Ein Accelerator soll junge Gründerteams in den Osten Niedersachsens locken. Die Macher sind überzeugt: Auf dem Land locken Chancen für Start-ups – auch wenn das Skalieren schwerer fällt. 

Auch abseits der Metropolen wächst die Neugier auf eine neue Gründergeneration: Das Lab4Land-Programm sucht Teilnehmer, die unternehmerische Ideen für den ländlichen Raum verwirklichen wollen. Bis Ende Juli können sich Gründerteams noch bewerben. Für vier Wochen im September sollen sie dann vor Ort ihr Geschäftsmodell entwickeln und testen. Programm, Kost, Logis – und auf Wunsch auch Heimfahrten am Wochenende – werden dabei übernommen. Hinter dem Pilotprojekt stehen die regional tätige Stiftung Zukunftsfonds Asse, die Genossenschaft CoWorkland sowie der Coworking-Space DStation. Der ist die Basis für den Accelerator und liegt in Schöppenstedt, eine 5000-Einwohner-Stadt im Landkreis Wolfenbüttel, grob zwischen Braunschweig und Magdeburg. Organisator Lasse Kroll berichtet im Interview, was Gründungen auf dem Land besonders macht – und welche Möglichkeiten sich für Social-Start-ups eröffnen. 

Warum braucht es solch eine Initiative für Gründer auf dem Land?
Vor Ort und auch in anderen ländlichen Regionen gibt es drängende Zukunftsfragen, etwa zur Landwirtschaft, zur Mobilität oder auch zur Versorgung von älteren Menschen. Solche Fragen haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass es unattraktiv geworden ist, auf dem Land zu leben, zu arbeiten und eben auch zu gründen. Wir glauben aber, dass viele der Herausforderungen unternehmerisch gelöst werden können.

Und das soll in einer 5000-Einwohner-Stadt gelingen?
Der Standort ist geographisch gut gelegen. In etwa zwischen Hannover und Berlin, mit der A2 vor der Haustür und einem ICE-Anschluss in Braunschweig. Es gibt eine starke mittelständische Wirtschaft. Und weitere Großstädte wie Wolfsburg, Salzgitter und etwas weiter entfernt eben Hannover sind in der Reichweite – und haben auch Hochschulen. Es ist nicht so weit ab vom Schuss hier. Und der Coworking-Space ist ganz neu eingerichtet, hier findet man alles, was man auch in einer Stadt erwarten würde.

Welche besonderen Herausforderungen haben Gründer auf dem Land?
Wir haben ein paar Hypothesen, die wir auch über den Accelerator überprüfen wollen. Besonders wenn es um Geschäftsmodelle für Verbraucher geht, ist wichtig: Die Frequenz von Menschen auf dem Land ist geringer. Das muss man berücksichtigen, wenn es um Marketing und Vertrieb geht. Natürlich kann man auch auf Geschäftskunden setzen. Vor allem aber sind auch andere Zielgruppen denkbar: Etwa Kommunen, mittelständische Unternehmen oder karitative Einrichtungen.

Das sind eher ungewöhnliche Partner für Start-ups.
In vielen Fällen wird es vor allem ein gutes Pflaster für soziale Unternehmer und Unternehmerinnen sein. Die nicht direkt den großen Exit vor Augen haben, sondern Probleme lösen wollen. Denn die Skalierbarkeit ist auf dem Land sicher begrenzter. Es wird mehr um kooperative als kompetitive Geschäftsmodelle gehen. Um Gründungen, die die Infrastruktur und das Gemeinwohl auf dem Land in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen.

Was heißt das konkret, wenn es um mögliche Geschäftsmodelle geht?
Da gibt’s viele Anknüpfungspunkte. Etwa die Gesundheitsversorgung, schließlich werden seit Jahren viele Krankenhäuser auf dem Land geschlossen. Oder die Mobilität: Man wird hier noch lange Zeit auf ein Auto angewiesen sein. Aber wie kann man es mit Carsharing-Modellen hinkriegen, dass ich zumindest das Zweitauto ersetzen kann. Und das jeweils so einfach und niederschwellig wie möglich. Im Kern geht es um die Frage, wie ich Dienstleistungen, die in manchen Städten schon selbstverständlich sind, auch auf dem Land anbieten kann – zu der gleichen Qualität und den gleichen Kosten. Auf dem Land explodieren häufig die Kosten, weil die Frequenz an zahlenden Nutzern einfach zu gering ist.

Wie sollen die Start-ups denn Geld verdienen?
Soziale Start-ups sehen wir hier als erstes in der Pflicht. Die gehen unternehmerisch an die Themen ran, müssen aber auf der anderen Seite nicht nur gewinnorientiert, sondern auch gemeinwohlorientiert arbeiten. Aus den fünf bis sieben Teams des Accelerators wollen wir mindestens zwei im Anschluss weiter fördern. Das kann auch über öffentliche Gelder gelingen. Im ländlichen Raum gibt es oft Fördertöpfe, die es in der Stadt so nicht gibt. Da können wir helfen, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Auf Dauer sollten sich aber alle Geschäftsmodelle selbst tragen, das zeichnet auch ein funktionierendes Social Business aus. Es geht nicht um Non-Profit und eine dauerhafte Subventionierung.

Start-ups leben von der Vernetzung – etablierte Organisationen müssen sich dagegen oft erst an Gründer gewöhnen. Wie steht es da um die Region?
Am Anfang gibt es häufig Berührungsängste. Da ist es wichtig, jemanden zu haben, der Überzeugungsarbeit leistet und das Eis bricht. Die Stiftung Zukunftsfonds Asse ist da sehr aufgeschlossen und sehr gut vernetzt. Wir spüren da eine Neugier von vielen traditionellen Unternehmen, die hoffen, durch die Zusammenarbeit mit Gründern auf neue eigene Ideen zu kommen – oder stehen als Pilotkunde oder Kooperationspartner bereit.

Das Programm zieht sich über vier Wochen. Warum sollten Gründer dauerhaft bleiben, gerade auch privat?
Die Region hier hat einen hohen Erholungsfaktor und den Harz vor der Tür. Das ist nicht für alle etwas, aber durchaus für einige. Das Programm ist gerade auch für die Gründerteams konzipiert, die mit dem Gedanken eines Umzugs spielen. Die aber vielleicht noch nicht sicher sind, ob das Leben und das Arbeiten auf dem Land etwas für sie ist. Nach den vier Wochen im Acceleratorprogramm haben sie eine bessere Entscheidungsgrundlage.