Corona versetzt zahnmedizinische Start-ups in Bedrängnis. Langfristig jedoch versprechen sich die Gründer einen Aufwärtstrend und setzen sogar auf Expansion. 

Als das Coronavirus Ende Januar auch Deutschland erreichte und zahlreiche Berufsgruppen nur noch in Notfälle aktiv werden durften, waren auch Zahnärzte betroffen: „Nach Abklärung und Ausschluss von besonderen Infektionsrisiken seitens des Patienten sollen die Zahnärztin oder der Zahnarzt gemeinsam mit dem Patienten entscheiden, ob eine geplante Behandlung unter den vorherrschenden Gegebenheiten wirklich erforderlich ist oder zunächst aufgeschoben werden kann. Die aufsuchende Betreuung von besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie etwa alten Menschen oder Menschen mit einer Beeinträchtigung speziell in der stationären Versorgung aber auch in der häuslichen Pflegesituation soll streng auf Akut- und Notfallbehandlungen beschränkt werden, solange die Virusepidemie andauert“, hieß es von der Bundeszahnärztekammer.

Behandlungsverbot für Zahnärzte traf auch PlusDental

Nicht nur bei Zahnärzten sorgte der Beschluss von Flensburg bis Freiburg für finanzielle Engpässe in den Praxen, auch Start-ups aus dem zahnmedizinischen Bereich erwischte die Maßnahme kalt. Das Berliner Start-up Plus Dental hat sich auf die Herstellung von durchsichtigen Schienen zur Korrektur der Zähne spezialisiert. Eine ästhetische Behandlung, die während der Corona-Zeit nicht durchgeführt werden durfte. Von heute auf morgen wurde dem jungen Unternehmen die Geschäftsgrundlage entzogen. „Die letzten drei Monate haben uns stark getroffen“, sagt Geschäftsführerin Eva-Maria Meijnen. „Zu dem Behandlungsverbot kamen oftmals noch Personalengpässe bei unseren Partnerzahnärzten mit denen wir zur Umsetzung der Behandlung zusammenarbeiten. Für einige Wochen waren fast alle unsere Standorte geschlossen.“

Dass Meijnen trotzdem zuversichtlich in die Zukunft schaut, liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass das Start-up im Rahmen einer aktuellen Series C Finanzierungsrunde 32 Millionen Euro von internationalen Investoren erhalten hat. Angeführt wird die Finanzierungsrunde von dem in Hongkong ansässigen Versicherungskonzern und Telemedizin-Experten Ping An Global Voyager Fund. Ebenfalls neu an Bord ist Christian Wegner, Gründer der Berliner Re-commerce Plattform Momox. Auch die Bestandsinvestoren HV Holtzbrinck Ventures und Lakestar beteiligen sich erneut. Mit der aktuellen Finanzierungsrunde zählt das 2017 gegründete Berliner Start-up zu den europäischen Health-Tech Unternehmen mit einer Bewertung von über 100 Millionen Euro.

Das Geld wird für die europaweite Expansion verwendet, so Eva-Maria Meijnen gegenüber WirtschaftsWoche Gründer. Aktuell ist das Start-up in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien und Großbritannien aktiv und kooperiert eigenen Angaben zufolge mit rund 70 niedergelassenen Zahnärzten. Außerdem soll das zahnmedizinische Behandlungsspektrum ausgebaut werden, so Meijnen. „Dazu gehören weitere ästhetische Behandlungen wie Bleaching, aber auch ganz neue Behandlungsfelder, etwa Zahnersatz.“

Korrekturen von Zahnfehlstellungen noch weitgehend unbekannt

Neben PlusDental hat sich eine Reihe weiterer Start-ups auf die ästhetische Zahnkorrektur spezialisiert, darunter das 2019 in München gegründete Start-up Beyli Dental, das der im Zuge der Coronakrise ausgelöste Lockdown so stark getroffen hat, dass die Gründer beschlossen ihr Geschäftsmodell komplett umzustrukturieren und nun ganz auf ein Telemedizin-Konzept zu setzen. Alle Kunden in ganz Europa würden ab sofort von einem zentralen Telemedizin-Zentrum aus betreut, vermeldete das Unternehmen vor ein par Tagen.

Eva-Maria Meijnen sieht trotz all der momentanen Widrigkeiten zuversichtlich in die Zukunft: „Der Dentalmarkt in Deutschland ist mit knapp 30 Milliarden Euro einer der größten Märkte im Gesundheitssektor, gleichzeitig ist die Behandlung von Zahnfehlstellungen für Erwachsene mit unsichtbaren Zahnschienen in Deutschland noch immer nicht weit verbreitet bzw. oftmals nicht mal bekannt. Die Anzahl an möglichen Patienten ist riesig.” Wöchentlich vereinbare PlusDental bis zu 2.000 Patiententermine bei Partnerärzten, ingesamt habe man bereits über 15.000 Patienten behandelt. „2019 konnten wir mit unseren Zahnschienen ‘Made in Germany’ einen deutlich achtstelligen Umsatz erwirtschaften.”