Unser Kaufverhalten verändert sich, aber wie?  Ein fruchtbarer Boden für viele Start-ups, die versuchen, Brücken zwischen lokalen Händlern und der Netzwelt zu bauen.

Von Sophie Blasberg

Der wohl „dickste Fisch“ auf dem Markt ist aktuell Locafox. 2013 gegründet, machte das Berliner Start-up dieses Jahr mit neuen Investoren Schlagzeilen. Neben Holtzbrinck Ventures, Payback-Gründer Alexander Rittweger und Unternehmer Max Iann ist jetzt auch die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft beteiligt, wodurch sich die Gesamtfinanzierung von Locafox mittlerweile auf eine Summe im zweistelligen Millionenbereich beläuft. Aber wofür?

Das Stichwort lautet „Lokaler Onlinemarktplatz“ und das Prinzip ist ebenso einfach wie kompliziert in der Umsetzung. Die Grundidee, die Locafox mit vielen Mitbewerbern teilt, ist, das gesamte Angebot einer Stadt in die virtuelle Welt zu transportieren. Per Klick kann ich alle Shops in meiner Stadt finden, Angebot und Öffnungszeiten erfahren, Kontakt aufnehmen und je nach Konzept auch direkt bestellen. Diese Funktion ist bei Locafox in Planung, aber noch nicht verfügbar.

So weit zum einfachen Prinzip. Die Umsetzung ist deshalb kompliziert, weil die primäre Zielgruppe der Start-ups nicht die Kunden sind, sondern die Händler. „Die größte Schwierigkeit liegt darin, Daten über aktuelle Produktverfügbarkeiten von den Händlern zu bekommen. Der stationäre Einzelhandel hinkt hier im internationalen Vergleich etwas hinterher“, sagt Locafox-Pressesprecher Thilo Grösch. Das Start-up nutzt momentan die neuen Investitionen, um vom Startpunkt Berlin in andere Städte zu expandieren. Hamburg, München, Köln, Leipzig – der Trend ist klar: Locafox setzt auf die großen Städte mit einer Vielzahl an Geschäften und starker Kaufkraft.

Ganz anders als Mitbewerber Atalanda. Das Unternehmen und sein Gründer Roman Heimbold sind durch den „Wuppertal-Effekt“ bekannt. Nach dem wenig erfolgreichen Start von Atalanda in Salzburg und Hamburg, wurde die „Online City Wuppertal“ zum Wendepunkt für das Start-up. Eine Erfahrung, aus der Heimbold gelernt hat. „Wir haben die Bedeutung der lokalen Vernetzung unterschätzt. In Salzburg und Hamburg haben wir den Händlern ein fertiges Konzept vorgestellt und sie konnten sich beteiligen. In Wuppertal haben wir in Kooperation mit der lokalen Wirtschaftsförderung und im Gespräch mit vielen Händlern ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Konzept erarbeitet.“ Diese Strategie verfolgen Heimbold und sein Team nun weiter. In drei Städten starten sie noch in diesem Jahr, unter anderem in Wolfenbüttel. „Wir machen anders als viele Mitbewerber unsere Standorte nicht von der Größe der Stadt abhängig, sondern vom Engagement der Händler vor Ort. Sie müssen den Marktplatz wollen.“

Zwei Start-ups mit ähnlichen Zielen, doch mit völlig unterschiedlichen Konzepten. Anders als Locafox hat Atalanda per Crowdfunding eine sechsstellige Summe eingesammelt. An fehlenden Interessenten habe es nicht gelegen, sagt Heimbold. „Wir haben uns bewusst gegen klassische Investoren entschieden, weil damit immer auch der Druck entsteht, sofort Ergebnisse liefern zu müssen. Aber E-Commerce und lokale Onlinemarktplätze sind noch am Anfang und niemand kann die Entwicklungen der nächsten Jahre absehen. Daher möchten wir lieber im „Experimentier-Modus“ bleiben.“ Und experimentieren tun noch sehr viel mehr Start-ups in diesem Bereich. Ob „HierBeiDir“ in Düsseldorf, „kauf.in“ in Essen oder „ Simply Local“, die sich nach der gescheiterten bundesweiten Etablierung 2014 jetzt neu aufstellen – viele wollen etwas vom Kuchen abhaben, obwohl noch keiner wirklich weiß, ob er eine Sahnetorte oder doch eher ein trockenes Törtchen ist.

Klar ist aber, dass der lokale Einzelhandel Schwierigkeiten hat, neben dem großen Online-Angebot weiter bestehen zu können. Das ist der Grund für den Hype um die Onlinemarktplätze und zugleich ihre größte Hürde. Denn viele Händler holen jetzt Versäumnisse von Jahren und Jahrzehnten nach, sagt E-Commerce-Spezialist Immo Fietz. „Wir beraten mit unserer Agentur Einzelhändler in Sachen Online-Strategie. Leider sind sie dabei wirklich im Stich gelassen worden. Händler, Kommunen und E-Commerce-Agenturen müssen jetzt zusammenarbeiten, um das wieder auszugleichen und die Innenstädte zu erhalten.“ Lokale Marktplätze werden dabei seiner Meinung nach eine entscheidende Rolle spielen. Die Start-up-Szene bewertet er nur vorsichtig. „Große Unternehmen wie Locafox können in großen Städten funktionieren, doch kleine Städte sind für sie unattraktiv. Da hat Atalanda schon einen interessanteren Ansatz geliefert, weil sie individueller auf die Kommune eingehen. Eines vernachlässigen bisher aber alle Anbieter: Ein Marktplatz dient nicht nur dem Wareneinkauf, sondern vor allem auch dem Informationsaustausch.“

Laut Fietz müssten die Marktplätze Seiten sein, auf denen Besucher Informationen über die Stadt, Angebote, Nachrichten und Produkte finden. Diese Ansicht lässt sich dadurch stützen, dass viele der Großinvestoren in Onlinemarktplätze aktuell Verlagshäuser sind. Ob das die Zukunft ist und wie sich die vielen unterschiedlichen Interessen auf die Start-ups auswirken, wird sich sehr bald zeigen. Thilo Grösch prognostiziert, dass sich die Start-up-Szene in diesem Bereich schon 2016 deutlich lichten wird.