Misserfolge gehören zum Gründen dazu. Drüber sprechen wollen nur wenige. Was Gründer aus ihrem Scheitern gelernt haben.

Von Alexandra Jegers

Irgendwann hatte Ali Abdolazimi genug von dem Bild, das Journalisten von seiner Heimat zeichnen. Immer nur Beiträge über Terror, Tod und Diskriminierung. „Das ist nicht mein Iran“, sagte sich Abdolazimi und beschloss, etwas zu ändern. Im Frühjahr 2013 kratzte er seine Ersparnisse zusammen, mobilisierte Familie und Freunde und gründete mit dem gesammelten Geld das erste deutsch-iranische Kulturfestival. Seine Vision: drei Bühnen an drei verschiedenen Orten in Hamburg.

Klassische Musik aus Persien, ein Sänger aus Teheran, iranische Trommelkunst und eine Kunstausstellung sollten die Schönheit und Vielseitigkeit des Landes widerspiegeln. Tatsächlich interessierten sich schnell Journalisten für das Projekt, Medien berichten über diese „andere Seite“ des Irans. Dennoch scheiterte das Projekt. Sponsoren sprangen ab, zum Festivalauftakt erschienen nicht einmal 700 Besucher. Mehr als doppelt so viele wären nötig gewesen, um das Projekt profitabel zu machen. Am Ende blieb der Student auf einer Rechnung von 25.000 Euro sitzen.

Angst vor der Pleite hält Deutsche vom Gründen ab

Abdolazimi ist mit seinen Erfahrungen nicht allein: Laut dem KfW-Gründungsmonitor scheitert in Deutschland jedes dritte Start-up innerhalb der ersten drei Jahren. Trotzdem ist Scheitern hierzulande eher ein Tabu. Während in den USA Gründer ihre Niederlagen auf sogenannten Failure Partys feiern, ziehen deutsche Gründer es in der Regel vor, über Misserfolge zu schweigen. Eine repräsentative Studie der Universität Hohenheim zeigt: Mehr als die Hälfte aller Deutschen schreckt die Angst vor der Pleite so sehr ab, dass eine Gründung gar nicht erst in Frage kommt.

„In Deutschland ist unternehmerisches Scheitern noch immer ein Makel“, sagt Andreas Kuckertz, Professor für Entrepreneurship an der Universität Hohenheim und Leiter der Studie. Wer seine Firma an die Wand fährt, erntet nicht selten Misstrauen, Häme, Spott. 40 Prozent aller Befragten geben in der Untersuchung an, dass sie Vorbehalte haben, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der bereits mit einem Unternehmen gescheitert ist. Lediglich 15 Prozent können Scheitern etwas Positives abgewinnen. Zwar zeigt die Studie auch, dass die Toleranz bei jungen Menschen unter 30 Jahren deutlich größer ist. „Bis wir in Deutschland eine Kultur des Scheiterns entwickelt haben, wird es allerdings noch dauern“, sagt Kuckertz.

Claudius Holler und Daniel Plötz wollen diesen Prozess beschleunigen. 2014 haben die Brüder die „Fuck Up Night“ in Hamburg etabliert, bei der gescheiterte Gründer auf der Bühne von ihren Rückschlägen erzählen. Die Botschaft: Berufliche Niederlagen gehören dazu. Gerade Fehler sind wertvolle Erfahrungen und erhöhen die Chance, künftige Projekte zum Erfolg zu führen. Das erste Event im Februar 2014 ist ausverkauft, der Saal rappelvoll. Nicht nur Gründer und Freunde der Start-up-Szene sind unter den Gästen, auch zahlreiche Medienvertreter. Bei den folgenden Veranstaltungen ist das Interesse nicht mehr ganz so groß, aber der Applaus ist geblieben.

Scheitern und dazu stehen, das macht sympathisch. Auch Holler und Plötz traten schon als Redner auf einer ihrer „Fuck Up Nights“ auf. 2005 mieteten sie im Hamburger Stadtteil Altona ein 250 Quadratmeter großes Gebäude an, um dort einen der ersten Coworking-Spaces Deutschlands zu gründen. Zu diesem Zeitpunkt waren Holler und Plötz bereits Geschäftsführer und Gründer einer Werbeagentur. Eines der Büros wollten sie selbst für sich nutzen, die restlichen 19 vermieten. Sie nahmen eine fünfstellige Summe in die Hand und investierten: Parkettboden, IP-Telefonie, Laser-Drucker, eine Standleitung ins Internet, sogar ein kleines Café bauten sie ein.

Doch das Geschäftsmodell ging nicht auf: Die Hamburger zeigten wenig Interesse am Konzept des gemeinsamen Büros. Ein Mieter hörte sogar auf zu zahlen. Holler und Plötz versuchten es mit Reden, monatelang, dann war die Geduld am Ende. Sie schmissen seine Sachen aus dem Büro, verwehrten ihm den Zugang zum Gebäude. Der Mieter klagte auf Schadensersatz. Vor Gericht einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich – und Holler und Plötz blieben auf den Kosten sitzen.

Immer tiefer in die roten Zahlen

Auch danach läuft das Geschäft schlecht, die Mieter nörgeln herum: kein Papier im Drucker, keine sauberen Tassen im Schrank. Von den Synergien, die heutige Betreiber von Gemeinschaftsbüros gerne propagieren, ist damals nichts zu spüren. Dafür fallen im Büro immer mehr Aufgaben an, um die sich Holler und Plötz kümmern müssen. Ihre Arbeit in der Agentur leidet darunter. Nach nicht einmal zwei Jahren ziehen sie in ein günstigeres Büro um. Teppichboden statt Parkett. 2009 folgt der nächste Umzug, wenige Kilometer weiter in ein noch kleineres Gebäude. Den Leasingvertrag für den Drucker müssen sie kündigen. Und noch immer schreibt das Gemeinschaftsbüro rote Zahlen.

2010 ziehen die Brüder die Notbremse. „Ohne unsere Agentur im Rücken, wäre das Projekt eine finanzielle Katastrophe für uns geworden“, sagt Plötz heute. So aber seien sie unterm Strich bei Null herausgekommen.

Andreas Kitzing hatte keine Agentur als Rückendeckung und auch keine Erfahrung als Selbstständiger, als er im Juli 2007 sein erstes Start-up Collegefriends gründete, ein soziales Netzwerk für Ungarn,  lange bevor Facebook in dem osteuropäischen Land Einzug erhielt. Ein dreiviertel Jahr lang hatte der Student jede Woche 80 Stunden in das Projekt gesteckt, brachte sich selbst das Programmieren bei. Mitten im Semester flog er für drei Wochen nach Ungarn, um Kontakte zu knüpfen und vor Ort weiter zu arbeiten.

„Ich war total überzeugt von der Idee, die war auch gut. Ich hatte nur absolut keine Ahnung, wie man so eine Gründung angeht“, sagt Kitzing heute. Statt schnell einen Prototypen online zu stellen, verliert sich der Student in Details. Selber Programmieren lernen klappt nicht, aber für professionelle Hilfe fehlt das Geld. Ein Investor meldet sich, aber Kitzing sagt ab. Er will es alleine schaffen. Nach der Rückkehr aus Ungarn fällt er mit einer Ausnahme durch alle Klausuren. Und das Projekt ist auch tot.

Warum Gründer scheitern, ist so unterschiedlich wie die Wege zum Erfolg. Was gescheiterte Gründer verbindet, ist die Art, wie sie mit Misserfolgen umgehen. Es gibt nur zwei Typen: die, die aufgeben und die, die weitermachen.

Wie man den Umgang mit Rückschlägen trainiert

Kitzing hat im vergangenen Jahr erneut ein Unternehmen gegründet. Auch Abdolazimi ist 2015 mit einer neuen Firma an den Start gegangen. Holler und Plötz haben ihre Werbeagentur vor drei Jahren aufgegeben, um sich ihrem neuen Projekt zu widmen, einem Getränke-Start-up. Auch bei der Hackerbrause Leetmate ist es nicht immer einfach, doch wie sehr Holler hinter dem Unternehmen steht, zeigt auch die dramatische Geschichte seiner Krebserkrankung, die er kürzlich gerade öffentlich gemacht hat.

Woran liegt es, dass einige Gründer so viel besser mit dem Scheitern zurecht kommen als andere? Resilienz nennen Psychologen die Widerstandskraft der Seele, die Menschen Rückschläge und Niederlagen scheinbar unversehrt überstehen lässt. Es wurde bereits in vielen Studien wissenschaftlich  gezeigt, dass einige Menschen Traumata oder einschneidende Erlebnisse besser verarbeiten als andere. Zum Teil ist diese Stärke angeboren. „Aber man kann sie auch trainieren“, sagt Nicole Willnow, Gründerin und Geschäftsführerin der Gesellschaft für Resilienz in Hamburg.

Um sich aus einem Tief heraus wieder zu motivieren, empfiehlt Willnow, sich persönlichen Erfolge immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das mag vor allem in der ersten Zeit nach dem Rückschlag schwer fallen. Aber man kann vorbeugen, etwa indem man sich in Erfolgsmomenten eine Notiz macht und diese durchgeht, wenn es einmal nicht so gut läuft. Häufig hilft auch der Blick von außen, von Freunden, von der Familie. Sie können den Prozess des Aufstehens unterstützen, indem sie Erinnerungen wachrufen, die von den negativen Erfahrungen erst einmal überschattet werden. „Viele Menschen tendieren dazu, eigene Erfolge zu vergessen, wenn sie mit einem Projekt scheitern“, sagt Willnow. Dabei sei Scheitern nicht das Ende.

Im Gegenteil, bestätigt auch Gründerforscher Andreas Kuckertz. „Oft sind es gerade die Niederlagen und die daraus gewonnene Erfahrungen, die hinterher zum Erfolg führen“, sagt er. „Gründen ist ein Lernprozess. Und wer schon einmal hingefallen ist, ist beim zweiten Versuch häufig erfolgreicher.“

Lernen aus dem Scheiteren

Ali Abdolazimi brauchte mit seinem Festival mehr als ein Jahr, bis er seine Schulden vollständig abbezahlt hatte. Er kündigte seinen Bausparvertrag, jeder Cent, den er nicht zum Überleben brauchte, ging an seine Gläubiger. Ob er sich heute wieder für das Projekt entscheiden würde? „Sofort“, sagt Abdolazimi. „In diesen sechs Monaten habe ich mehr gelernt als in all den Jahren zuvor.“ Marketing, Sales, Verhandlungstechniken.

Trotzdem würde er Vieles heute anders machen. Für den Namen „Bliss“ etwa, Persisch für Glückseligkeit, würde er sich eher nicht nochmal entscheiden. Zu abstrakt. Auch würde er das Festival heute kleiner aufziehen, sagt Abdolazimi: nur eine Bühne, weniger Künstler, intensivere Atmosphäre. Die Planungen laufen.