„Die innovationsgetriebene Entwicklung von Digital Health in Deutschland ist aus vielen Perspektiven praktisch schon viel weiter, als das E-Health-Gesetz“, sagt auch Ulli Jendrik Koop. Als Investor hat er jahrelange im Gesundheitsbereich. Gerade sammelt er mit seinem „Digital Health Ventures“ Geld für einen neuen Fonds. Die ersten Investments sollen im April beginnen. Koop sagt: Viele Anwender hätten längst verstanden, was in der Gesundheitsversorgung digital möglich ist, in der Telemedizin oder mit dem eigenen Smartphone. „Jetzt ist es an der Zeit, dass die Politik noch stärker nachzieht und hierfür gesetzliche Rahmenbedingungen an die unternehmerische Wirklichkeit anpasst.“

Das wünscht sich auch Wille Komulainen. Der Finne ist selbst Arzt und Mitbegründer des Start-ups MeeDoc. In seinem Heimatland wird Telemedizin „genauso vom Gesundheitssystem zurückerstattet wie der normale Arztbesuch“, berichtet er. MeeDoc gehört in Finnland bereits zu den etablierten Unternehmen und bietet, ähnlich wie Patientus, Online-Video-Sprechstunden an. „Bis 2020 wollen wir einen Doktor in die Hosentasche aller Europäer setzen“, sagt Komulainen. Die Gesetzeslage in Deutschland macht es den Finnen allerdings schwer.

Telemedizin setzt sich durch

„Wir wissen noch nicht genau, was das neue Gesetz für uns bedeutet“, so Komulainen, „die Einschränkungen könnten das System noch weiter verkomplizieren und die Leute von der Telemedizin abbringen.“ MeeDoc verhandelt mit deutschen Krankenkassen und feilt an einem Netzwerk unter niedergelassenen Ärzten. „Ich bin mir sicher, dass sich die Telemedizin durchsetzen wird. Aber je früher die Deutschen damit anfangen, desto eher wird die alternde Gesellschaft lernen, diese effiziente Art des Arztbesuchs zu nutzen. Das würde die Kosten für die Gesundheitsversorgung senken.“

Auch für Frank Westermann von mySugr geht das neue E-Health-Gesetz nicht weit genug: „Der Titel klingt so toll, aber was drin steht ist eher so der Stand der 80er.” Für mySugr ist vor allem das sogenannte Patientenfach interessant. Hier können in Zukunft Patientendaten etwa von Blutzuckermessgeräten, Wearables oder Fitnessarmbändern sicher abgelegt und von Ärzten eingesehen werden. Aber damit ist laut Gesetz erst bis Ende 2018 zu rechnen. Bis dahin will mySugr sich auf dem amerikanischen Markt etablieren. Denn „da werden neue Technologien viel positiver angenommen als hier in Europa“, sagt Westermann.