Im September wird in Köln ein neuer Oberbürgermeister gewählt: Eine Rolle spielt dabei auch die Digitalisierung. Wie die Kandidaten dazu stehen.

Am 13. September 2015 wird in Köln ein neuer Oberbürgermeister gewählt. SPD-Parteichef Jochen Ott und die Parteilose Henriette Reker bewerben sich um das Amt. WirtschaftsWoche Gründer hat mit beiden Kandidaten darüber gesprochen, warum Köln in Sachen Start-ups dringend Nachholbedarf hat und warum Digitalisierung Chefsache werden sollte.

WirtschaftsWoche Gründer: Wieso hat Köln im Bereich der digitalen Wirtschaft und der Start-up-Szene Nachholbedarf?
Henriette Reker:
Kölns Stärke in Sachen Digitalisierung ist gerade erst in einer PricewaterhouseCoopers-Studie bestätigt worden. Über 200 Start-ups haben ihren Sitz in der Stadt. Auch die Gamescom oder die VideoDays sind ein Zeichen vom gelungenen Strukturwandel in der Kölner Wirtschaft. Diese Tatsache spielt eine zu geringe Rolle in der Wahrnehmung Kölns außerhalb und in der Politik. Ich will Köln zur digitalen Hauptstadt Deutschlands machen und somit aus einer bestehenden Stärke eine Exzellenz. Dafür benötigen wir zu allererst einen Wandel in der Wahrnehmung und eine Priorisierung in Politik und Verwaltung.
Jochen Ott: Köln ist ein starker Wirtschaftsstandort, der insbesondere durch eine breite Medienlandschaft und einen leistungsfähigen Mittelstand geprägt ist. Kreative Köpfe sind unser wertvollster Innovationsmotor und gestalten unseren gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Fortschritt. Sie sollen hier mit uns gemeinsam neue Wege testen können, um Köln erfolgreich als Vorbild in das digital vernetzte Zeitalter zu führen.

ARCHIV - Die Kölner Sozialdezernentin Henriette Reker posiert am 09.01.2015 nach einer Pressekonferenz in Köln (Nordrhein-Westfalen). Bei der Oberbürgermeisterwahl in Köln hat die parteilose Politikerin Chancen, Nachfolgerin von SPD-Oberbürgermeister Roters zu werden. Foto: Marius Becker/dpa (zu dpa/lnw vom 22.01.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Henriette Reker ist 58 Jahre alt und parteilos. Die gebürtige Kölnerin studierte in Bielefeld, Münster und Gelsenkirchen Rechtswissenschaften. Sie war unter anderem Justiziarin für die NRW-Innungskrankenkassen und Dezernetin in Gelsenkirchen. Zur Zeit ist Reker Sozialdezernentin der Stadt Köln.

Wie wichtig ist Ihnen die digitale Wirtschaft?
Reker:
Die Digitalwirtschaft ist die zentrale Zukunftsperspektive für die Kölner Wirtschaft. Bereits heute hängen 50.000 Jobs in Stadt und Umland von ihr ab. Wir müssen alles dafür tun, dass diese Zukunftsbranche noch stärker wächst. Das schaffen wir, indem wir Start-Ups und der Digitalbranche die Ansiedlung in Köln einfach machen.
Ott: Die digitale Wirtschaft wird zunehmend Taktgeber in unserer Wirtschaftsmetropole und ist Treiber der Digitalisierung. Dabei betrifft der digitale Wandel alle Lebensbereiche und alle Menschen: Wer digital nicht mitspielt und seine Strukturen und Geschäftsfelder nicht an die für alle neuen Rahmenbedingungen des Digitalen Zeitalters anpasst, wird es schwer haben, erfolgreich zu sein. Damit sichert die digitale Wirtschaft Beschäftigung und fördert Wachstum.

Was können große Unternehmen von Start-ups lernen?
Reker: Eine hohe Innovationskraft und große Flexibilität sind Dinge, die viele Start-Ups großen Unternehmen bereits vormachen. Dennoch ist gerade das unternehmerische Risiko für beide Unternehmensarten nicht vergleichbar. Am ehesten können große Unternehmen von Start-Ups die Kreativität als Geschäftskonzept lernen.
Ott: Start-ups können die Ideenschmiede großer und etablierter Unternehmen sein – sozusagen ihre eigene Innovationswerkstatt, bevor sie am Markt von genau diesen überholt werden, denn häufig fehlt es den Unternehmen am Innovationsmanagement. Dabei sind Start-ups Querdenker und schnell lernende Einheiten, die ergebnisoffen und flexibel experimentieren. Viele Unternehmen haben das Potential bereits begriffen.

Bild-Jochen-Zuschnitt

Jochen Ott ist der SPD-Chef in Köln – und stellvertretender Landesvorsitzender. Der 41-Jährige studierte Geschichte und Sozialwissenschaften und war bis 2010 Lehrer an einer Gesamtschule in Brühl. Seit dem sitzt er als Abgeordneter im Landtag.

Wie soll Köln gerade für Start-ups attraktiv werden?
Reker:
Köln hat mit seinem hervorragenden Breitbandnetz, der Universität und dem legendär toleranten Klima alle Voraussetzungen für eine lebendige und erfolgreiche Start-up Szene. Ich will diese Tatsache im Stadtmarketing viel stärker zur Geltung kommen lassen. Zudem möchte ich es gründungswilligen jungen Menschen in Köln einfach machen: Die Verwaltung soll Start-ups mittels sogenannter Bürokratielotsen und veränderten Prozessen im ersten Jahr von bürokratischen Informations- und Berichtspflichten befreien.
Ott: Köln soll nationaler und internationaler Start-up-Hub werden. Im Rahmen der digitalen Landesstrategie wird das Land bis zu fünf regionale digitale Hubs für Start-ups ausschreiben und fördern – als Oberbürgermeister werde ich dafür sorgen, dass Köln sich um einen Hub bewirbt. Ich möchte Start-ups bieten, was Start-ups brauchen: Raum, Geld und Anerkennung! Durch die erste digitale Städtepartnerschaft mit unserer Partnerschaft Tel Aviv möchte ich Köln auch für internationale Startups attraktiv machen.

Was muss sich deshalb an der Infrastruktur ändern?
Reker: Kölns Breitbandnetz ist bereits hervorragend, das bestätigen uns auch namhafte Studien. Gründerinnen und Gründer sind jedoch nicht nur digital unterwegs. Wer analog im Stau steht, hat ebenso ein Problem wie derjenige, der mit einer langsamen Internetverbindung zu kämpfen hat. Viele Start-ups im analogen Bereich kommen so in ernste Schwierigkeiten. Wenn Köln Deutschlands digitale Hauptstadt werden will, müssen wir den Titel „Stauhauptstadt Deutschlands“ auch schnellstmöglich wieder ablegen.
Ott: Ich werde bestehende Gründerräume stärken und dafür sorgen, dass mehr günstiger und technisch gut ausgestatteter Raum zur Verfügung steht. Als Oberbürgermeister werde ich die Türen öffnen, für die Vernetzung der digitalen Start-ups und der „Old Economy“. Ein neuer Gründergipfel für Köln als Kongressprogramm soll eine hochqualifizierte Netzwerkplattform werden. Ich werde die Digitalisierung außerdem zur Chefsache machen und schaffe die Stelle eines Beauftragten für Digitalisierung und digitale Wirtschaft direkt in meinem Büro.