Was bedeutet der Deal für Mitarbeiter und Kunden der deutschen Dating-App? Wir haben exklusiv vorab mit den Firmenchefs gesprochen.

Es ist eine der spektakulärsten Übernahmen auf dem Markt für Online-Dating: Die US-amerikanische Meet Group kauft den deutschen Konkurrenten Lovoo. Das gaben beide Unternehmen heute bekannt. Für die acht Gründer des Dresdener Start-ups kommt das einem Jackpot gleich. Sie erhalten zusammen 65 Millionen Dollar, weitere fünf Millionen Dollar werden gezahlt, wenn Lovoo bis zum Jahresende bestimmte Umsatzziele erreicht.

Am Mittag wurden die Mitarbeiter von Lovoo informiert. Das Start-up beschäftigt 97 Vollzeitkräfte am Stammsitz in Dresden und in einer Berliner Niederlassung. „Alle werden ihren Job behalten“, sagte Meet Group-Chef Geoff Cook WirtschaftsWoche Gründer in einem exklusiven Gespräch vor der Bekanntgabe.

An Board bleibt vorerst auch Lovoo-Geschäftsführer und Mitgründer Florian Braunschweig, der für das operative Geschäft verantwortlich ist. Eine neue Rolle ist dagegen für den bisherigen CEO und Benjamin Bak vorgesehen: Er werde als Berater in den kommenden sechs Monaten die Übergangsphase begleiten, sagte Bak WirtschaftsWoche Gründer. „Nach aufregenden fünf Jahren halten wir den Zeitpunkt für einen Verkauf für genau richtig.“ Juristisch vollzogen werden soll die Übernahme im Oktober.

1,9 Millionen tägliche Nutzer

Seit dem Start 2012 hat sich Lovoo zu einer der populärsten Dating-Apps in Deutschland, Österreich und der Schweiz gemausert. Auch in Frankreich, Spanien und Italien gehört die App zu den Marktführern. Das Unternehmen warb zuletzt stets mit 60 Millionen registrierten Nutzern. Unklar war, wie viele Karteileichen darunter sind. Im Zuge der Übernahme legt das Start-up nun relevante Zahlen offen. Demnach nutzten 1,9 Millionen Menschen die Lovoo täglich, auf monatlicher Basis sind es fünf Millionen.

Eine Besonderheit von Lovoo: Die Gründer, die sich schon vor dem Start der Dating-App an verschiedenen Online-Diensten probiert haben, haben ihr Start-up aus eigenen Mitteln finanziert. Einen Finanzinvestor holte man 2015 für die US-Expansion an Bord. Nachdem das Vorhaben scheiterte, kauften die Gründer ihre Anteile zurück. Weil Lovoo rasch bezahlpflichtige Dienste und Werbung eingeführt hat, war das Unternehmen früh profitabel.

Vor zwei Jahren sah sich das Start-up mit schweren Betrugs-Vorwürfen konfrontiert. Mitarbeiter sollen Profile von Frauen erfunden haben, um Männer in bezahlpflichtige Dienste zu locken. Den Nutzern soll zusammen ein Schaden in Millionen-Höhe entstanden sein. Im Juni vergangenen Jahres gab es deswegen eine Razzia in der Firmenzentrale, die damaligen Geschäftsführer – darunter Benjamin Bak – saßen zeitweise in Untersuchungshaft. Das Verfahren wurde im September 2016 gegen eine Zahlung von 1,2 Millionen Euro eingestellt.

Auf der nächsten Seite: Wie Meet Me zu den Vorwürfen steht und welche Pläne CEO Geoff Cook mit Lovoo hat.

Auch den Käufern blieb der Wirbel nicht verborgen. Man habe das Start-up deswegen sehr genau unter die Lupe genommen, sagte Meet Me-Chef Cook. „Lovoo hat seither viele Verbesserungen einführt.“ Dazu gehören neue Compliance-Regeln und neue Verifizierungsmöglichkeiten der Nutzerprofile. „Wir werden den Kampf gegen Fake-Profile weiter fortsetzen“, versprach Cook im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer.

Das börsennotierte Unternehmen mit Sitz in New Hope, Philadelphia, hatte in den vergangenen zwölf Monaten bereits zwei Übernahmen ähnlicher Größe getätigt. Zu den Neuwerbungen gehört das kalifornische Unternehmen If(we), das die sozialen Netzwerke Hi5 und Tagged betreibt. Einverleibt hatte sich Meet außerdem die international aufgestellte Dating- und Netzwerkplattform Skout.

„Auf dem Markt gibt es einen klaren Trend zur Konsolidierung“, sagte Cook. Anfang 2016 hatte etwa das chinesische Unternehmen Kunlun Tech Grindr – eine Dating-App für Schwule – übernommen. Auch die Match Group, Muttergesellschaft der prominenten Dating-App Tinder, hat in der Vergangenheit immer wieder Übernahmen getätigt.

Gefragtes Know-how

Lovoo passe wegen seiner starken Präsenz in Europa perfekt in das Portfolio seines Unternehmens, so Cook. Nur ein Bruchteil der Nutzer sei sowohl bei Lovoo, als auch bei einem anderen Netzwerk des Unternehmens angemeldet. Ein weiterer Grund für die Übernahme sei das Know-how der Dresdener in Bezug auf die werbeunabhängigen Einnahmequellen: Nur 28 Prozent des Umsatzes gehen bei Lovoo auf Anzeigen zurück – der Großteil des Erlöses stammt aus Abo-Einnahmen und In-App-Verkäufen.

Cook erhofft sich durch die Übernahme zudem neue Skaleneffekte. „Wir setzen auf verschiedene Marken, aber arbeiten daran, die Plattformen technisch zu vereinheitlichen“, erklärte er. „Das vereinfacht es uns, neue Features schnell im ganzen Portfolio anzubieten.“ Als Beispiel nannte er die Möglichkeit, Livevideos einzustellen. In den einzelnen Apps lassen sich zudem auch Nutzer anderer Apps der Unternehmensgruppe finden und anschreiben. Ob das auch bei Lovoo der Fall sein wird, ließ Cook noch offen. Aus Nutzersicht ändere sich zunächst nichts.

Eigenen Angaben zufolge hat die Meet Group nun – inklusive Lovoo – 15,8 Millionen monatlich aktive Nutzer. Das Unternehmen hat nach der Übernahme 322 Vollzeitmitarbeiter. Das Team in Berlin und Dresden solle sich auf Dauer auf einen bestimmten „Plattform-Service“ konzentrieren. Die Aussichten seien aber positiv, so Cook: „Das Entwickler-Team ist weltklasse. Langfristig wollen wir den Personalstamm in Deutschland sogar aufstocken.“ Verglichen mit den USA seien zudem die Personalkosten geringer.