Der Boom im Online-Handel hat das Start-up Xentral in den vergangenen Wochen stark angeschoben. Intern suchen die Augsburger nun nach einem Mittelweg zwischen online und offline.


Viele Jahre ging es für viele Start-ups aufwärts, dann kam die Coronakrise. Nach langen Wochen mit Kontaktbeschränkungen, lahmgelegten Betrieben und Homeoffice können Gründer, Mitarbeiter und Investoren nun wieder loslegen und müssen sich erneut sortieren. In unserer Sommerserie fragen wir Akteure aus dem Start-up-Ökosystem, wie die neue Normalität für sie aussieht – und wie sie die vergangenen Wochen überstanden haben.

Heute berichtet Benedikt Sauter, Gründer und Geschäftsführer von Xentral. Das Augsburger Start-up mit mehr als 40 Mitarbeitern entwickelt ein Warenwirtschaftssystem (ERP), das nach Firmenangaben bereits in 1.000 anderen Start-ups und etablierten Unternehmen zum Einsatz kommt. Vor zwei Jahren sicherte sich die junge Firma ein Investment von Freigeist, dem Frühphasenfinanzierer von Start-up-Investor und „Die Höhle der Löwen“-Juror Frank Thelen.

In dieser Serie waren zuvor bereits die Start-ups Getsafe, Inhubber und Coachhub sowie der Investor Acton Capital zu Gast.

Herr Sauter, was wird nach der Krise anders bleiben?
Als Hersteller von ERP-Software mussten wir während Corona sehr schnell auf aktuelle Kundenbedürfnisse reagieren. Viele unserer Kunden haben einen Online-Shop neu aufgesetzt oder weiter ausgebaut. Wir sind überzeugt, dass der E-Commerce auch zukünftig eine wichtigere Rolle spielen wird, weil einige unserer Kunden das Potenzial erkannt haben.

Intern haben wir wie viele Unternehmen während der Krise auf Homeoffice und Videocalls gesetzt – statt auf Termine vor Ort. Wir werden auch nach Corona stärker auf Videocalls statt auf Telefonate setzen, da es die Bindung zum Kunden stärkt. Flexibles Arbeiten und Homeoffice wird weiterhin an ein bis zwei Tagen pro Woche möglich sein. Von reinem Remote-Working halten wir nichts. Auch das haben wir in der Krise gelernt. Wenn man an neuen Produkten arbeitet und gemeinsam etwas entwickelt, ist man wesentlich produktiver, wenn man zusammen im Büro sitzt. Der Kontakt zwischen den Teammitgliedern wird im Büro ganz anders gelebt als im Homeoffice.

Wie hat Xentral auf den Ausnahmezustand durch Corona reagiert?
Am Anfang war es eine aufregende Zeit, es hat sich wie ein Abenteuer angefühlt, bei dem man nicht weiß, was auf einen wartet und worauf man sich vorbereiten muss. Natürlich haben auch ein paar Kunden laufende Gespräche gestoppt. Aber schon nach den ersten Tagen haben wir gemerkt, dass auch viele Unternehmen die Zeit dafür nutzen, sich mit neuer Software auseinander zu setzen. Wir haben einige neue Chancen erkannt und unsere Vertriebswege und unser Marketing dahingehend ausgerichtet. Wir haben es geschafft, in den letzten sechs Monaten um 50 Prozent zu wachsen. Das hätten wir uns zu Beginn der Krise nicht vorstellen können.

Was haben Sie in den Wochen der Kontaktbeschränkungen über sich und das Unternehmen gelernt?
Wir haben gelernt, uns im Team besser zu organisieren und konnten unsere Prozesse schnell auf Remote-Working anpassen. Tools wie Slack und Zoom werden wir definitiv fest in unsere Kommunikation integrieren. Wir haben uns auch überlegt, ob unser Büro und unsere Arbeitskultur grundsätzlich verändert werden muss, damit das Team besser und konzentrierter arbeiten kann. Nach drei Monaten sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass der Austausch sehr wichtig ist und wir nicht das ganze Büro umstellen, sondern Rückzugsräume schaffen sollten.

Wie haben Sie selbst die Krise gespürt? Wie waren die letzten Wochen?
Unsere Entwickler hatten in den letzten Wochen einiges zu tun, insbesondere durch die kurzfristige Umstellung der Mehrwertsteuer. Wir erwarten, dass sich hier auch noch weitere Änderungen ergeben können und sind gespannt, was die Zukunft bringt.

Und wie geht es Ihrem Start-up jetzt?
Da wir mit Xentral maßgeblich zur Digitalisierung in Unternehmen beitragen und einen Großteil des Verwaltungsaufwandes automatisieren, haben wir natürlich einen sehr privilegierten Status aktuell. Die Krise hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass man immer einen Echtzeit-Überblick über seine Zahlen und Daten hat. Darum blicken wir durchaus positiv in die Zukunft und entwickeln unser Produkt kontinuierlich weiter.

Weitere Folgen

Acton Capital: „Die letzten Monate waren auf Effizienz, nicht auf Inspirationen getrimmt“

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