Zwanzig Prozent – um so viel sind die Büromieten in den vergangenen fünf Jahren gestiegen. Für Start-ups ein echtes Problem.

Von Louisa Riepe

Die Barer Straße in der Münchner Max-Vorstadt: Mehrstöckige Wohnhäuser, parkende Autos, ein Supermarkt an der Ecke, alle paar Minuten rattert die Trambahn vorbei. Nichts deutet darauf hin, was sich im Hinterhof der Nummer 53 verbirgt: Die Destillieranlage von Daniel Schönecker und Maximilian Schauerte. Unter dem Label „The Duke“ stellen die beiden Gründer Münchner Gin her – mitten im Wohngebiet.

Was sich bei der Gründung des Unternehmens 2008 noch nach einem reizvollen, kultigen Produktionsstandort anhörte, wurde für die Gründer mit wachsendem Erfolg zum Problem: „Wir haben hier zum Beispiel keinen Lastenaufzug und die Anlieferung und Abholung mit Lastwagen ist schwierig“, sagt Daniel Schönecker. Ortsunkundige Fahrer hätten sogar schon mal die Trambahn blockiert.

Deshalb ist „The Duke“ bereits seit einigen Jahren auf der Suche nach einem neuen Standort für Destillerie und Abfüllanlage, Büro, Lageflächen und Verkaufsraum. Etwa 400 Quadratmeter müssten es sein, „aber die Suche gestaltet sich schwierig wegen der hohen Mietpreise“, sagt Schönecker. München ist deutschlandweit die Stadt mit den teuersten Mieten – nicht nur bei Wohnungen, sondern auch bei Gewerbeflächen. Das geht aus den aktuellen Gewerbe-Preisspiegel des Immobilienverbandes Deutschland hervor. Demnach bezahlen Unternehmen bis zu 31,50 Euro pro Quadratmeter für ein Büro in guter Lage und mit guter Qualität.

Semir Fersadi, Leiter der Referats für Gründung, Finanzierung und Krisenmanagement bei der IHK München und Oberbayern, spricht deshalb von „viel zu hohen Mieten. Das ist ein großes Problem wenn man knapp kalkulieren muss.“ In anderen deutschen Großstädten wie etwa Berlin hätten Start-ups mit ihrem geringen Budget mehr Möglichkeiten. Jungunternehmer mit ortsunabhängigem Geschäftsmodell etwa aus dem Bereich der Digitalwirtschaft siedeln sich deshalb eher in der Hauptstadt an.

Ein Beispiel: Maxim Nitsche, Mit-Gründer der Nachhilfe-App Math42 ist mit seinem Unternehmen von München nach Berlin gezogen, um von den günstigen Mieten zu profitieren. 14,75 Euro pro Quadratmeter kostet ein Büro mit gutem Nutzungswert im Schnitt. Und genau so eins sucht Nitsche gerade für sein wachsendes Team.

Zwischen 120 und 180 Quadratmeter sollte es groß sein, mit drei bis vier Zimmern, einer stabilen Internetleitung und natürlich in guter Lage: „Alles, was an der Haupt-S-Bahn-Linie liegt, wäre perfekt“, sagt Nitsche. Zwischen 2000 und 3000 Euro Miete wäre das perfekte Büro ihm wert. Viel Geld, „aber in München würden wir für etwas Vergleichbares ein kleines Vermögen bezahlen.“ In Berlin kann Nitsche dagegen aus verschiedenen Möglichkeiten wählen.

Einen Umzugs-Trend sieht Semir Fersadi aber nicht. Seine Stadt habe andere Vorzüge: „München ist ein High-Tech Standort mit gewachsenem Mittelstand, beispielsweise im Automotive-Bereich. Das wird besonders wichtig, wenn die Start-ups anfangen Logistikstränge aufzubauen.“ Außerdem könne der Kostendruck durch die hohe Miete Druck Jungunternehmer auch zu besseren Leistungen antreiben: „Die, die es in München unter dem stärkeren Budgetdruck schaffen, sind schneller am Ziel.“

Ganz andere Erfahrungen hat Sebastian Heindorff in Hamburg gemacht: „Nur gute nämlich“, sagt der Gründer von EasyPEP, einer Onlinesoftware zur Schichtplanung und Abstimmung mit Mitarbeitern. Für gut 57 Quadratmeter Bürofläche im angesagten Schanzenviertel bezahlt er genau 678 Euro. Das ist selbst für die sowieso recht günstigen Mieten in Hamburg ein Schnäppchen. „Es gibt hier schon ein paar Tipps, wo man etwas Günstiges finden kann.“

Die „Etage 21“ ist einer davon. Die 860 Quadratmeter große Bürofläche ist im Besitz der Stadt Hamburg und wird von der Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft treuhänderisch verwaltet. Das erklärte Ziel der „steg“: Die Förderung von Existenzgründern durch günstige Mieten und kurze Kündigungsfristen, sagt Lisanne Prill, die für die Vermietung der Etage 21 zuständig ist. Zwischen sechs und 13 Euro liegt die Kaltmiete der unterschiedlichen Büros.

Das ist deutlich günstiger als im Durchschnitt. Der liegt bei 14,50 Euro pro Quadratmeter. Lisanne Prill weiß warum: „Es ist für den Vermieter ein Risiko an ein Start-up zu vermieten, ohne zu wissen wie es dem in einem Jahr geht.“ Bei der Vermietung von Gewerbeflächen werden normalerweise langwierige Entwicklungsanalysen über das Unternehmen angestellt, um sicherzugehen, dass der Vertrag auch erfüllt werden kann. Bei Start-ups sind solche Prognosen schwierig.

Um jungen Unternehmen trotzdem günstige Mieten anzubieten, ist die steg auf öffentliche Fördermittel angewiesen. Als die Etage 21 im Jahr 2006 renoviert wurde, übernahm die Stadt Hamburg einen Teil der Kosten – unter der Bedingung, das die Fläche später Existenzgründern zu Gute kommt. Mit diesem Konzept ist die steg Hamburg seit über 20 Jahren erfolgreich: „Die Etage 21 ist ein Selbstläufer, wir haben lange Wartelisten“, sagt Lisanne Prill.

EasyPEP ist vor einem halben Jahr in die Etage gezogen. Ein eigenes Büro anzumieten „war dann schon ein Schritt wo man gemerkt hat: Jetzt wird es wirklich ernst“ erinnert sich der Gründer. In eine andere Stadt zu gehen stand für Wahlhamburger Heindorff allerdings nie zur Debatte: „Ich bin hier vor Ort gut vernetzt, das hat uns gerade am Anfang sehr geholfen.“

Genau wie EasyPEP ließe sich auch der Münchner Gin von „The Duke“ nur schwer in eine andere Stadt umsiedeln. Deshalb hat Daniel Schönecker weiter auf dem Münchener Immobilienmarkt nach einer geeigneten Alternative gesucht und ist schließlich fündig geworden. Anfang nächsten Jahres zieht „The Duke“ auf ein neues Gelände etwas außerhalb der Stadt. „Das wird auch höchste Zeit“, sagt Schönecker. Doch gleichzeitig ist er sich bewusst: München ist deshalb so teuer, weil es so beliebt ist. „Davon profitieren wir auch. Hier gibt es für unser hochwertiges Produkt eine kaufkräftigen Nachfrage.“