Über das Chatprogramm können sich Ärzte und Pfleger über Patienten austauschen. Für Rückenwind sorgen Corona, die Bundesärztekammer – und jetzt auch neue Investoren.

Gesundheitsamt, Virologen, Intensivmediziner, Hausärzte: In mehreren niederländischen Städten entstanden während der kritischen Corona-Wochen digitale Chatgruppen, um sich lokal über Fälle und Kapazitäten auszutauschen. Wo häufen sich Fälle? Welche Behandlungen schlagen gut an? Wo sind Betten für die stationäre Versorgung frei? Zum Einsatz kam dabei häufig die App von Siilo. Das Start-up ist mit einer Art WhatsApp für Mediziner unterwegs. Über das Programm kann über Dienstpläne diskutiert werden, vor allem jedoch über Fallakten von Patienten.

Relevante Dokumente oder Röntgenbilder können hochgeladen werden, Namen auf MRT-Scans mit einem Fingerwisch anonymisiert werden. Neben den speziellen Funktionen fokussiert das Start-up mit Hauptsitz in Amsterdam vor allem auf das Thema Datenschutz – das sorgte dafür, dass populäre Dienste wie eben WhatsApp von vielen Diensthandys verschwinden mussten. Datenschutz ist in der Gesundheitsbranche immer noch die zentrale Hürde für die Digitalisierung.

Corona ließ die Nutzerzahlen explodieren

Auch andere Dienste wetteifern mit ähnlichen Versprechen um den Medizinmarkt. In Deutschland ist etwa MediOne unterwegs, hinter dem der IT-Dienstleister Adesso steckt. Coliquio bietet ein digitales Portal für die Vernetzung von Ärzten. Siilo sieht sich vier Jahre nach der Gründung bereits als Marktführer in Deutschland – nach eigenen Angaben gibt es in Deutschland etwa 23.000 Nutzer.

Corona war dabei auch in der Gesundheitsbranche ein Katalysator für die Digitalisierung. Schon im April hatte Siilo vermeldet, dass täglich 300 neue Mitglieder in Deutschland dazugekommen seien – insgesamt wuchs der Messenger in den letzten zwölf Monaten hierzulande um 250 Prozent. Die Basis-Version ist dabei für Nutzer kostenlos. Wer sich als Mediziner verifiziert, wird für weitere Funktionen freigeschaltet.

Auch im Vertrieb nutzte das Start-up das Momentum: Das Organisations-Tool, für das Krankenhäuser, Praxen oder Organisationen zahlen müssen, ist in der Krise temporär kostenlos nutzbar. „Da wuchs die Erkenntnis, dass man über Fachdisziplinen und manchmal sogar Ländergrenzen hinaus kommunizieren muss“, sagt Daniel Pourasghar, zuständig für die internationale Expansion von Siilo.

Ärzteverband sieht Bedarf für digitalen Austausch

Kommerzielle Nutzer können verschiedene Chatgruppen einrichten und so den Austausch strukturieren. Das Kalkül des Start-ups: Wenn sich die Situation beruhigt, wollen die Nutzer den Dienst nicht mehr missen und werden zu zahlenden Kunden. Auf eine ähnliche Strategie hatten Messenger-Dienste für die Unternehmenskommunikation gesetzt – auch sie hatten während der Homeoffice-Wochen massiv Aufwind.

Die Überzeugung, dass ein digitaler Austausch wichtig ist, dürfte sich stärker verbreiten. Anfang Juli nannte etwa die deutsche Bundesärztekammer eine „sichere Messenger-App zur innerärztlichen Kommunikation“ als einen Bedarf, der in der Coronakrise sichtbar geworden ist. Siilo, das hierzulande etwa mit der Charité in Berlin oder dem Verbund Klinikum Region Hannover (KRH) als Referenz wirbt, sieht Deutschland als wichtigsten Markt.

Private Krankenversicherungen investieren

Beim Wachstum soll auch ein neuer Investor mit seinem Netzwerk helfen. Heal Capital aus Berlin führt eine 9,5-Millionen-Euro schwere Finanzierungsrunde an, die Siilo heute bekanntgibt. Die Beteiligung an dem niederländischen Start-up ist die erste Investition des 2019 gegründeten Fonds, hinter dem 100 Millionen Euro der privaten Krankenversicherungen stecken. „Über das Netzwerk von Heal Capital haben wir Zugang zu einem riesigen Verbund an Krankenhäusern und Leistungserbringern in Deutschland“, sagt Pourasghar. Neben Heal Capital beteiligt sich in der aktuellen Runde auch die Beteiligungsgesellschaft des Medizintechnologie-Konzerns Philips. Daneben zieht Bestandsinvestor EQT Ventures mit – der Fonds war 2018 bei Siilo eingestiegen.

Mit der nun abgeschlossenen Finanzierungsrunde soll das aktuell 30-köpfige Team noch einmal deutlich wachsen. Dann will Siilo die Nutzerzahlen in die Höhe treiben – weltweit sind es aktuell 250.000 Anwender, die monatlich 20 Millionen Nachrichten austauschen. Wenn die Durchdringung steigt, so Pourasghar, komme das angestrebte Ziel der „Netzwerkmedizin“ in Sicht. Dahinter steckt der regelmäßige Austausch von Medizinern.

Das geschieht bereits beispielsweise in bundesweiten Gruppen von Kardiologen. Komplizierte oder bemerkenswerte Fälle können die Ärzte im Chat diskutieren – und so auf das potenzielle Wissen von viel mehr klugen Köpfen zurückgreifen. „„Vorher haben sich die Spezialisten einmal im Jahr auf einer Konferenz getroffen“, sagt Pourasghar, „heute können sie diesen Austausch jeden Tag auf dem Handy haben und ortsunabhängig voneinander lernen.“