London gilt als Europas FinTech-Standort. Nun werden die Karten neu gemischt. Kolumnist Julian Heck nimmt mögliche Alternativen unter die Lupe.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute ist Julian Heck an der Reihe. Er ist Journalist und auf medienjournalistische und digitale Themen spezialisiert und beleuchtet für uns die boomende FinTech-Branche.

Der Schock sitzt noch tief. Die knappe Mehrheit der Bürger in Großbritannien haben sich für Austritt aus der EU entschieden. Das lässt weder Politik noch Wirtschaft kalt und wirbelt vieles gehörig durcheinander.

Auch die FinTech-Branche in Großbritannien blickt teilweise verunsichert und kritisch auf das Land und die Hauptstadt London, die nicht nur ein starker Finanz-Standort ist, sondern auch der FinTech-Standort in Europa schlechthin. Die große Frage, die sich jetzt stellt: Wird er das bleiben? Kann sich London als FinTech-Hauptstadt behaupten?

Die Situation ist natürlich noch sehr frisch und im Prinzip ist noch gar nicht abzusehen, wie sich die Lage entwickeln wird. Aber die ersten FinTech-Start-ups haben schon davon gesprochen, nach dem Brexit zukünftig nicht mehr auf London als Hauptstandort setzen zu wollen.

Ein Problem namens Passporting

Grund dürfte vor allem das sogenannte Passporting sein. Start-ups können dadurch bisher ihre Expansion in andere EU-Staaten mit einer britischen Lizenz einfach vollziehen. Das wird vermutlich hinfällig werden. Aber auch die ansonsten für Start-ups willkommene Regulierung und ein guter und einfacher Zugang zum britischen Markt durch Gründer wie auch durch Investoren machte Großbritannien und speziell London bis dato attraktiv für die FinTech-Szene.

Das wird selbstverständlich nicht von heute auf morgen verschwinden. Der Prozess des EU-Austritts von Großbritannien wird voraussichtlich mindestens zwei Jahre andauern. Bis dahin verändert sich an diesen Vorteilen im Grund genommen nichts. Es gibt aber trotzdem eine Sache, die sich jetzt schon verändert oder verändert hat: Die Lage ist alles andere als entspannt. Niemand weiß genau, was auf die britische Wirtschaft zukommt. Es herrscht eine große Verunsicherung, die dafür sorgen wird, dass alle FinTechs die Augen offen halten und sich voraussichtlich schon sehr bald auf die Zeit nach dem vollzogenen Brexit vorbereiten werden.

Denn klar dürfte sein: London wird den Status als Europas FinTech-Hauptstadt kaum halten können. Und das Abwarten auf neue Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU ist sicherlich keine Alternative.

Die Frage lautet nun also: Wer wird in Sachen FinTech vom Brexit profitieren? Frankfurt könnte das Rennen machen, weil der Finanz-Standort durch den Brexit zusätzlich gestärkt wird – einige rechnen bis mit zu 10.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. FinTechs dürften die Nähe zum Finanzplatz Frankfurt zu schätzen wissen. Es spricht aber auch einiges für Berlin, wo sich schon jetzt auch zahlreiche FinTech-Start-ups aufhalten. Zudem behauptet sich Berlin sowieso schon als Deutschlands Start-up-Hauptstadt – mit vergleichsweise günstigen Mieten und dem internationalen Charakter ist das ein klarer Standortvorteil.

Welche Stadt wird die neue FinTech-Hauptstadt?

Einige FinTech-Experten bringen aber noch zwei andere Städte bzw. Staaten ins Spiel. Jochen Siegert zum Beispiel sprach bei Twitter von einem Rennen zwischen Frankfurt, Berlin und Luxemburg, das alleine aus steuerlichen Gründen ein attraktives Pflaster sein könnte. Aber auch Irland könnte hier eine Rolle spielen, vermuten andere. Oder wird es vielleicht doch Amsterdam, das in der Tech-Szene immer mehr Aufmerksamkeit bekommt?

Klar: Bisher sind das Spekulationen. Man darf aber davon ausgehen, dass Deutschland – ob Frankfurt oder Berlin – gewiss ein Stück vom FinTech-Kuchen aus London abbekommen wird. Das würde Deutschland natürlich umso besser gelingen, je attraktiver sich die Regulierungsbedingungen hierzulande entwickeln.