Auf der ersten Hauptversammlung von Rocket Internet redet Oliver Samwer lieber über die Erfolge einzelner Start-ups als über die schlechten Zahlen.

Berlin. Wenn Oliver Samwer von den Erfolgen von Rocket Internet erzählt, dann am liebsten in Beispielen. Als es auf der Hauptversammlung am Dienstag etwa um die Logistik geht, berichtet der Chef des deutschen Start-up-Inkubators, dass der Konzern dort, wo die Lieferstruktur nicht gut ausgebaut sei, selbst aktiv werde. „In Russland werden 50 Prozent der Produkte von unseren eigenen Lastwagen geliefert“, so Samwer. Die Botschaft: Selbst, wenn es keinen Weg gibt, findet Rocket Internet einen.

Seine Erzählungen über einzelne Start-ups und Märkte dienen auf der ersten Hauptversammlung von Rocket Internet in Berlin vor allem dem Zweck, eine Erfolgsgeschichte zu zeichnen. Rund 100 Aktionäre sind in den kleinen Raum in der Nähe des Zoologischen Gartens gekommen und hören sich die Ausführungen Samwers an.

Vier Orders pro Sekunde

Dass der Rocket-Geschäftsführer auf schöne Erzählungen statt harter Fakten setzt, dürfte vor allem daran liegen, dass die Zahlen derzeit nicht so rosig aussehen. Im Geschäftsjahr 2014 hat das Unternehmen unter dem Strich ein Minus von 20 Millionen Euro gemacht – nach mehr als 170 Millionen Euro Gewinn im Vorjahr. Und auch der Aktienkurs, der auf der Hauptversammlung ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, entwickelte sich seit dem Börsengang im Oktober negativ. Am Dienstag dümpelte der Aktienkurs unter 38 Euro – deutlich unter dem Ausgabepreis von 42,50 Euro.

Die Geschichten von Oliver Samwer sehen anders aus. Es sind die Erfolgsgeschichten, etwa im Bereich Lieferdienste, einem der derzeitigen Lieblingsfelder des Konzerns. „Unsere Lieferdienste erhalten in jeder Sekunde vier Orders“, sagt er. Pro Jahr kämen sie damit auf 120 Millionen Bestellungen. „Das ist eine ganze Menge Pizza“, bemerkt der Rocket-Geschäftsführer.

In seinem Vortrag verweist er auch auf eine Studie der Investmentbank GP Bullhound. Diese prognostiziert, dass die Onlineplattform Delivery Hero schon bald zu den sogenannten Unicorns, also den Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro, zählen könnte – genau wie Rocket und zwei weitere (Ex-)Beteiligungen. Auch dass die Start-up-Schmiede inzwischen die Mehrheit an den Lieferdiensten Foodpanda und Hellofresh hält, verkauft der Rocket-Chef als Erfolg. Genauso schwärmt er von den Start-ups, die sich mit Fintech oder Möbeln beschäftigen.

Dass Rocket Internet mit seiner Onlinestrategie auf dem richtigen Weg ist, daran hat Samwer keine Zweifel. „Das Wachstum wird auch nach 20 Jahren Internet nicht abnehmen“, sagt der Geschäftsführer. „Das ist erst der Anfang.“ Besonders stark seien die Märkte, die sich Rocket ausgesucht habe, da diese „noch nicht so stark entwickelt sind“.

Viel mehr Wettbewerb in den USA und China

Fast nostalgisch berichtet Samwer von den Anfängen in neuen Märkten: Wie Rocket Internet erstmals mit Lamoda in Brasilien startete. Wie der Start-up-Inkubator den „großen Schritt“ nach Südostasien wagte. Wie Australien und der Mittlere Osten und schließlich auch Afrika hinzukamen. Und er erzählt auch, warum Rocket die Märkte China und die USA bewusst außen vor gelassen hat: „Am Ende ist dort viel mehr Wettbewerb“, so Samwer. „Vielleicht muss man auf einer Flugreise einmal mehr umsteigen, wenn man auf die Philippinen will“, sagt der Rocket-Chef. Doch dort sei auch das Risiko geringer.

Oliver Samwer verkauft seine Start-ups sogar als alternativlos. Viele aufstrebende Märkte „überspringen den physischen Einzelhandel“, meint Samwer. Er begründet die Beliebtheit von Onlineshopping in Ländern wie Afrika und Lateinamerika damit, dass es dort wenig Einzelhandelsinfrastruktur gebe. Daher würden die Bewohner eher auf Internetangebote zurückgreifen – „weil sie keine Alternative haben“, sagt der Rocket-Chef. Die soll ihnen Rocket bieten.

Die Start-up-Schmiede will deshalb auch nicht nur auf einen Konsumstrang setzen, sondern auf möglichst viele. In Indonesien, wo der Konzern schon Essens- und Modeplattformen betreibt, sollen nun auch noch Bezahlmöglichkeiten hinzukommen. Dass man die unterschiedlichen Plattformen gleichzeitig in mehreren Märkten hochzieht, soll sogar gut für die Finanzen sein: Dadurch verteile Rocket die Kosten, sagt Samwer. Und da man auf das gleiche Betriebssystem zurückgreifen könne, auch bei der IT.

Zahlen liefert dazu der Finanzchef Peter Kimpel – aber nur die schönen. Die sehen so aus: Der Bruttohandelsumsatz hat sich demnach von 744 Millionen Euro im Jahr 2013 auf nahezu 1,6 Milliarden Euro im vergangenen Jahr verdoppelt. Der Trend lässt sich auch beispielhaft an den Lieferdienst-Start-ups erkennen: Hellofresh verzeichnete demnach ein Umsatzplus von 380 Prozent, die Global Online Takeaway Group, in der Rocket seine Beteiligungen an Lieferdiensten bündelt, kam sogar auf ein Plus von 839 Prozent.

Wie lange reicht das Kapital noch?

Dass die „erfolgreichen“ Start-ups von Rocket Internet, die sogenannten Proven Winners, durchweg rote Zahlen schreiben, erwähnt Kimpel in seinem Vortrag allerdings nicht. Zu den Emerging Stars, Unternehmen mit weniger Umsatz und geringeren Finanzierungsrunden, sagt der CFO nur, dazu gäbe es noch keine aussagekräftigen Kennzahlen. Wenn die Gewinner schon Verluste schreiben, bleibt nur zu vermuten, wie es bei den Emerging Stars aussieht.

Der Anlegervertreter Malte Diesselhorst von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) will vielleicht auch deshalb wissen, wie lange das vorhandene Kapital noch reicht. Dass er das Geschäftsmodell von Rocket Internet zudem als schwer durchschaubar kritisiert, verwundert wenig.