Eine App, um weniger Apps zu nutzen: Das Start-up will auf dem Weg zu einer achtsamen Handynutzung helfen. Das macht zwei „Höhle der Löwen“-Investoren neugierig.

Der Wunsch-Löwe kannte das Problem nur zu gut: Nico Rosberg kramte während des TV-Castings ein altes Handy aus der Tasche. Um sich selbst zu disziplinieren, so der Ex-Formel-1-Fahrer und Investor, verzichte er auf ein Smartphone, bei dem Instagram, Twitter und Co. nur einen Fingertipp entfernt liegen. Genau dieses Problem der Handysucht will das Gründerteam von not less but better angehen: Ihre App möchte Nutzern den ständigen Griff zum Smartphone abtrainieren.

In der „Höhle der Löwen“ wollten Christina Roitzheim, Selcuk Aciner und Marius Rackwitz zehn Prozent ihrer Start-up-Anteile gegen 150.000 Euro tauschen. Nico Rosberg und Carsten Maschmeyer zeigten Interesse, aber verlangten ein Viertel der Anteile. Nach langen Verhandlungen einigten sich Investoren und Start-up auf 20 Prozent. Nach der Aufzeichnung platzte der Deal jedoch. Im Interview berichtet Selcuk Aciner (im Bild rechts) über die digitale Konkurrenz – und wie es die App auf möglichst viele Smartphones schaffen soll.

Herr Aciner, Sie entwickeln eine App, um weniger Apps zu nutzen – ist das nicht ein Widerspruch?
Diese Frage begleitet uns seit Beginn. Aber es gibt keinen besseren Ort, um die gesunde Handynutzung zu lernen als auf dem Handy selbst. Es geht darum, die Fähigkeiten in problematischen Situationen zu lernen. Da ist es wichtig, dass man das Gerät dabei auch in der Hand hat. Vielleicht kann man es mit dem Schwimmenlernen vergleichen: Auch das muss man letztendlich im Wasser machen, um zu wissen, wie man sich verhalten muss. Dazu kommen zwei weitere Gedanken: Wir wollen das Smartphone nicht dämonisieren – es bereichert unseren Alltag. Und zudem ist mentale Gesundheit als Thema stigmatisiert und der Zugang zu Hilfe schwierig. Die Nutzung via Handy bringt es ganz leicht auf ganz viele Bildschirme.

Wie ist die Idee zur App entstanden?
Unser Programm ist die Lösung, die es nicht gab, als wir sie dringend benötigten. Meine Mitgründerin Christina hat ein Auslandssemester in Shanghai verbracht und dort eine komplett digitalisierte Welt erlebt – daraus hat sich das Bedürfnis nach dem Gegenteil entwickelt. Ich steckte als Gründer eines E-Commere-Start-ups in Berlin im Trubel. Und habe mich bei unangenehmen Herausforderungen immer wieder ins Handy geflüchtet und so abgelenkt. Gemeinsam mit Marius haben wir dann gemerkt, dass das Problem der Handynutzung sehr technisch gelöst wird. Wir wollten eine menschliche Lösung für ein menschliches Problem liefern.

Schon ab Werk ist in vielen Smartphones eine zeitliche Begrenzung von Apps vorgesehen. Ist das nicht die einfachere Lösung?
Wir sehen uns nicht als Alternative zu den eingebauten Bildschirmzeit-Trackern von Google oder Apple. Die quantifizieren nur, wie viel Zeit mit welcher App verbracht wurde. Nur weil man das weiß, ändert sich noch nichts. Die Brücke zur Erkenntnis und Umsetzung fehlt hier. Wir sind eine Trainingsapp für Gewohnheitsänderungen.

Aber Meditations- und Mental-Health-Apps sprechen doch eine ähnliche Zielgruppe an, oder?
In den Anwendungen geht es meistens um Entspannung und den Peace of Mind. Aber auch das hilft noch nicht, Gewohnheiten aktiv zu verändern. Wir stärken die psychologischen Ressourcen, die dafür notwendig sind – etwa die Impulskontrolle, Achtsamkeit oder die Selbstwirksamkeitserwartung. Theoretisch können andere Anwender uns natürlich kopieren, das wird der Markt zeigen. Aber es würde im ersten Schritt unsere Arbeit ja nur validieren. Wir haben die Trainingskonzepte ja schon entwickelt. Die richten sich nach persönlichen Triggern aus: Der eine greift automatisch zum Smartphone, sobald er in die Bahn gestiegen ist. Und die andere reagiert auf Stress im Job mit dem Griff zum Handy.

In der „Höhle der Löwen“ wäre der Deal fast an der Verhandlung um ein paar Prozente gescheitert. Hatten Sie als Gründerteam zu hoch gepokert?
Es war eine sehr spannende Erfahrung. Im Fernsehen sind es 15 Minuten, bei der Aufzeichnung waren es zwei Stunden. Wir sind überzeugt, dass in unserem Produkt schon viel wissenschaftliche Validierung steckt. Und wir glauben an unsere Fähigkeiten als Team. Das sollte sich auch in der Bewertung widerspiegeln.

Im Fernsehen gab es einen corona-konformen Fuß- und Ellbogenkontakt, um den Deal mit Nico Rosberg und Carsten Maschmeyer zu besiegeln. Was ist seit der Aufzeichnung im Mai passiert?
Der Deal ist letztlich nicht zustande gekommen. Wir haben uns im Anschluss eng mit den Teams der beiden Investoren ausgetauscht. Dabei haben wir gemerkt, dass wir und die Löwen unterschiedliche Pläne für die App haben. So haben wir freundschaftlich beschlossen, dass das Investment nicht zustande kommt. Aktuell finanzieren wir uns unter anderem mit dem Exist-Gründerstipendium des Bundes. Im Herbst wollen wir die Suche nach Investoren für eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde angehen.

Noch kann man sich bei not less but better nur auf die Warteliste eintragen lassen. Wann soll es denn tatsächlich losgehen?
In wenigen Wochen. Im Oktober wollen wir in den App-Stores sein. Wir haben die vergangenen Wochen genutzt,  stabiler und anschaulicher zu machen und noch mehr Kurse zu entwickeln. Wir sind eine Trainings-App mit Wirksamkeitsnachweis, und wollen unseren hohen Qualitätsanspruch auf allen Ebenen erfüllen.

Der App-erfahrene Löwe Georg Kofler kritisierte, dass Sie viel mehr Kapital brauchen, um die App bekannt zu machen. Wie soll das gelingen?
Wir möchten unsere Nutzer dort ansprechen, wo sie sich online am schnellsten verlieren. Zum einen in den sozialen Netzwerken. Dort wollen wir uns eng mit Meinungsführern, etwa aus dem Bereich der Achtsamkeit, zusammentun. Und wir wollen auf Nachrichtenseiten präsent sein – dort klickt man sich oft ziellos von einem Artikel zum nächsten. Genau da wollen wir uns platzieren.

Wenn die App richtig gut funktioniert, wird sie nach ein paar Monaten überflüssig. Ist das nicht ein schlechtes Geschäftsmodell?
In einer idealen Welt wäre das vielleicht so. Aber Gewohnheiten wirklich zu verändern und das beizubehalten, ist ein langwieriges Unterfangen. Das ist ein wenig wie beim Sprachenlernen: Man kommt schnell rein – aber vergisst es auch schnell wieder, wenn man es nicht regelmäßig nutzt. Zudem ist unser Leben ständig im Wandel. Und wir wollen in unterschiedlichen Lebenssituationen zum Alltagsbegleiter für eine gesunde Handynutzung werden. Langfristig wollen wir zudem auch für andere verhaltensbedingte Herausforderungen Lösungen bringen. Etwa für die Arbeitssucht. Viele Menschen haben ja das ständige Bedürfnis, produktiv zu sein.