Auf der Suche nach Inspiration besuchen etablierte Konzerne mit ihren Mitarbeitern Start-ups. Tijen Onaran bezweifelt, dass das der richtige Weg ist.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt wieder Tijen Onaran. Sie ist Gründerin von startup affairs, einer PR und Public Affairs Beratung für Start-ups, Venture Capitals und Unternehmen. Mit Women in Digital e.V. vernetzt Onaran Entscheiderinnen der Digitalbranche und macht diese sichtbar.  Vor der Gründung von startup affairs war sie als Leiterin Kommunikation beim Onlinehandelsverband Händlerbund und in unterschiedlichen Funktionen für Bundestags-, Europaabgeordnete sowie das Bundespräsidialamt tätig.

„Können Sie mir innovative Start-ups nennen, die in Berlin sitzen, hippe Büros und am besten noch eine Gründerin im Team haben?“, fragt mich mein Gesprächspartner. „Wir wollen unseren Mitarbeitern einen Ausflug ins Unbekannte ermöglichen, weg vom spröden Konzernalltag, hinzu mehr Silicon-Valley-Spirit. Sie sollen lernen, innovativ zu denken und zu handeln. Ich bin mir sicher, Sie können uns da mit einem Vorschlag helfen!“

Konzerne tun es, Mittelständler auch und die Politik bekommt nicht genug davon: Ob „Start-up Safari“, „Berlin Valley Experience“ oder „Meet the Founder“ – die Liste der Formate ist lang und alle versprechen dasselbe. Es wird hip, schick und der offene Hemdkragen kommt zum Einsatz. Silicon Valley ist auf einmal zum Greifen nah – fehlen nur noch die Mitarbeiter, die mitziehen. Aber dafür gibt es ja jetzt die Touren.

Der Anspruch dabei: so viele Start-ups wie möglich sehen, am liebsten natürlich mit coolen Produkten, was zum „Anfassen“ – hippe Brillen oder so. Und selbstverständlich wird vorausgesetzt, dass die Start-ups die Besuche auch gut finden. Schließlich erweitern sie ja ihr Netzwerk und haben die einmalige Chance, sich zu präsentieren. Aber bitte kostenlos und mit viel Zeit, versteht sich.

Tischkicker, aber bitte nur im Keller

Zurück im Büro, wird dann viel über Innovation im eigenen Unternehmen nachgedacht. Vielleicht ein Start-up im eigenen Konzern gründen? Kaum darüber gesprochen, ist es schon gegründet und schon entstehen banale Fragen, die allerdings schnell zu Grundsatzfragen werden. Darunter auch: Wo darf der Tischkicker stehen?

Kürzlich erzählte mir ein Geschäftsführer, sein ganzer Stolz sei neben dem Start-up der Tischkicker. Der Haken an der Sache: leider durfte der nicht in den Büroräumen stehen – Begründung: zu viel Lärm. Aber wer will, kann gerne in den Keller gehen. Das ist natürlich Innovation pur.

Tatsächlich ist der Austausch von etablierten Unternehmen mit denen, die auf dem Weg sind, wichtig und richtig. Nur wo verschiedene Welten aufeinandertreffen, kann tatsächlich Neues entstehen. Dabei müssen es nicht mal neue Geschäftsfelder sein, sondern Altbewährtes kann überprüft werden.

Dennoch braucht es mehr als einen Besuch, mehr als das Betrachten exotischer Büroarchitektur und mehr als Chucks, die in den Chefetagen gerade ihr Revival erleben. Unternehmenskultur lässt sich nicht durch Besuche von Start-ups alleine wandeln. Echte Veränderung erfolgt durch das Befähigen der Mitarbeiter, unternehmerisch zu denken und zu handeln. Dafür brauchen sie Freiheiten, Raum für Kreativität und vor allem: die Sicherheit, mutig sein zu dürfen.

Lasst die Mitarbeiter ran!

Mutig darin, neue Formaten zu gestalten; mutig darin, alles, was vermeintlich immer so gemacht wurde, mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Wer innovativ und unternehmerisch denken und handeln soll, muss selbst entscheiden dürfen, wo und wie er sich die Inspiration für neue Kanäle, neue Produkte und neue Entwicklungen holt.

Konzerne wollen fähige, agile und kreative Mitarbeiter. Dann müssen sie auch selbst agil und kreativ sein. Notwendig sind Plattformen und Netzwerke, die alt und neu zusammenbringen.

Natürlich können Start-ups Innovationen antreiben, indem sie ihre Türen öffnen, andere teilhaben lassen und genau das vorleben, was Mittelständler oder Großkonzernen Probleme bereitet. Den innovativen Austausch aber schaffen die Streichelzoo-Formate alleine nicht. Dafür braucht es nachhaltige Initiativen sowie öffentliche und geschützte Räume.