Dating-Portale spielen also Ihrer Meinung nach mit den Gefühlen der Kunden?
Liebe und Zuneigung sind keine Frage von Algorithmen und Persönlichkeitstests, sondern beruhen auf den bis heute nicht vollständig erklärbaren „rules of attraction“. Wer sich von Kontaktplattformen die Lösung, den Ausweg aus der eigenen sozialen Unmündigkeit erhofft, der wird meist enttäuscht werden. Alles was diese Portale bieten, ist die Suggestion der Partnerwahl ohne Mühe. Die gibt es aber nicht. Dass dennoch so viele Menschen auf Dating-Portale setzen, ist ein Zeichen allgemeiner Hoffnungslosigkeit, was wiederum die Ambitionen von Unternehmen befeuert, die mit dem „Elend“ anderer Menschen gern Geschäfte machen.

Aus Nutzersicht ist es ärgerlich, wenn mich ständig Fake-Profile kontaktieren. Was ist aber das große Problem für die Nutzer?
Fake-Profile gibt es auch im wahren Leben. Jeder spielt ein klein wenig Theater, wenn es um die Partnersuche geht. Im Unterschied zum romantischen Date im Restaurant oder am Strand hat man online aber nicht die Chance, das Gegenüber mit allen Sinnen zu prüfen. Erstaunlicherweise sind Internetnutzer in sozialen Netzwerken vorsichtiger und glauben nicht immer an die Identität des Gegenüber.

Sobald man aber das Umfeld ändert und die gleichen Tricks auf einem Dating-Portal anwendet, lassen sich viele grundlos von einer nackten Schulter oder einem straffen Bauch in die Irre führen und die unrealistische Hoffnung darauf, dass Traummann oder Traumfrau sich ebenfalls der elektronischen Kontaktvermittlung bedienen, besiegt das Residuum an warnendem Verstand.

Dem Dresdener Portal Lovoo wird seit einiger Zeit vorgeworfen, selbst gefälschte Profile zu erstellt haben. Was genau hätte Lovoo davon?
Der Vorwurf gegen Lovoo ist nicht neu. Wer geglaubt hat, dieses Start-up habe plötzlich den „Stein der Weisen“ gefunden und ein seit jeher riskantes Geschäftsmodell risikofrei hochprofitabel gemacht, den kann man nur kalt auslachen. Fake-Profile sind gang und gäbe in einer Branche, die von der Illusion lebt. Was Lovoo und andere davon haben? Reichweite, Kunden, Einnahmen. Wenn es einem Portal gelingt, das katastrophale Missverhältnis von Männern und Frauen auf seinen Plattformen auszugleichen, wird es ungleich attraktiver für Neuanmeldungen und Bestandskunden verlängern oder investieren zusätzlich.

Dass Lovoo alternative „Revenue Streams“ erschlossen hat und Kunden durch kostenpflichtige (Fake-)Profilansichten und irgendwelche anderen Bonus-Mätzchen Geld aus der Tasche zieht, ist die konsequente Folge dieser Misere. Es gibt schlicht zu wenige Frauen, die bereit sind, das Abenteuer Online-Dating einzugehen. Fake-Profile sind nur das virtuelle Pendant zum Heiratsschwindler. In beiden Fällen verlieren vertrauensselige Menschen auf der Suche nach etwas Liebe oder Lust in ihrem Leben viel Geld.

Wie ist das Fake-Problem bei Dating-Portalen rechtlich zu bewerten?
Hier wird es allerdings weniger amüsant. Gewinne mit Fake-Profilen zu erzielen ist Betrug am Kunden. Gezahlte Vergütungen können zurückgefordert und langfristige Verträge gekündigt oder angefochten werden. Fake-Profile sind auch unlauter und damit wettbewerbswidrig, denn sie führen Nutzer über die Leistungsfähigkeit und die Qualität der Dienstleistung gezielt in die Irre. Doch am härtesten wiegt der strafrechtliche Vorwurf. Wer Fake-Profile zur Generierung von Einnahmen einsetzt, macht sich des gewerbsmäßigen Betrugs strafbar, bei mehreren Beteiligten ist es sehr wahrscheinlich auch ein, der als „Bande“ begangen wird, was die Strafdrohung nach oben treibt. Wenn der Gesamtschaden über 50.000 Euro beträgt, wird der Betrug zu einem „besonders schweren Fall“ und auf Täter, Mittäter, Anstifter und Gehilfen wartet dann eine Strafdrohung von bis zu zehn Jahren Gefängnis. Das sind keine sonnigen Aussichten.