Das Berliner Start-up plant die Lebensmittelrettung im großen Stil: Eine intelligente Software soll dabei helfen, Überschuss zu den passenden Abnehmern zu bringen – doch das Vorhaben ist komplex. 

Bei einem Großhändler bleiben Bananen zu lange liegen, bekommen braune Stellen – und werden aussortiert, bevor sie jemals einen Supermarkt erreichen. Bei einem anderen nähern sich Milchprodukte dem Mindesthaltbarkeitsdatum und lassen sich nicht mehr weiterverkaufen. Und anderswo stapeln sich Packungen mit Grillfleisch, das wegen schlechten Wetters weniger gekauft wird als sonst. Gute Lebensmittel ohne Abnehmer: Seriengründer Alexander Piutti will dafür eine Lösung gefunden haben.

Der Chef des Berliner Start-ups SPRK („Spark“) plant einen Kraftakt: Er will die Lieferketten der Lebensmittelindustrie grundlegend verändern – sodass von der Erzeugung beim Bauern bis hin zum Handel keine Nahrungsmittel mehr verloren gehen. Das Start-up geht von enormen Mengen aus: Allein in Deutschland will SPRK dazu beitragen, zwölf Millionen Tonnen an verschwendeten Lebensmitteln auf lange Sicht abzubauen.

Ziel sind optimierte Lieferketten

Dafür verfolgt die 2019 in die Testphase gestartete Firma einen zweistufigen Plan: erst retten, dann vermeiden. Konkret holt SPRK überschüssige Waren zum Beispiel beim Großhändler ab und bringt sie dahin, wo sie noch gebraucht werden können. Zu klein oder unregelmäßig gewachsene Äpfel gehen an den Saftproduzenten mit Nachhaltigkeitsanspruch, überschüssige Fleisch oder Milchprodukte gehen vor Ablauf an gemeinnützige Organisationen wie die Arche.

„Es gibt bereits viele sinnvolle Einzelinitiativen auf verschiedenen Stufen der Lieferkette. Aber wir sind die ersten mit einer übergreifenden Lösung, die von Bauern über die Produzenten bis hin zu den Großhändlern, Einzelhändlern und NGOs alle miteinbezieht“, sagt SPRK-Gründer und Geschäftsführer Piutti (vorne li. im Bild) im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Das Start-up verdient am Weiterverkauf der Lebensmittel, wenn auch mit Rabatt, und an Provisionen. Die Händler sparen Entsorgungskosten und kommen ihren Klima- und Nachhaltigkeitszielen näher.

In Zukunft will SPRK die Lieferketten grundlegend verändern. „Wir wollen langfristig nicht wie die Weltmeister retten, das ist jedoch mittelfristig notwendig“, sagt Piutti, der 2016 in einem ersten Anlauf das Start-up SirPlus mitgründete, das heute Shops für abgelaufene Lebensmittel betreibt. Mit einem ähnlichen Konzept ist auch Motatos aus Schweden unterwegs. „In Zukunft wollen wir Betrieben und Händlern entlang der Lieferkette mit unserer Software helfen, die eigenen Bestellzyklen zu optimieren. Also insgesamt die Überproduktion herunterzufahren, Ressourcen zu schonen und so einen massiven Klimabeitrag zu leisten.“

Fokus auf Daten und Logistik

SPRK will die großen Mengen bewegen – anders als etwa die bekannte Foodsharing-Initiative, die ursprünglich auf private Abholer setzte. Damit selbst Tonnen an verderblichen Lebensmitteln möglichst schnell und auf kurzem Weg zu den passenden Abnehmern kommen, nimmt sich das Start-up intelligente Software zur Hilfe. Die soll Muster erkennen und künftig vorhersagen, wo und wann voraussichtlich Überschüsse an Lebensmitteln anfallen. Von diesem Wissen könnte nicht nur die junge Firma profitieren, sondern künftig womöglich eine ganze Branche.

Um an die nötigen Daten zu kommen, dockt das Start-up an die IT-Systeme der Großhändler oder Produzenten an – um möglichst sofort von aussortierten Produkten zu erfahren. Bei den Abnehmern läuft die Erfassung noch deutlich aufwendiger: Wie viel Gemüse wird jede Woche benötigt? Häufig gehen dafür noch Fragebögen herum. Je mehr Informationen die Software zur Verfügung hat, desto besser kann sie die Lebensmittellieferungen koordinieren.

Die empfindliche Fracht von A nach B zu bekommen, ist allerdings eine Herausforderung. Aktuell mietet SPRK selbst Kühlfahrzeuge und beschäftigt einen Fahrer in Vollzeit, um den Pilotbetrieb in der Region um Berlin zu stemmen. Künftig aber will das Start-up mit Logistik-Kooperationen auskommen und setzt dabei auf Partnerbetriebe, die ihre freien Kapazitäten auf bestimmten Strecken zur Verfügung stellen. Als Berater soll der Gründer und CEO des Berliner Kurierdienstes Liefery, Jan Onnenberg, unterstützen.

Prominente Geldgeber

An einen Erfolg glauben mehrere Investoren, die als Anschubfinanzierung insgesamt einen einstelligen Millionenbetrag in die junge Firma stecken. Zu den Kapitalgebern der vor zwei Monaten abgeschlossenen ersten Finanzierungsrunde gehören überwiegend Start-up-Gründer und Unternehmer, wie SPRK heute offiziell mitteilt. Darunter etwa Patric Faßbender und Marcus Stahl, Macher der Tonieboxen, sowie die Business Angels Christian Vollmann und Jens Hewald. Außerdem beteiligen sich Fußballprofi Mario Götze und „Tatort“-Schauspieler Fahri Yardim.

Mit Know-how aus der Lebensmittelproduktion unterstützt zudem das Haas Family Office aus Österreich, wie das Start-up erklärt. Gerade die sogenannten Family Offices seien auf die Mission stark angesprungen, sagt Piutti. „So konnten wir die Anschubfinanzierung auch ohne klassische Risikokapitalgesellschaften stemmen, deren Exit-Orientierung mit einer nachhaltigen Impact-Ausrichtung oft nicht zusammenpasst.“

Seit vier Jahren ist der Seriengründer in Sachen Lebensmittelrettung unterwegs, zuvor baute er mehrere Digitalfirmen mit auf – darunter der Werbemarktplatz Overture, den das Online-Portal Yahoo 2003 für 1,6 Milliarden Dollar übernahm. Sein neuestes Projekt SPRK beschäftigt derzeit ein Kernteam aus zehn Personen, dazu kommen 30 externe Unterstützer und Berater. Demnächst soll das Team auf etwa 25 Mitarbeiter wachsen, in fünf Jahren sollen es bereits 150 sein. Doch noch steht die junge Firma ganz am Anfang. In einigen Monaten will SPRK neben der Region um Berlin auch weitere Metropolregionen wie München und Hamburg für sich erschließen.