In Deutschland sind nur ein Drittel der Gründer weiblich – es gibt also doppelt so viele Männer, die sich selbstständig machen. Ein Gespräch mit Iris Kronenbitter.

Iris Kronenbitter ist studierte Betriebswirtin und Historikerin und leitet die bundesweiten gründerinnenagentur (bga), die deutschlandweit Informationen und Dienstleistungen zur „unternehmerischen Selbstständigkeit von Frauen“ bietet.

WirtschaftsWoche Gründer: Frau Kronenbitter, wie steht es hierzulande um die gründende Frau?

Iris Kronenbitter: In Deutschland sind nur ein Drittel der Gründer weiblich – es gibt also doppelt so viele Männer, die sich selbstständig machen, als Frauen. Das ist keine besonders erfreuliche Zahl, allerdings muss man dazu sagen, dass wir seit Jahren einen kontinuierlichen Anstieg bei den weiblichen Selbstständigen erleben – wenn auch auf niedrigem Niveau. Bemerkenswert ist auch, dass das Gründungsalter immer mehr sinkt. Während noch vor zehn Jahren viele Frauen erst mit Mitte oder gar Ende 40 gegründet haben, wagen heute mehr Frauen diesen Schritt gleich nach Studium oder Ausbildung. Im europäischen Vergleich stehen wir übrigens nicht schlecht da – das Geschlechterverhältnis beim Gründen ist beispielsweise in Frankreich, Schweden, Österreich und Finnland wie bei uns auch.

Wie unterscheiden sich Männer und Frauen beim Gründen?

Frauen überlegen sich gründlich, ob sie gründen sollen. Sie sind in der Regel selbstkritischer als Männer, zweifeln eher an dem was sie können. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass Männer schneller von sich behaupten etwas zu beherrschen, auch wenn sie sich dessen selbst nicht ganz sicher sind. Das wagen viele Frauen nicht, sie zaudern zunächst. Wenn sie sich dann aber für eine Gründung entscheiden, gehen sie dabei sehr systematisch vor. Sie legen bei der Beratung einen ausgefeilten Business-Plan vor und haben sich genauestens mit dem Markt beschäftigt. Ich habe selten erlebt, dass eine Frau mit dem Plan zu mir kam das einhundertste Nagelstudio in ihrer Stadt zu eröffnen. Generell machen wir die Erfahrung, dass sich Frauen auf eine Gründung besser vorbereiten als Männer. Das ist wohl auch ein Grund dafür, dass sich ihre Unternehmen besonders lange am Markt halten und sie ihre Kredite zuverlässiger zurückzahlen.

Was sind typische Bedenken von Frauen?

Frauen befürchten mit der Gründung in eine unsichere Situation zu geraten und streben darum oft lieber in ein Angestelltenverhältnis. Dabei wird verkannt, dass diese Sicherheit oft auch nur eine vermeintliche ist: Unternehmen erneuern sich, strukturieren um und entlassen infolgedessen auch die Festangestellten. Die klassischen nine-to-five-Jobs sind auf dem Rückzug, es gibt einen enormen Anstieg an Teilzeitstellen und geringfügigen Beschäftigungen. Eine abhängige Beschäftigung kann also nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Zu ihrer Unsicherheit tragen aber auch oftmals die Reaktionen ihres Umfeldes bei. Da hören sie nicht selten Sätze wie „Tolle Idee, aber…“ Familie und Freunde können Bremsklötze sein, die die potentiellen Gründerinnen hemmen und ihnen davon abraten ihren Plan zu verwirklichen in der Annahme, die Frauen könnten weniger Zeit für die Familie haben.

Was sagen Sie den Frauen, die solche Bedenken äußern?

Unternehmerinnen haben mehr Kinder als abhängig beschäftigte Frauen. Das ist auf den ersten Blick vielleicht überraschend, liegt aber mit an der höheren Flexibilität bei der Arbeitszeit.

Als Selbstständige kann man mehr Einfluss darauf nehmen, wie viel man arbeitet, welchen Preis man verlangt, ob man einen Auftrag annimmt oder sich vielleicht sogar jemanden mit ins Boot holt, wenn die Arbeit stark zunimmt.

In welchen Bereichen gründen Ihrer Erfahrung nach die meisten Frauen?

Das Gros der Frauen gründet im Dienstleistungssektor, im Handel, der Gastronomie und der Kreativwirtschaft. Es ist auffällig, dass die meisten Gründungen in den Bereichen erfolgen, in denen die Frauen auch ihre Ausbildungen gemacht haben. Richtige Quereinsteigerinnen, die sich in einem ihnen gänzlich unbekannten Bereich etablieren wollen, gibt es jedoch auch.

Übrigens gründen Frauen seltener aus der Not heraus, beispielsweise, weil sie arbeitslos geworden sind, sondern sehen dies eher pragmatisch: Die Frauen, die sich von uns beraten lassen, wollen in erster Linie als eigene Chefin selbst über die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen entscheiden. Es geht ihnen darum die Gestaltungshoheit über ihre Arbeit zu haben und sich ihre Kunden selbst aussuchen zu können.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wird es in den nächsten fünf bis zehn Jahren mehr Start-ups in Deutschland geben, die von Frauen geführt werden?

Davon gehe ich aus, ja. Immer mehr Frauen entscheiden sich für die Erwerbstätigkeit, dafür ihr eigenes Geld zu verdienen, um eine Partnerschaft auf Augenhöhe leben zu können. Und ein Teil dieser Frauen wird sich ganz selbstverständlich für die Selbstständigkeit entscheiden, was ich sehr begrüße.

Was raten Sie gründenden Frauen?

Tauscht euch aus, sucht die Kooperation statt die Konkurrenz. Das klappt glücklicherweise schon ganz gut. In Deutschland gibt es 360 Netzwerke von Gründerinnen und Unternehmerinnen – viele von ihnen branchenübergreifend – in denen man von Themen wie Marketing, über Steuerrecht bis hin zum Design der Homepage alles besprechen kann. Auch Solo-Gründerinnen stehen somit nicht alleine da.