Der typische Gründer ist nicht Anfang 20. Durch den demografischen Wandel und längere Gesundheit stellen Menschen jenseits der 50 einen immer größeren Anteil der Gründer.

Ralf Tillmann leitete seit 25 Jahren eine Drogenhilfeeinrichtung und hätte eigentlich langsam anfangen können, sich auf den Ruhestand zu freuen. Er begann noch einmal neu. Vor einigen Wochen hat sich der gelernte Industierkaufmann und Sozialarbeiter selbständig gemacht – im Alter von 54 Jahren. „Alles was ich für meinen Arbeitgeber tun konnte, hatte ich getan. Ich kannte den Job in- und auswendig und wollte nochmal Abwechslung. Es schlummerte noch mehr in mir“, sagt Tillmann. Nun berät er Einrichtungen aus dem sozialen Bereich und dem Gesundheitswesen in puncto ISO-Zertifizierung.

Mit der Idee, sich im Alter von Mitte 50 selbstständig zu machen, gehört Tillmann zu einer immer größer werdenden Gruppe: Der Stereotyp des jungen, Kapuzenpulli-tragenden Start-uppers, der mit seinen WG-Mitbewohnern ein Unternehmen gründet und für den 30-Jährige gefühlt zur Großeltern-Generation gehören, entspricht in den allermeisten Fällen nicht der Realität.

Laut dem KfW-Gründungsmonitor 2014 sind mehr als die Hälfte der Gründer zwischen 25 und 45 Jahre alt. Noch. Denn mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft und der längeren Gesundheit nimmt die Anzahl der Gründer im mittleren oder höheren Alter zu. Das sagen zumindest viele Experten voraus.

„Hoffnungsträger der Zukunft“

Das Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft, RKW, konstatierte 2013 in einem Bericht: Der Anteil der 18- bis 39-Jährigen an den Gründungen sei seit den 2000ern kontinuierlich gesunken. Die Gründungen durch Menschen ab 40 Jahren nähmen hingegen zu, besonders im freiberuflichen Dienstleistungsbereich.

„Gründung ab dem mittleren Alter ist von einem Nischenthema zu einem Thema von hoher gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Relevanz geworden”, sagt Noemí Fernández Sánchez, Autorin des RKW-Berichtes. Sie sieht Gründer ab dem mittleren Alter als „Hoffnungsträger der Zukunft”, welche die jungen Erwachsenen als gründungsstärkste Altersgruppe ablösen werden und somit aktiv zur Stärkung des Unternehmertums in Deutschland beitragen.

Auch die EU sieht laut „Aktionsplan Unternehmertum 2020“ ältere Menschen als eine Zielgruppe, um das Gründertum in Europa langfristig aufrecht zu erhalten.

Ältere Gründer vor allem in High-Tech-Sektor und Dienstleistungsbranche

Im High-Tech-Sektor deutet sich die Entwicklung besonders stark an: Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stellte schon 2012 fest, dass – wenn man die Informations- und Kommunikationstechnologie weglässt – über 40 Prozent der Gründer im High-Tech-Sektor älter als 45 Jahre sind. Für Unternehmertum selbst im Rentenalter spricht eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). 40 Prozent der über 65-Järhigen, die noch arbeiten, sind demnach selbständig oder im Familienunternehmen tätig. Bei den unter 65-Jährigen seien es hingegen nur elf Prozent.

Was früher „Ältere“ waren, sind heute Menschen mittleren Alters

Ab welchem Alter ein Gründer als „alt“ gilt, ist schwer zu sagen: Manche Soziologen unterscheiden zwischen den noch fitten „jungen Alten“ (ab 50 oder 60) und den schon labileren „alten Alten“ (ab 70 oder 80). Andere kritisieren diese Unterscheidung, denn jeder Mensch altere anders.

Die EU und die OECD verwenden den Begriff „Senior Entrepreneur“ für die Altersklasse ab 55 Jahren. Das RKW zieht die Unterscheidung von Gründern schon bei 45 Jahren, spricht aber von Gründern „ab dem mittleren Alter“ oder „in der zweiten Lebenshälfte“. Denn was früher „ältere“ Menschen waren, seien heute Menschen im mittleren Alter. Der Begriff „Mature Entrepreneur“ (reiferer Gründer) zielt in die gleiche Richtung.

Konsumgüter für die Silver Ager

Unabhängig von solch definitorischen Fragen wird das Durchschnittsalter der Gründer sehr wahrscheinlich ansteigen. Denn nicht nur der Anteil der „Älteren“ an der Gesamtbevölkerung wächst, auch die Gründungsfreude innerhalb der Altersgruppen dürfte sich verändern. Schließlich leben wir entgegen mancher Vorurteile nicht nur immer länger, sondern wir bleiben dabei auch länger gesund und haben länger Lust, uns zu selbstverwirklichen.

Noemí Fernández Sánchez vom RKW sieht darüber hinaus Treiber von der Nachfrageseite. Eine alternde Gesellschaft benötige neue Konsumgüter und Dienstleistungen. Und wer wäre besser geeignet, Konsumgüter für die Gruppe der sogenannten Silver Ager zu konzipieren, als die Silver Ager selbst? Die Zweistärkenbrille – eine Fernbrille und Lesebrille, ähnlich der Gleitsichtbrille – zum Beispiel hat Benjamin Franklin im Alter von etwa 70 Jahren erfunden – weil er sie selbst gut gebrauchen konnte.

Haus abgezahlt, Kind aus dem Haus

Unternehmensgründungen jenseits der 50 sind – laut mancher Analysen – sogar besonders erfolgreich. Gründen im fortgeschrittenen Alter sei oft einfacher als in jüngeren Jahren. Das hat auch Ralf Tillmann gemerkt. „Unser Haus ist bezahlt, unser Kind promoviert im Ausland. Das gibt Freiheit“, sagt er.

Zudem profitiere er davon, schon einige Jährchen auf dem Arbeitsmarkt hinter sich zu haben. „Was ich an Erfahrung zusammengetragen habe, kann ein 25-jähriger Mensch in der Form gar nicht haben“, meint Tillmann. Ohne dabei despektierlich gegenüber Jüngeren wirken zu wollen: Sich Wissen anlesen, das sei möglich, keine Frage. Aber die praktische Arbeit sei noch mal etwas anderes.

Auch sein über die Jahre aufgebautes Netzwerk erachtet Tillmann als wichtigen Vorteil. Er benötige nicht einmal Internetauftritt oder Visitenkarten. Die Aufträge kämen von ganz alleine.

Geringe Aussichten auf einen Job als Angestellter

Geschichten wie die von Ralf Tillmann machen Mut. Doch es wäre heuchlerisch, nur die positiven Gründe zu nennen, aus denen sich Menschen in fortgeschrittenem Alter selbstständig machen. Manch einer arbeitet notgedrungen als Selbstständiger, um die zu geringe Rente aufzubessern oder im fortgeschrittenen Alter nicht arbeitslos zu sein.

Ähnlich erging es Gisela Strnad (55). Gestern noch Senior Director Marketing, Communication and Public Affairs von Fujitsu Technology Solutions, dann folgte eine längere Pause unter anderem aus gesundheitlichen Gründen und schließlich die Jobsuche. „Mit Mitte 50 und vorherigen Jobs in der Geschäftsleitung von großen, internationalen Konzernen, ist es nicht gerade leicht, eine neue Stellung zu bekommen“, sagt Strnad.

„Irgendwann habe ich mich gefragt, warum ich mich eigentlich so mit der Jobsuche quäle“, erzählt Strnad. Heute bietet die gelernte Verwaltungsangestellte als ihre eigene Chefin Marketing, politische PR und Industrie 4.0-Kentnisse für IT-Unternehmen und Öffentliche Auftraggeber an. Ihr Mann habe es ihr schließlich vorgemacht. Er hatte kurz zuvor mit 58 Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Ganz einfach ist Gisela Strnad der Übergang aus dem Angestelltenleben in die Selbstständigkeit allerdings nicht gefallen. „Es war ungewohnt, sich als Person zu vermarkten“, sagt sie. Marketing für Produkte sei zwar ihr Job, aber Marketing für sich selbst – das sei etwas ganz anderes. Gerade Frauen empfänden das so. Dabei spricht Strnad nicht nur aus eigener Erfahrung. Bei Fujitsu war sie Genderbeauftragte.

Zweite Karrierechance für Frauen

Die Selbstvermarktung gelernt hat Strnad mit Unterstützung der Hannoveraner Agentur Gründerinnen-Consult, einer vom Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung initiierten Gründungsberatung und Vernetzungsstelle für Frauen. „Gerade Frauen 50 plus wollen sich beruflich verbessern, die letzten Berufsjahre noch etwas bewegen und ihre eigene Chefin sein”, berichtet Cornelia Klaus, Leiterin von Gründerinnen-Consult.

Der RKW-Report bestätigt auch, dass bei Frauen längst nicht immer mangelnde Jobangebote der Grund für eine späte Selbstständigkeit sind. Demnach gründen Männer über 45 zwar vorrangig aus Notsituationen, bei Frauen dieses Alters aber stehe das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung im Vordergrund. „Wenn die familiären Pflichten weniger werden, bietet sich eine zweite Karrierechance“, erläutert Noemí Fernández Sánchez.

Gründungscoaching 40+

Unabhängig von Geschlecht und Gründungsmotivation ist Coaching vielen älteren Gründern eine große Hilfe. Es gibt sogar Beratungen ausschließlich für Menschen oberhalb eines bestimmten Alters, wie die Beratung top forty zum Beispiel. Sie bietet Karriereberatung für Unternehmer, Gründer, Freiberufler und Angestellte zwischen 40 und 65 Jahren. Und top forty ist selbst ein Beispiel für ein spätes Start-up.

Gründerin und Geschäftsführerin Monika Funsch kommt aus dem Personal- und Change-Management. Als ihr Arbeitsplatz in einem internationalen Ingenieurbüro durch einen Inhaberwechsel erst drastisch verändert und dann gestrichen wurde, entdeckte sie die Marktnische: „Ich war Mitte 50 und habe keine kompetente Beratung gefunden, die meine Sprache gesprochen hätte, die meine Probleme nachvollziehen konnte, die mich weitergebracht hätte”, erzählt Funsch. Genau das wollte sie in Zukunft tun: Für Menschen ab 40 als Coach und Trainerin da sein, ihnen eine Stimme geben.

Dass die Coaching-Idee so boomen würde, hätte Funsch allerdings nicht gedacht. Top forty gibt es seit zwölf Jahren. Das Projekt wurde vom Bundespräsidenten ausgezeichnet. Andere haben das Konzept aufgegriffen, zum Beispiel die Gründungsberatung Gründer 50plus.

Noch Nachholbedarf in Deutschland

Trotz Menschen wie Funsch, Strnad und Tilmann steht Deutschland in Sachen Senior Entrepreneurship noch am Anfang. Länder wie Norwegen, Schweden, Japan und die Schweiz haben den Wandel schon deutlicher vollzogen. Dort ist es laut dem Global Entrepreneurship Monitor 2013 wahrscheinlicher, dass ein 55-bis 64-Jähriger ein Unternehmen gründet, als dass dies ein 18- bis 24-Jähriger tut.

RKW-Gründungsexpertin Noemí Fernández Sánchez glaubt an einen langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg in kleinen Schritten. „Alle Gründungsberatungen bestätigen, dass zunehmend Gründungsinteressierte in höherem Alter zu ihnen kommen“, erläutert sie. Doch sich beraten lassen heiße ja noch nicht, dass auch wirklich mehr Ältere gründen.

Weitermachen, so lange es Spaß macht

Um die tatsächliche Gründungsaktivität in späterem Alter voranzutreiben, hat die OECD 2012 im „Europäischen Jahr des aktiven Alterns“ die Förderung von Senior Entrepreneurship als ein wichtiges Ziel definiert. In ihrem Policy Brief on Senior Entrepreneurship fordert sie die Politik der Mitgliedsstaaten auf, entsprechende Rahmenbedingung zu schaffen: Dazu gehören Weiterbildungsangebote, Netzwerke und Finanzierungsmöglichkeiten für ältere Gründer. Allen voran sollte der Abbau von negativen Altersstereotypen stehen.

Programme wie „Senior Enterprise“ in Irland und PRIME (Prince’s Initiative for Mature Enterprise)in Großbritannien könnten als Vorbild dienen, damit auch in Deutschland potentielle Mature Entrepreneure auf die Möglichkeit zur Gründung aufmerksam gemacht und von ihren Zweifeln befreit werden.

„Dass Ältere unflexibel und schlecht zu motivieren sind, ist ein Vorurteil“, sagt Senior-Gründerin Funsch. Dass solche negativen Altersbilder nicht zutreffen, weiß sie nicht nur von ihren Klienten. Das bestätigt Funsch selbst. Sie ist inzwischen 68 und arbeitet „nur noch“ sechs Tage die Woche. Weitermachen will sie, so lange es ihr Spaß macht und ihre Beratungen gefragt und gewünscht seien.