwicklung birgt große Chancen für den Standort.

Bildungsstadt und Kulturstadt: Mit diesen Schlagwort wirbt Achern auf der Homepage für sich. Etwa 25.000 Einwohner hat die Stadt zwischen Baden-Baden und Offenburg – und eine Arbeitslosenquote von zwei Prozent. Zudem hat es die Stadt im Schwarzwald jetzt in das Start-up-Barometer Europa geschafft, das die Beratungsgesellschaft EY regelmäßig herausgibt.

Achern landet auf Platz 19 der 20 europäischen Städte, in die im ersten Halbjahr 2019 die höchsten Risikokapital-Investitionen flossen. Der Grund heißt Powercloud: Der IT-Dienstleister mit Spezialisierung auf die Energiebranche wächst mit voller Kraft, macht Tech-Gigant SAP zunehmend Konkurrenz – und hat nach Einschätzungen der Berater Anfang des Jahres knapp über 100 Millionen Euro Risikokapital erhalten.

Powercloud investiert 85 Millionen Euro in seiner Heimatstadt

Bestätigt sind diese Zahlen nicht, Fachinformationsdienste sprechen aber von einer niedrigen dreistelligen Investitionssumme, den Neu-Gesellschafter General Atlantic mitgebracht haben soll. Fest steht: Das 2012 gegründete Start-up hat in diesem Jahr angekündigt, für 85 Millionen Euro einen neuen IT-Campus in der Heimatstadt aufbauen zu wollen.

Das Beispiel Achern zeigt dabei, wohin die deutsche Start-up-Reise gehen kann – und wohin sie gehen sollte. Denn neben den großen Metropolen können auch kleinere Orte in der vermeintlichen Provinz zur Heimat von schnell wachsenden Digitalunternehmen werden.

Paris zieht an Berlin vorbei

Dabei geht es dann nicht unbedingt um die Spitzenplätze: 5,7 Milliarden Euro flossen trotz Brexit-Unruhen an Start-ups in London, 2,2 Milliarden Euro an Paris, knapp zwei Milliarden Euro an Berlin. Die französische Hauptstadt zieht zum ersten Mal bei Deals und Volumen an der deutschen Hauptstadt vorbei (hier geht es zum PDF der Studie).

Spannend wird es jedoch auf den hinteren Plätze der Rangliste: Dort finden sich viele europäische Hauptstädte aus kleineren Staaten. Aus ein paar Ländern schaffen es auch mehrere Orte auf die Liste: Spanien ist etwa mit Barcelona (Platz 6) und Madrid (Platz 12) vertreten, Zürich (Platz 17) und Lausanne (Platz 20) schaffen es aus der Schweiz, Frankreich bietet den Pariser Vorort Evry mit 131 investierten Millionen auf.

Aus Deutschland schafft es München mit 35 Deals und gut 170 Millionen investierten Euro auf Platz elf der Rangliste. Vermutlich der Powercloud-Deal allein reichte jedoch, um auch Achern in die Top-20 zu katapultieren. Dieser Trend könnte sich in den kommenden Jahren fortsetzen: Auch in Regionen wie Ostwestfalen, dem Ruhrgebiet, dem Großraum Nürnberg-Erlangen oder an der Ostseeküste wachsen sich Start-ups zu etablierten digitalen Mittelständlern aus.

Start-ups in den deutschen Regionen nehmen Anlauf

Die Zahl der Gründungen dürfte dabei noch deutlich zunehmen, weil die Politik die Start-up-Förderung in vielen Bundesländern für sich entdeckt hat. Relevant wird die Frage sein, in wie weit auch größere Finanzierungsrunde über 30 oder gar 100 Millionen Euro in diesen Regionen stattfinden werden. Noch blicken die großen Investoren, insbesondere aus dem Ausland, vor allem auf die großen deutschen Städte, wenn es um Beteiligungen geht. Klar ist aber auch: Wenn die Aussicht auf lukrative Deals besteht, fahren auch asiatische oder amerikanische Investmentmanager über baden-württembergische Bundesstraßen.

London bleibt so auf Jahre alleiniger Spitzenreiter in der EY-Rangliste, auch Paris wird mutmaßlich eher noch weiter davonziehen. Doch mehrere deutsche Städte könnten sich immer mal wieder einige Plätze auf der Top-20-Liste sichern.