Manche Gründer werden Millionäre, die meisten aber geben irgendwann auf: Marco Schneider versteigert sein Start-up Ansporner gerade bei Ebay. Warum es schief ging – und er trotzdem die Mühen nicht bereut.

Manchmal reicht ein guter Vorsatz nicht. Marie will sich zum Intervallfasten motivieren. Cara ihre Lernliste endlich angehen. Gerrit seine Doktorarbeit fertigschreiben. Sie alle holten sich digitale Unterstützung für ihr Vorhaben: Auf Ansporner.de verpflichteten sie sich zu einem ehrlichen Tagebuch. Mit der Option, bei einer Verfehlung Geld zu spenden.

Eine Plattform, um den inneren Schweinehund zu überwinden: Mit dieser Idee schaffte es Ansporner Anfang 2017 in die Medien. Geld wollte das Start-up damit verdienen, dass es von jedem Spendenbetrag eine Provision für sich abzweigt. Das Interesse nach den Medienberichten stieg, die Nutzerzahlen auch. Doch dann flachte die Kurve ab. „Das Konzept hat einige Nutzer angezogen, aber nicht genügend“, sagt Gründer Marco Schneider. Der Zähler auf der Webseite steht heute bei 140 gesetzten Zielen, 1008 absolvierten Trainingseinheiten, 1219 nicht gerauchten Zigaretten.

Und Ansporner selbst steht jetzt bei Ebay.

Das Start-up wird versteigert. Bis heute Abend läuft die Aktion noch. Aktuell gibt es sechs Gebote – das höchste liegt bei 1021 Euro. Ein letzter Versuch von Gründer Schneider, doch noch einen motivierten Abnehmer für sein kleines Unternehmen zu finden. Oder zumindest ein bisschen Geld mitzunehmen und die Verluste der vergangenen Jahre zu reduzieren. Marco Schneider ahnt, wo die Fehler lagen. Und blickt doch ohne Schwermut auf das Projekt: „Gemessen am Kundenstamm und Umsatz war das nicht erfolgreich. Aber ich hätte sonst nie so viel Erfahrung in dem Bereich Unternehmertum sammeln können.“

Scheitern ist der Alltag im Start-up-Leben

Was Schneider erlebt hat, ist der eigentliche Alltag in der Gründerszene. Millionen-Finanzierung, Mitarbeiter-Wachstum, Milliarden-Verkauf – das passiert, und es passiert häufiger und schneller als früher. Neun von zehn Start-ups schaffen es jedoch nicht. Diese Zahl wird immer wieder von Gründungsberatern genannt. Eine eindeutige Statistik ist dazu nicht zu finden. Manche Idee wird niemals in eine GmbH umgewandelt, andere Gesellschaften oder Webseiten laufen jahrelang still und blutleer vor sich hin. Scheitern ist der natürliche Begleiter im Start-up-Leben. Manchmal ist die Idee tatsächlich nicht so gut wie in der ersten Euphorie gedacht, manchmal kommt die Initiative zum falschen Zeitpunkt, manchmal kommt den Gründerinnen und Gründern das Leben dazwischen.

Bei Ansporner war es ein bisschen von allem. Ende 2014 suchte der studierte Psychologe eine Möglichkeit, sein Wissen über Motivation und Anreize in ein digitales Projekt zu verwandeln. Einen ersten simpler Prototyp der Seite bastelte er allein, Mitte 2015 sollte es dann professioneller werden.

Teure Programmierung kostete Kapital und Motivation

Doch die Programmierung konnte niemand im Bekanntenkreis. 45.000 Euro flossen an eine Agentur. Ein Fehler, weiß Schneider heute: „Wir haben das zwar sehr eng mit denen abgesprochen – aber jede Auftragsvergabe war mit Kosten verbunden“. Sollte ein Button von links nach rechts auf der Seite wandern, stellte die Agentur eine Rechnung. „Da mussten wir immer sehr genau abwägen, was man ausprobiert.“

Aus diesen Gründen sehen es Gründungsberater und Investoren gerne, wenn Personen mit IT-Expertise im Kernteam sitzen. Schnelles Ausprobieren wird so möglich, ohne dass Budget zu belasten. „Wir hätten im Team jemanden dabeihaben sollen, der uns bei der Programmierung hätte unterstützen könnte“, sagt Schneider heute.

An anderen Stellen halfen Bekannte, Design und Texte stammten von Freunden – sechs Köpfe finden sich heute auf der Teamseite. Doch als es nicht vorwärts ging, blieb auch deren Motivation nicht beständig hoch. „Es war praktisch immer eine Ein-Mann-Unternehmung von Marco“, sagt ein enger Begleiter. „Viel Arbeit blieb an mir hängen“, sagt auch Schneider selbst.

Das Start-up wurde nicht zum Selbstläufer

Dann die Frage: Ganz oder gar nicht? Ansporner lief neben der eigentlichen Arbeit von Schneider als Psychologe. „Es sollte ein Selbstläufer werden, aber das wurde es nicht“, weiß der 39-Jährige heute. Eine  Alternative wäre gewesen, viel Geld für Anzeigen in den sozialen Netzwerken auszugeben. Doch da fehlte das Kapital, um wirklich digital Eindruck zu schinden. „Und die Umsätze schienen uns zu gering, als dass wir Investoren ansprechen wollten“, sagt Schneider.

Stattdessen: Ein Jobwechsel, eine Zusatzausbildung, ein Umzug. Und mit Ansporner ging es einfach nicht weiter. Irgendwann dann im Laufe dieses Jahres reifte der Entschluss, das Start-up zu verkaufen. Schließlich steht bei der Webseite ein technisches Update an – das würde wieder Zusatzkosten bedeuten. Jetzt steht in der Artikelbeschreibung: „Da die finanziellen und zeitlichen Ressourcen, Ansporner am Markt zu positionieren, fehlen, wurde letztlich die nicht einfache Entscheidung getroffen, sich von diesem spannenden Projekt zu trennen.“

Letzte Ausfahrt Ebay

Auf spezialisierten Webseiten für den Verkauf von Digitalprojekten hatte Schneider Ansporner schon eingestellt – erfolglos. Ebay ist nun die letzte Hoffnung. Auch einige andere Nischenseiten finden sich in derselben Auktionskategorie, Ansporner ist immerhin aktuell das mit dem höchsten Gebot. Vor zwei Jahren hatte das Rasierklingen-Start-up King of Gents dieselbe Exit-Strategie gewählt – schlussendlich wurde die Marke von einem Konkurrenten übernommen.

Der Höchstbietende heute Abend um zehn Uhr erhält die Ansporner-Webseite samt Markenrechten und Inhalten. Und kann weitermachen oder ganz neu loslegen. Schneider hat durchgerechnet, wie auf der Seite doch noch relevante Umsätze entstehen könnten. Einige Ideen, wie man kostenpflichtige Zusatzleistungen einbinden könnte, hat der Unternehmer auch in der Verkaufsbeschreibung festgehalten.

Ein Internetunternehmer mit verwandten Projekten oder einer größeren Reichweite könnte der Seite einen ordentlichen Schub verpassen, ist sich der Gründer sicher. Er selbst ist froh, das Abenteuer gewagt zu haben. Trotz unbezahlter Arbeit, trotz Streitereien, trotz einiger Ernüchterung. „Man fängt an, über eine Zielgruppe nachzudenken, man überlegt sich die Farbe für einzelne Buttons“, sagt Schneider. „Das hört sich kleinteilig an, aber insgesamt sind es Erfahrungen, die ich sonst nur schwerlich hätte sammeln können.“

Manchmal reicht ein Vorsatz für ein solches Ergebnis. Und manchmal für mehr.