Start-ups können von etablierten Firmen lernen und umgekehrt – deshalb gehen viele Jungunternehmer Kooperationen mit der Old Economy ein. 

Von Louisa Riepe

Ob über eine strategische Zusammenarbeit, Accelerator-Programme oder lose Kooperationen: Es gibt viele Wege, wie sich Start-ups und etablierte Unternehmen zusammentun können. Meistens profitieren am Ende beide davon.

Ein gutes Beispiel ist die Shoppingplattform Kisura. Die Gründerinnen gingen im Sommer 2016 eine strategische Kooperation mit dem Schmuckhandel Christ ein. „Wir wollen die persönliche Stylistin ins Wohnzimmer beamen.“ Mit diesem Ziel gründeten Tanja Bogumil und Linh Nguyen 2012 den Onlineshop Kisura.

Der Service ist speziell auf Frauen ausgelegt. Das Prinzip dahinter: Nicht die Kundin selbst sucht sich unter tausenden verschiedenen Stücken ihre Kleidung aus. Das übernehmen Algorithmen und Stylisten. „Die Kundinnen bekommen dann eine Box mit Outfits nach Hause geschickt“, sagt Gründerin Tanja Bogumil. Der Inhalt wird jedes Mal individuell zusammengestellt. „Unser Haus verlassen nie zwei gleiche Boxen“, so Bogumil.

Seit einigen Monaten bekommen Kundinnen auf Wunsch auch den passenden Schmuck zu ihren neuen Outfits. Die Stylisten von Kisura haben Zugriff auf ausgewählte Stücke aus dem Sortiment von Christ, darunter vor allem Armreifen, Ringe und Halsketten.

Die Kooperation sei auf die entsprechende Nachfrage der Kunden zurückzuführen, sagt Gründerin Tanja Bogumil: „Wir wollten unsere Produktpalette erweitern und haben mit Christ einen Partner gefunden, der eine individuelle und vielfältige Auswahl anbietet.“ Die Zusammenarbeit mit Christ sei keine reine Verkaufskooperation, sondern eine „strategische Ausrichtung,von der beide Seiten profitieren”.

Wie die Deutsche Bahn mit Start-ups arbeitet

Darauf hofft auch Stefan Leppler. Sein Start-up Motiontag wurde vor wenigen Wochen in die „Mindbox“ der Deutschen Bahn aufgenommen. Der Accelerator fördert seit einem Jahr Jungunternehmer mit Bezug zum öffentlichen Verkehr. Das Programm dauert je drei Monate, in denen die Start-ups ein funktionierendes Produkt entwickeln müssen. Dafür gibt es 25.000 Euro und einen exklusiven Zugang zur Bahn, um die eigenen Ideen auszuprobieren.

Stefan Leppler überzeugte die Jury der Bahn mit seinem Online-Ticketing-Konzept. „Wir haben eine Technologie entwickelt, die durch die Sensordaten des Smartphones erkennt, welche Verkehrsmittel genutzt werden“, sagt Leppler. Die Informationen etwa von Neigungs-, Beschleunigungs- und Rüttelsensoren lassen sich in Kombination mit GPS-Daten bereits heute zehn verschiedenen Verkehrsmitteln zuordnen. „Jetzt nehmen wir diese Kerntechnologie und bauen daraus eine neue Software, die erkennt, in welcher Tarifzone man sich bewegt oder wie viel Stationen man fährt.“

Am Ende soll eine App entstehen, die das Bus- oder Bahnticket überflüssig macht. Nutzer zahlen dann am Ende des Tages, der Woche oder des Monats einmal für alle Verkehrsmittel, die sie in der Zeit genutzt haben. „Wir wollen den Zugang zum öffentlichen Verkehr einfacher machen“, sagt Leppler.

„Wenn Motiontag zeigen kann, dass diese Technologie wirklich funktioniert, wäre das ein großer Schritt“, sagt auch Onno Szillis, der Leiter der DB Mindbox. Er hofft, dass das Konzept schon in weniger als einem Jahr am Kunden ausprobiert werden kann.

Denn genau dieses Ziel verfolgt die Bahn mit der Förderung der Start-ups: Langfristige Partnerschaften einzugehen. „Mit acht von den 13 Start-ups, die unser Programm schon absolviert haben, arbeiten wir weiterhin zusammen“, so Szillis, „entweder in Form einer Kunden-Lieferanten-Beziehung oder in Form einer Beteiligung.“

„Neue Ideen findet man im Konzern selbst nur selten”

Anders als andere Großunternehmen wie beispielsweise der Axel-Springer-Konzern oder SAP arbeitet die Deutsche Bahn erst seit kurzer Zeit mit Start-ups zusammen. Die Idee kam von ganz oben: Bahnchef Rüdiger Grube gab 2015 den Anstoß zu einer Innovationsoffensive. Für Szillis lag es nahe, nach diesen Innovationen gezielt in der Welt der Start-ups zu suchen: „Völlig neue Ideen findet man im Konzern selbst nur selten. Das liegt an der starken Innensicht. Die fördert eher inkrementelle Veränderungen als große Innovationen.“

Schon nach einem Jahr hat sich die Mindbox aus Szillis’ Sicht bewährt. Denn die ersten Ideen der Start-ups kommen bereits zum Einsatz: zum Beispiel Sensoren, die defekte Weichen erkennen, Elektro-Roller, die den Anschlusstransport für Bahnfahrer sicherstellen, oder Lichtbeton, der die Kunden sicher durch den Berliner Anhalterbahnhof leiten soll.

Auf der anderen Seite ist die Kooperation mit der Bahn aber auch für die Start-ups attraktiv, sagt Szillis: „Die DB kann genau das bieten, was Start-ups suchen: Datenvielfalt, Netzwerke undZugang zu Kunden.“

Stefan Leppler hofft, dass seine Software eines Tages vielleicht in den DB Navigator eingebaut wird. Bis dahin stehen ihm noch einige anstrengende Wochen bevor. „Mitte Februar müssen wir einen Prototypen präsentieren. Die Zeit ist echt knapp“, sagt der Gründer. Aber auch aus seiner Sicht lohnt es sich – nicht nur wegen der 25.000 Euro. „Wir können uns jetzt voll auf das Produkt fokussieren und wenn alles klappt, machen wir im Anschluss ein gemeinsames Business mit der Bahn.“

Dass so eine Zusammenarbeit funktionieren kann, weiß auch Rene Gurka vom Berliner Unternehmen „Big Rep“. Er hat schon häufiger mit großen Unternehmen zusammengearbeitet – darunter VW, Siemens oder die Bundeswehr.

Gurka baut 3D-Drucker, die größten weltweit, wenn es um Kunststofftechnologie geht. Vor allem Modelle und Prototypen lassen sich mit dem  Kubikmeter kleinen  – Geräten drucken. Aber auch für Ersatzteile und im Formenbau lassen sich die Drucker einsetzen. „Kleinere Stückzahlen lohnen sich sehr“, sagt Gurka, „da ist die Zeit- und Kostenersparnis gegenüber der konventionellen Produktion wahnsinnig groß.“

Eines seiner großen Projekte im Jahr 2016 war eine Kooperation mit BMW. Auf zwei Messen druckte Gurka vor den Augen der Besucher die Außenhaut eines der Motorradmodelle nach. Aus der Show wurde eine längerfristige Zusammenarbeit: „Wir haben mehrere Teile für die Ausstellung in der BMW-World angefertigt und sprechen derzeit darüber, einen Teil der Ersatzteillogistik mit unseren Druckern auszustatten“, so Gurka.

Außerdem ließen es sich die BMW-Bosse nicht nehmen, das Berliner Start-up persönlich zu besuchen. Aus Gurkas Sicht ist das ein Zeichen für einen grundsätzlichen Wandel: „Das Mindset von großen Unternehmen hat sich verändert. Die schauen inzwischen mit einer großen Offenheit, was die Neuen machen und ob sie von denen lernen können.“

Gleichzeitig weiß Gurka, dass die guten Beziehungen oft nur so lange halten wie aktuelle Projekte anstehen. „Um eine dauerhafte Beziehung zu einem Großunternehmen zu pflegen, braucht es auch Ressourcen. Das kann für ein kleines Start-up mitunter auch gefährlich sein.“

Tanja Bogumil will mehr als das: Ihre Kooperation mit Christ soll langfristig halten. Auch sie betont, dass beide Seiten davon profitieren: So habe Christ ein Interesse daran zu lernen, wie sich Schmuck online verkaufen lässt. Gleichzeitig „lernen wir von Christ viel über die ganzheitliche Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden, weil das Unternehmen jahrelange Erfahrung im Verkauf vor Ort hat.“ Ein Beispiel ist das „Einkaufserlebnis“, wie es Bogumil nennt: „Das beginnt im Geschäft schon bei der persönlichen Beratung und endet damit, dass die Verkäuferin das Produkt liebevoll einpackt.“ Dieses Gefühl komme beim Internet-Shopping häufig zu kurz.

Bogumil will das ändern und legt großen Wert auf das „Packaging“ ihrer Boxen: „Unsere Stylisten legen jetzt immer einen persönlichen Brief dazu. Das ist mindestens genau so wichtig wie die Kleidung selbst.“