Die deutsche Start-up-Szene eilt zu neuen Finanzierungsrekorden. Doch Berater warnen vor einer Kapitallücke, die sich für ambitionierte Unternehmen eröffnen kann.

Von hunderttausend bis hundert Millionen Euro, von erstem Prototyp bis zur globalen Expansion: Die Bedürfnisse von Start-ups klaffen weit auseinander. Und die Risikokapitalgeber konzentrieren sich zunehmend auf die Extreme ein, beobachtet die Beratungsgesellschaft EY: „Es ist zwar immer noch enorm viel Geld im Markt, aber wir sehen, dass die Schere zwischen sehr großen und kleinen Deals auseinandergeht“, sagt EY-Partner Peter Lennartz.

Unterm Strich steigen jedoch Zahl und Summe der Finanzierungsrunden an. Für das erste Halbjahr 2019 zählte EY im aktuellen Start-up-Barometer 332 Beteiligungsrunden, die sich auf knapp über 2,8 Milliarden Euro addierten – ein Rekordwert (hier geht es zum PDF). Die Zahlen können jedoch nur einen Näherungswert bieten, weil eine wachsende Zahl von Start-ups und Geldgebern den Mantel des Schweigens über die investierte Summe hüllen.

Das große Geld kommt meistens aus dem Ausland

Die Berater beobachten, dass sich viele deutsche Investoren weiterhin auf die frühe Finanzierungsphasen stürzen. Zusammen mit mehreren Risikokapitalgebern können so Summen im einstelligen Millionenbereich aufgebracht werden. Am anderen Ende stehen Finanzierungspakete im dreistelligen Millionenbereich – die werden federführend von amerikanischen oder asiatischen Geldgebern geschultert. Getyourguide, N26 oder Adjust sind aktuelle Beispiele aus dem ersten Halbjahr 2019.

Eine Herausforderung bleibt für viele deutsche Start-ups weiter die Stufe der Wachstumsfinanzierungen im zweistelligen Millionenbereich. Hier fehlt oft die Finanzkraft der deutschen Geldgeber – zugleich ist der angestrebte Markt manchmal zu klein für die global tätigen Investoren. Nicht nur EY-Berater Lennartz: „Sollte sich der Trend zu weniger mittelgroßen Deals fortsetzen, wäre das kein gutes Signal. Wenn es weniger mittelgroße Finanzierungen gibt, führt dies früher oder später auch zu weniger Mega-Deals.“ Allerdings: Im vergangenen Barometer aus dem Januar hatte EY noch ein Erstarken dieser Finanzierungen bejubelt, vielleicht reißt das zweite Halbjahr die Statistik auch wieder heraus.

Neue Fonds stehen parat

Eine andere gute Nachricht: Insgesamt entwickelt sich auch die Risikokapital-Szene in Deutschland. Nach einem abrupten Stop sieht es daher aktuell nicht aus. In den vergangenen Wochen haben mehrere Risikokapitalgeber neue Fonds geschlossen. Eventures stehen insgesamt 350 Millionen Euro für neue Investitionen in den kommenden Jahren bereit. Etwas weniger ist es bei Deutsche Telekom Capital Partners, die auch externe Geldgeber an Bord genommen haben.

Daneben wächst weiter die Zahl der Mittelständler und Konzerne, die Kapital für strategische Investitionen in Start-ups zur Seite legen. Hier ließ etwa in der vergangenen Woche Zentis von sich hören. Sollte sich die Wirtschaft kurzfristig eintrüben, lassen sich manche Überweisungen an die Risikokapitalgeber noch stoppen – trotzdem dürfte ein Abschwung mit einiger Verzögerung in der Start-up-Szene eintreffen.