Das Bildungs-Start-up ist in der Coronakrise bereits rasant gewachsen – und will nun mit namhaften Investoren noch einmal einen Gang höher schalten.

Hybrid-Unterricht, Hygiene-Konzepte – und immer wieder neue Vorgaben seitens der Landesregierungen: „Der Organisations-Aufwand in Schulen ist gerade so groß wie nie“, sagt Sdui-Chef Daniel Zacharias. Das Koblenzer Start-up, das bereits mit dem ersten Corona-Beschränkungen vor einem Jahr einen ungeahnten Schub bekommen hat, erhält dieser Tage deswegen wieder viele Anfragen. Die Software des Unternehmens scheint wie gemacht wie für die Situation: Sie vereint Kommunikationstools mit Planungsfunktionen etwa für die Raumbelegung. Obendrein gibt es die Möglichkeit, den Unterricht per Videokonferenz zu übertragen.

„Wir profitieren aktuell davon, dass unsere Lösung nicht erst im Lockdown entstanden ist“, sagt Zacharias. „Unsere Software bringt auch im regulären Schulalltag einen riesigen Mehrwert.“ Schon als Schüler hatte Mitgründer Jan Micha Kroll die Idee für eine App, die die Kommunikation zwischen Lehrern, Eltern und Schülern digitalisieren soll. 2018 machten Zacharias, Kroll und Timo Stosius aus dem Jugend-forscht-Projekt eine GmbH. im Folgejahr ging die Lösung an den Start und konnte schnell erste Schulen überzeugen, die nach datenschutzkonformen Alternativen zu WhatsApp und anderen Messengern gesucht haben.

1,5 Millionen Nutzer an 2.500 Schulen

Regelrecht explodiert sind die Nutzerzahlen dann im vergangenen Frühjahr. Wegen des Wegfalls des Präsenzunterrichts suchten viele Schulleiter nach funktionierenden digitalen Plattformen. Die Software wurde für den Fernunterricht fit gemacht: Die ursprünglich erst für später geplante Videokonferenz-Funktion zogen die Koblenzer rasch vor. Mehr als 200 Schulen pro Monat schließt das Start-up eigenen Angaben zufolge seit dem Frühjar an. Insgesamt kommt Sdui nun auf mehr als 1,5 Millionen Nutzer, die zu rund 2.500 Schulen aus allen Bundesländern gehören. Von einem vier- bis fünfwachen Wachstum spricht Zacharias.

Rasant gestiegen ist auch das Interesse auf Investorenseite. Bereits kurz vor der Pandemie war zwar der High-Tech-Gründerfonds zusammen mit Business Angels bei Sdui eingestiegen. Doch der Fokus auf den schwierigen Markt mit überwiegend staatlich finanzierten Organisationen schreckt viele Geldgeber ab. Eine weit verbreitete Befürchtung ist, dass es zu lange dauert, neue Kunden zu gewinnen.

Sieben Millionen Euro von Investoren

Die Coronakrise hat viele Entscheidungsprozesse nun beschleunigt. Im Frühjahr hat das Start-up interessierten Schulen die Software zu Probe kostenlos überlassen – ein Weg, den auch viele andere Bildungs-Start-ups eingeschlagen haben. Regulär kostet die Software pro Nutzer zwei bis vier Euro im Jahr – Geld, das anfangs vor allem Fördervereine aufbrachten. Inzwischen konnte das Start-up mehrere IT-Dienstleister der Länder sowie Kommunen als Vertragspartner gewinnen. Und wie im öffentlichen Sektor üblich, nimmt das Start-up auch an Ausschreibungen teil.

Rund 50 Investoren klopften im Laufe des vergangenen Jahres bei Sdui an. Die Gründer waren deswegen in der luxuriösen Lage, sich genau zu überlegen, wen sie an Bord holen wollen. Entschieden haben sie sich für den renommierten Wagniskapitalinvestor HV Capital, der bereits Unternehmen wie Zalando, Flixbus und Delivery Hero groß gemacht hat. Bei der sieben Millionen Euro schweren Finanzierungsrunde außerdem mit dabei ist das finanzstarke Familienunternehmen Haniel, das verstärkt in Start-ups investiert, sowie David Nothacker, Julius Köhler und Nicolaus Schefenacker.

Das Gründer-Trio des Logistik-Start-ups Sennder sei sehr wichtig als Ratgeber, sagt Zacharias: „Es ist extrem hilfreich erfahrene Gründer an seiner Seite zu haben.“ Er verweist darauf, dass Sennder gerade erst „Einhorn“-Status erlangt hat – also eine Unternehmensbewertung von mehr als eine Milliarde Dollar vorweisen kann. Für die Sdui-Gründer, die beide Anfang 20 sind, ein Vorbild. „Unser Ziel ist es ganz klar, in den nächsten Jahren ein europäisches Ed-Tech-Unicorn zu werden.“

Hundert Neueinstellungen geplant

Um das zu erreichen, will das Unternehmen kräftig investieren. Zum aktuell bereits 60-köpfigen Team sollen bis zum Jahresende noch einmal 100 hinzukommen. Ein wichtiger Bereich dabei ist der Marketing- und Vertriebsbereich. Dabei setzt das Sdui auf eine besonders intensive Betreuung der Kunden durch „Customer Success Manager“. Ähnlich gehen auch erfolgreiche junge Anbieter von Unternehmenssoftware wie etwa Celonis oder LeanIX vor. Der Grundgedanke: Die Kundenbetreuer verstehen sich nicht allein als technische Unterstützer – sondern kümmern sich auch um strategische Fragen und tragen Wünsche nach neuen Funktionen an die Softwareentwickler weiter.

Gründer Zacharias lässt bereits durchblicken, das mit einem größeren Entwicklerteam der Funktionsumfang der Software noch weiter wachsen soll. Denkbar seien etwa Bezahlfunktionen für die Mensa, Planungshilfen bei Schulausflügen und ähnliches. Sdui entfernt sich damit von der ursprünglichen Positionierung als reine Kommunikations-Plattform. „Wir wollen alles abbilden, was den Schulalltag vereinfacht“, sagt Zacharias.

Internationale Expansion

Aufstrebende Nachhilfeplattformen wie GoStudent oder auch Simpleclub, die mehr und mehr auch in den Regelunterricht drängen, sieht das Start-up daher nicht als Konkurrenz. Auch bestehende IT-Lösungen der Bundesländer seien eher eine Ergänzung. Über Schnittstellen versucht Sdui andere Software-Lösungen an seine Plattform anzudocken. Direkte Wettbewerber gibt es dagegen kaum: „Wir haben den großen Vorteil, einen bisher kaum bearbeiteten Markt zu besetzen.“

Wachsen wollen die Koblenzer künftig zudem im europäischen Ausland. In Berlin wird derzeit ein internationales Team aufgebaut. Einige Piloten sind laut Zacharias bereits in Vorbereitung. Interessant seien beispielsweise Spanien, Portugal, die Niederlande und Belgien.