Immer mehr Start-ups entdecken die Umzugsbranche. Von der Vermittlung einer Spedition bis zu ökologischen Umzugskisten ist alles dabei. Experten aber warnen vor dem Markt.

Wer den beruflichen Neustart wagt, eine bessere Lage sucht oder schlichtweg mit seinem Partner zusammenzieht, steht irgendwann vor der unausweichlichen Entscheidung: Umziehen. Was einen Lebenswandel verspricht, ist zunächst vor allem eins: Harte Arbeit. Eine Wohnung suchen, Kisten packen, Möbel schleppen, renovieren – all das macht sich schließlich nicht von allein.

Professionelle Hilfe kommt von Start-ups wie Movu, Box at Work oder Moverscan. Mit ihrem Service versprechen sie, den Wohnungswechsel so angenehm wie möglich zu gestalten. Die einen vermitteln Umzugsfirmen, die anderen verleihen stabile Umzugskisten oder helfen dabei, den eigenen Hausrat per Handy zu erfassen und präzise Angebote zu erstellen. Doch längst nicht alle sind auf dem deutschen Markt aktiv. Und das hat einen guten Grund.

„Der deutsche Umzugsmarkt ist längst gesättigt“, sagt Dierk Hochgesang, Geschäftsführer des Bundesverbands Möbelspedition und Logistik (AMÖ). Seit Jahren erlebe er Unternehmen, die aufgingen wie ein Stern und genauso schnell wieder verglühten. „Zu viele glauben, sie hätten mit ihrer Idee den Stein der Weisen gefunden“, sagt Hochgesang.

Verlockender Markt, wenig Chancen

Geschürt werde diese Naivität vor allem durch eins: die Größe des deutschen Marktes. Mehr als neun Millionen Bundesbürger ziehen jedes Jahr um, so eine Studie der Umzug AG, einem Institut für Umzugsmarktanalysen. Fast sieben Milliarden Euro geben sie dabei für umzugsnahe Kosten aus, zum Beispiel für den Transport, das Umzugsfahrzeug und Helfer.

Kein Wunder also, dass viele Unternehmen ein Stück davon abbekommen wollen. „Der Markt zieht alles Mögliche an: Problemlöser, Goldgräber, Innovatoren, aber auch schwarze Schafe“, sagt Hochgesang. „Heute noch mit einer guten Idee zu kommen, ist anspruchsvoll.“

Die Gründer von Box at Work wollen es dennoch versuchen. Seit Januar dieses Jahres verleihen sie in Berlin rund 4.000 stabile Plastikkisten, die selbst den schwersten Büchern standhalten sollen. Passé seien die Zeiten gerissener Kartons und auch die Umwelt werde nach eigenen Angaben geschont. Der Clou: Die Boxen sind zu 100 Prozent recyclebar und können bis zu 400 Mal wiederverwendet werden. „Im Vergleich zu herkömmlichen Pappkartons lassen sich so unzählige Bäume erhalten und Wasser sowie Elektrizität sparen“, heißt es auf der Webseite.

Experte Hochgesang allerdings ist skeptisch. Die Methode sei seit Jahren etabliert im Profi-Bereich, in dem ständig Akten, Papierstapel und Büroutensilien hin und her bewegt werden müssten. „Es gibt Wettbewerber, die haben Tausende dieser Boxen im Bestand und sogar eigene Waschstraßen für ihre Reinigung entwickelt“, betont Hochgesang. „Das sind echte Umzugs-Profis.“

Das Start-up Box at Work jedoch, das sich vor allem auf private Umzüge spezialisiert hat, hätten weder die Erfahrung noch den Standard zu bieten. Hinzu komme: „Normaler Hausrat ist viel komplexer als Büroinventar und das Volumen nur schwer zu erfassen“, sagt Hochgesang. „Ich bin gespannt, ob die sich halten können.“

Schweizer Gründer vermitteln Umzugsunternehmen

Einen anderen Weg beschreitet das Schweizer Start-up Movu, das Privatpersonen und Umzugsunternehmen zusammenbringt. Auf der Internetseite des Unternehmens können Umzügler per Liste, Video oder Anruf ihren Hausrat dokumentieren und sich bis zu fünf Reinigungs- oder Umzugsofferten einholen. Diese können sie dann anhand der Preise und der Kundenbewertungen auf der Seite vergleichen.

„Umziehen ist ein unglaublich mühsamer Prozess“, sagt Laurent Decrue, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens. „Mit unserem Angebot wollen wir den Kunden diese Erfahrung vereinfachen.“ Der Schweizer Umzugsmarkt sei zudem extrem intransparent und hoch ineffizient. „Daran wollen wir was ändern.“

Im Mai vergangenen Jahres gründeten er deshlab mit Nicolas Bürger, seinem Mitgründer,  die Vermittlungsplattform. Zirka 8000 Umzugsanfragen haben sie seither verarbeitet. Der Preis pro Umzug liegt dabei im Schnitt bei 1200 Schweizer Franken, also rund 1126 Euro. Eine Provision im niedrigen zweistelligen Bereich fließt davon an Movu.

Skepsis von allen Seiten

Unterstützt wird das Unternehmen von rund 70 Firmen, die mit Movu ein Partnerschaftsverhältnis eingegangen sind. Doch trotz guter Zahlen, die das Start-up präsentiert, will längst nicht jeder mit dem Neuling zusammenarbeiten: „Ein disruptives Modell in einem festgefahrenen Markt anzubieten ist schwierig“, muss Decrue eingestehen.

Viele der arrivierten Umzugsunternehmen wollten sich darauf gar nicht einlassen und auch auf Kundenseite gäbe es große Bedenken. „Einige Anbieter sind sehr schlecht und versuchen mit möglichst tiefen Preisen Aufträge zu gewinnen“, sagt Decrue, der das Misstrauen der Kunden nachvollziehen kann. „Hier setzen wir an, machen den Markt transparent und helfen dem Kunden, nur seriöse Firmen in Betracht zu ziehen.“

Zu Gute kommt ihm der Schweizer Markt. Obwohl durchschnittlich nur 700.000 Schweizer pro Jahr umziehen, ist der Wohlstand mitverantwortlich für den Erfolg Movus. „Die Schweizer beauftragen tendenziell eher eine Firma für den Umzug als Bürger anderer Länder“, sagt Decrue. Zudem gehe er davon aus, dass die Menschen künftig noch mobiler würden und der Markt dadurch weiter wachse.

„Deutschland ist Europas schwierigster Markt“

Der Erfolg der Gründer schürt inzwischen erste Expansionspläne. Sollten die nächsten Investitionsrunden genug Geld einfahren, soll es schon bald nach Deutschland gehen. Für Experte Hochgesang ein gewagter Schritt, den er nur eingeschränkt empfiehlt. „Der deutsche Umzugsmarkt ist zwar seit Jahren stabil, verläuft aber tendenziell eher abnehmend.“

Hinzu kommt die Tatsache, dass Deutschland ein „Land der Selbermacher“ ist, wie es die Umzug AG in ihrer Studie beschreibt: Drei Viertel der Bundesbürger wickelten ihren Wohnungswechsel lieber selbst ab oder mit unentgeltlicher Hilfe aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, statt ihn Fachleuten zu überlassen.

Auch von der Geschäftsidee Movus ist Hochgesang nicht überzeugt. „Plattformen wie diese sind in Deutschland ein alter Hut“, sagt der Experte, der den Markt seit zehn Jahren verfolgt. Zudem distanzierten sich immer mehr deutsche Umzugsunternehmen von solchen Webseiten, um unabhängig zu bleiben und nicht dem Preiskampf der Wettbewerber zu verfallen, die sich auf solchen Seiten preislich unterbieten.

Ähnliche Idee, bessere Umsetzung

Viel besser, so Hochgesang, sei die abgespeckte Version dieses Modells, das in Deutschland unter dem Namen Moverscan firmiert. Statt Unternehmen zu vergleichen, richtet sich der „digitale Umzugsberater“ an Kunden, die ihr Umzugsunternehmen bereits gefunden haben und jetzt den weiteren Ablauf planen möchten. Per Handy macht der Kunde dafür Fotos von seinem Hausrat und schickt sie mitsamt einiger kalkulationsrelevanten Angaben, wie etwa die Größe der Wohnung, an das Umzugsunternehmen.

Dank dieser Daten kann die Firma schließlich ein Angebot erstellen, ohne eigene Mitarbeiter rausschicken zu müssen. „Das Unternehmen spart dadurch Zeit und Kosten und kann deshalb auch günstigere Angebote für seine Kunden erstellen“, sagt Hochgesang.

Doch auch hier ist aus Sicht Hochgesangs fraglich, ob sich das Modell langfristig durchsetzen kann. „Der Markt besteht größtenteils aus alteingesessenen Betrieben mit jahrelanger Erfahrung. Da ist nicht viel Platz für neue Ideen.“ Erfolg habe nur, wer ein tolles Geschäftsmodell mit einem ausgereiftem Marketing und kaufmännischem Know-How zu paaren versteht.

Eine Idee dafür hätte er jedenfalls schon: „Eine Gepäck-Drohne, die Umzugskartons und selbst die Waschmaschine bis in den vierten Stock fliegen kann“, sagt er schmunzelnd. „Das wäre tatsächlich eine echte Innovation, die Erfolgschancen hätte.“