Sprachenlernen via Videokonferenz: Das Start-up bringt Lehrer und Schüler zusammen – und profitiert aktuell davon, dass viele Menschen zu Hause bleiben müssen. Investoren stellen nun neun Millionen Euro bereit.

Derald ist US-Amerikaner, Frances stammt auf Großbritannien und Michael aus Deutschland – und alle drei stehen bereit, um die englische Sprache zu vermitteln. Das in der Ukraine gegründete Start-up Preply richtet sich an Nutzer, die digital eine Fremdsprache lernen wollen. Und vermittelt dafür zu einem der 10.000 freiberuflichen Sprachlehrer, die auf der Plattform registriert sind. Die Coronakrise, die viele Menschen ins Homeoffice oder die Quarantäne zwingt, sorgt dabei für einen gewaltigen Schub: Die Zahl der gebuchten Stunden pro Woche habe sich Mitte März im Vergleich zum Vormonat um 50 Prozent erhöht, berichtet Unternehmensgründer Kirill Bigai (Foto Mitte). „Die Tatsache, dass Menschen nun zu Hause sind und diese Zeit auch sinnvoll nutzen möchten, hat sich signifikant auf die Anmeldungen auf unserer Plattform ausgewirkt“, sagt Bigai gegenüber WirtschaftsWoche Gründer.

Aus Langeweile dürften dabei die wenigsten Nutzer buchen. Die Hauptmotivation der Nutzer in Deutschland ist, dank zusätzlicher Sprachkenntnisse die Karriere voranzutreiben. Dabei registrieren sich gerade hierzulande besonders viele Menschen, die nicht Deutsch als ihre Muttersprache haben. 38 Prozent der hiesigen Nutzer lernen mit Preply Deutsch, 33 Prozent Englisch, berichtet Bigai. „Deutschland und Frankreich sind nach unseren Daten die einzigen Länder, in denen Englisch nicht die am meisten nachgefragte Sprache ist.“

Digitales Dickicht im Sprachlern-Markt

Der Mitgründer hofft, dass sich das Wachstum des Start-ups in den kommenden Jahren fortsetzt. Dabei ist Preply auf einem Markt unterwegs, auf dem sich einige andere Digitalunternehmen schon bedeutende Anteile gesichert haben. Der Berliner Anbieter Babbel hat nach eigenen Angaben bereits „Millionen von Nutzern“ und hat das Geschäft im vergangenen Jahr ausgebaut: Neben der App soll es nun auch Sprachreisen geben – dieses Geschäft dürfte dem Start-up aber in diesem Jahr keine Freude bereiten. Seit den 90er Jahren ist das US-Software-Unternehmen Rosetta Stone auf dem digitalen Sprachlern-Markt unterwegs. Jüngere Start-ups fokussieren sich auf besondere Methoden oder Zielgruppen: Busuu setzt auf eine Community, die bereitwillig Feedback zu den Lern-Erfolgen gibt. Chatterbug vernetzt Muttersprachler zum Tandem.

Preply will den intensiven Eins-zu-Eins-Sprachunterricht digitalisieren – ein ähnliches Angebot hat auch Lingoda. „Wir glauben, dass die Live-Interaktion immer noch der effektivste Weg ist, um etwas Neues zu lernen“, so Bigai. Das Start-up fragt vor der ersten Einheit einige Daten ab. Die sollen nach und nach immer genauere Aussagen ermöglichen. Sowohl zum Matching als auch zu den Lernerfolgen. „In zwei Jahren könnten wir in der Lage sein zu sagen: ‚Du brauchst etwa fünf Monate, um Basiskenntnisse in Japanisch zu haben‘“, führt Bigai als Beispiel an.

Neun Millionen Euro für die Sprachlern-Plattform

Investoren sind vom Erfolg des Start-ups überzeugt. 10 Millionen Dollar (umgerechnet etwa neun Millionen Euro) stellen Geldgeber nun Preply zur Verfügung, wie WirtschaftsWoche Gründer vorab erfahren hat. Angeführt wird die Runde von Hoxton Ventures, auch Point Nine Capital und andere europäische Risikokapitalgeber stellen Geld bereit. Daneben stocken Angel-Investoren noch einmal auf – darunter Gründer und Spitzenmanager von Digitalfirmen wie Booking.com, Upwork oder Couchsurfing. Man sei „beeindruckt von dem rasanten und kontinuierlichen Wachstum des Unternehmens“, lässt sich Point-Nine-Partner Pawel Chudzinski zitieren.

Die Plattform zielt dabei nicht auf einen Gelegenheitslerner. Die individuelle Betreuung hat ihren Preis. Im Durchschnitt koste eine Stunde Digital-Unterricht zwischen 14 und 19 Euro, teilt Preply mit. Ein kurzer Check zum Englischlernen zeigt jedoch: Viele Sprachlehrer rufen um die 30 Euro pro Stunde auf. Gebucht werden Stundenpakete von mindestens fünf Unterrichtseinheiten. Preply dürften höhere Sätze dabei recht sein: Nach eigenen Angaben erhält das Unternehmen je gebuchter Stunde zwischen 18 und 33 Prozent Provision vom Lehrer ein.

Drei Mal mehr Sprachlehrer in der Krise

Dennoch lohne sich das Modell für die Dozenten, ist Mitgründer Bigai überzeugt: „Die Schüler kommen nicht ins Haus, man verliert keine Zeit bei der Anfahrt“. Dazu kommt der Vorteil der digitalen Akquise: Wer sich überzeugend auf der Plattform präsentiert, kann schnell viele Schüler für sich gewinnen. Preply mache „Sprachlehrer unabhängig vom eigenen Standort und erhöht ihren Aktionsradius enorm“, sagt Bigai.

Dabei dürfen nicht nur zertifizierte Sprachvermittler mitmachen: „Auch wenn Sie einfach eine große Leidenschaft für ein Fach haben, können Sie sich auf Preply als Lehrer anmelden“ heißt es auf der Homepage. Die aktuelle Situation hat auch auf dieser Seiter der Plattform für einen enormen Anstieg gesorgt: „Seit Beginn der Coronakrise hat sich die Zahl der registrierten Lehrer weltweit um 80 Prozent erhöht und in Deutschland fast verdreifacht“, berichtet Bigai.