Schafft es ein Start-up – oder scheitert es? Das fragen sich Investoren und Gründer gleichermaßen. Kölner Wissenschaftler wollen jetzt eine Formel gefunden haben, die bei der objektiven Einschätzung hilft.

Eins von zehn Start-up scheitert, heißt es oft. Belastbare Statistiken dafür fehlen. Und die Frage, welches von zehn frisch gegründeten Unternehmen genau überlebt, überfordert auch erfahrene Gründer und Investoren. Kapital und erste Umsätze können ein Indiz für den Erfolg sein. Oft spielt jedoch auch das Bauchgefühl von Geldgebern und Beratern eine große Rolle. Wissenschaftler der Rheinischen Fachhochschule Köln (RFH) unter Leitung von Professor Kai Buehler wollen jetzt ein Set von Fragen entwickelt haben, die zu einer belastbaren Aussage über die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Start-ups verhelfen.

Getestet hat Bühler die Fragen bei über 130 Tech-Start-ups aus Deutschland, die mindestens ein Jahr alt waren. Dazu kamen Gespräche mit 25 Investoren. Die Antworten auf Fragen in insgesamt 20 Unterkategorien sollen so einen Anhaltspunkt über die Chancen geben: „Für Investoren soll es eine Mini-Due-Diligence sein“, sagt Buehler im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. „Und Start-ups können mit dem Fragenkatalog ein bisschen den Finger in ihre Wunden legen – viele der angesprochenen Themen gehen operativ im Alltag oft unter“.

Hohe Werte, höhere Bewertung

In vier große Themenblöcke ist die Abfrage eingeteilt: Team, Tech & Product, Timing und Traction. Aus den Kapiteln setzt sich auch der Name des „4T-Scoring-Modells“ zusammen. Die Untersuchung zeigte nach Angaben von Bühler: Start-ups, die einen Score über 70 (von 100 maximalen Punkten) erreichten, legten um etwa 20 Prozent stärker zu als schwächer bepunktete Digitalfirmen. Im Fokus stand dabei die Unternehmensbewertung des Start-ups, nicht etwa tatsächliche Verkaufszahlen. „Den Umsatz zu messen, macht für junge Tech-Start-ups keinen Sinn“, argumentiert Buehler.

Eine Herausforderung: Auch weiche Faktoren in vergleichbare Werte zu übersetzen. Für die Frage nach unterschiedlichen Kompetenzen im Gründerteam gelang das etwa über eine Skala mit Antwortmöglichkeiten von „trifft nicht zu“ bis „trifft völlig zu“. Leichter ließen sich etwa die addierten Berufsjahre der Gründer kategorisieren. Klar ist trotzdem, dass bei vielen Angaben keine absolute Objektivität erreicht werden kann: „Es ist eine Selbsteinschätzung“, räumt Buehler ein.

Weiterempfehlung sorgt für Wachstum

Die Erkenntnisse sorgten jedoch auch bei ihm für Erstaunen: „Mit eines der stärksten Variablen ist das Timing – und Traction“, sagt Buehler. Zur Kategorie Timing zog das Hochschul-Team etwa die Frage nach einer Weiterempfehlungsrate heran. „Wenn ein Start-up mehr Empfehlungen bekommt als Bestellungen, dann setzt eine Viralität ein“, sagt Buehler. Die kann mit Verzögerung dann auch zu einem Umsatzwachstum führen.

Beim Blick auf die Traction ergründen die Fragen, wie kreativ die Start-ups dabei sind, mit wenig Kapital viel zu erreichen. Die RFH-Forscher greifen auf den Begriff der „Scrappiness“ zurück – wie viele Lücken leistet sich ein Start-up in der Organisation aus Spargründen und ist trotzdem erfolgreich.

Komplett offenlegen will Buehler, der lange Jahre selbst Digitalunternehmen gegründet, geleitet und verkauft hat, die Zusammensetzung des Fragenkatalogs aktuell noch nicht. Interessierte Start-ups und Investoren können sich aber melden, um mit bei der Weiterentwicklung von Daten und Formel zu helfen (hier geht es zu einer Kurzfassung der Studie als PDF). Die Auftraggeber und Unterstützer der Studie setzen bereits auf die neue Erfolgs-Abschätzung: Die Stadt Köln sowie die lokale Industrie- und Handelskammer wollen das 4T-Scoring-Modell künftig in ihre eigene Bewertung von Start-ups einfließen lassen.