So mancher Gründer mutiert über Nacht zum Alpha-Tier – und verliert dabei jeden Bezug zur Realität, warnt Meike Haagmans.

Wie konnte es soweit kommen? Ich bin vermutlich nicht die einzige Person, die sich am Freitag nach der Veröffentlichung des Insolvenzantrags von ´Von Floerke´ diese Frage gestellt hat. Öffentlich hat der Gründer David Schirrmacher seinen beruflichen und persönlichen Abgang zelebriert und die gesamte Start-up Branche am Niedergang teilhaben lassen. Seine Gründergeschichte begann spektakulär in “Die Höhle der Löwen”, er übernahm zwischenzeitlich mit Edson Kronen die Traditions-Manufaktur für Herrenaccessoires, und versprach anschließend vollmundig bis 2020 die ´Gentlemen Marke Nummer 1´ in Europa zu werden. Ein Happy End gab es jedoch, wie wir heute wissen, nicht.

Öffentlich ausgetragener Streit

Was ist schief gelaufen? Ich beziehe meine Frage dabei ausdrücklich nicht auf die betriebswirtschaftliche Situation, sondern auf die persönliche: Was ist mit einem jungen Menschen, der noch vor vier Jahren als aufgehender Star in der Gründerszene galt, passiert, dass er so den Boden unter den Füßen verloren hat? Wo waren die sozialen Kontrollinstrumente? Ganz offensichtlich hat der Gründer immer wieder durch öffentliche Provokationen versucht, seine Grenzen zu überschreiten – so stritt er über seine Facebook-Kanäle öffentlich mit seinem damaligen Investor Frank Thelen oder zeigte sich im Internet live (und trinkenderweise) dabei wie er über die Krise klagte, in die sein Start-ups gerutscht ist. Zwischenzeitlich ermittelte sogar die Staatsanwaltschaft wegen Insolvenzverschleppung gegen ihn.

Konnte ihn keiner aufhalten?

Die Frage, die sich mir nun stellt, ist: Warum hat ihn niemand aus seinem privaten Umfeld aufgehalten? Warum haben Freunde oder Familie der Sache nicht Einhalt geboten? War es, weil er sich nicht helfen lassen wollte? Hatte er verlernt zuzuhören? Oder gab es niemanden mehr, dem er hätte zuhören können? Auch wenn Schirrmachers Beispiel natürlich ein sehr extremes ist, erlebe ich immer wieder ähnliche Situationen, die mich nachdenklich machen. Oftmals begegne ich Unternehmern, die die einfachen Regeln des mitmenschlichen Umgangs vor lauter Arbeitseifer, Gründungshype und Dauerüberbeschäftigung nicht mehr einhalten.

Vor genau einem Jahr hatte ich mehrere Wochen vergebens versucht eine Freundin zu erreichen. Ich hätte ihr gerne persönlich vor einer gemeinsamen Veranstaltung von meiner Schwangerschaft erzählt, doch seit ihrer Firmengründung schien sie verschollen zu sein. Obwohl ich selbst aus unserer Anfangszeit durchaus Verständnis für Zeitmangel habe, hat mich das Erlebte persönlich getroffen. Zum einem fiel es mir schwer zu akzeptieren, dass sich ihre Prioritäten in Bezug auf privates und berufliches Umfeld offensichtlich verändert hatten, und zum anderen war ich einfach enttäuscht, dass private Kommunikation anscheinend nicht mehr möglich war, weil sie sich nur noch auf das Geschäftliche konzentrierte.

Verändert der Erfolg den Menschen?

Kann es sein, dass ein Teil Menschlichkeit kaputt geht, während wir beruflich aufsteigen? Und falls ja, wer hat Schuld daran? Ist es der Gründer selbst, weil er sich auf das Spiel einlässt oder ist es die Szene, die verlangt, dass man sich so sehr auf das Start-up konzentriert, dass sonst nichts mehr zählt?

Gründer werden oft ins kalte Wasser geworfen mit dem Ziel sofort schwimmen zu lernen. Innerhalb kürzester Zeit wird ihnen Personal- und Finanzverantwortung zugemutet, die sie normalerweise in einer Angestellten-Karriere erst nach mehreren Jahre erhalten würden. Es wird erwartet, dass der Gründer quasi über Nacht zum Alpha-Tier mutiert. Und genau da kann es zum Konflikt kommen, denn oftmals beginnen wir Beruf mit Privatleben zu vermischen und uns unter Freunden und Familie so zu verhalten, wie wir es auch im Job tun – immer busy, nie bereit eine verbindliche Zusage zu treffen.

Vielleicht ging es David Schirrmacher ähnlich – er wurde als Wunderkind der Szene gehandelt und das stieg ihm zu Kopf. Ich denke, die Gefahr, dass soziale Kompetenz der Gründerkompetenz weichen muss, ist durchaus gegeben. Ich für meinen Teil jedenfalls weiß, dass ich nie wieder eine Situation erleben möchte, in der eine Freundin von meiner Schwangerschaft aus einem Presseartikel erfährt.