Zwischen den Jahren wollte Meike Haagmans eigentlich nur eines: Nichts tun! Dann stieß sie auf eine Autobiographie – und war plötzlich voller Tatendrang. 

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: In ihrer Kolumne berichtet Meike Haagmans von dem alltäglichen Wahnsinn im Leben einer Gründerin. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, reist sie als Flugbegleiterin um die Welt, bloggt über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite Tipps für Nebenbei-Gründer.

Seit mittlerweile mehr als vier Jahren schreibe ich diese Kolumne, nur ein einziges Mal habe ich in der gesamten Zeit die Gelegenheit zu einer Buchrezension genutzt – es ging um die „Digitale Erschöpfung“ von Marc Albers. Und nun, ziemlich genau zwei Jahre später, habe ich zwischen den Feiertagen wieder einmal ein Buch gelesen, das mich so begeistert hat, das ich es gerne vorstellen möchte: „…dann bin auf dem Baum geklettert!“ von Dirk Rossmann.

2018 erschienen, habe ich die Autobiografie im gleichen Jahr das erste Mal im Regal einer Rossmann Filiale wahrgenommen und eher kritisch betrachtet. Bei einem Kaufpreis für 20 Euro für ein Buch in einem Drogeriemarkt erschien es mir auf den ersten Blick wie eine überteuerte Selbstdarstellung des Inhabers. 

Wie ein Imperium entsteht

Ein Jahr später allerdings weckte Rossmann bei einer Preisverleihung meine Interesse, denn selten hatte ich eine Dankesrede so authentisch, vehement und ehrlich erlebt. Rossmann übte vor dem versammelten deutschen Mittelstand Kritik bezüglich der unternehmerischen Verantwortung im Land und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Ich wollte mehr über den Unternehmer erfahren und entschied mich sein Buch doch zu lesen.

Genau wie in seiner gerade erwähnten Dankesrede berichtet Rossmann auch hier sehr ehrlich und authentisch von der Entstehung seines Imperiums – und zwar mit allen Höhen und Tiefen. Er zeigt, dass alleine der Glaube an die eigene Idee reichen kann, um eine ganze Branche umstrukturieren zu können. Und das ganz ohne große Finanzierungsrunden: “Wir waren das, was man heute ein erfolgreiches Start-up nennen würde. Nur dass wir – im Gegensatz zu vielen Start-ups der jetzigen Zeit – gleich am ersten Tag eine volle Kasse hatten“.

Eine Inspiration für alle Gründer mit kleinem Budget aber großen Visionen. 

Erfolg entsteht nicht über Nacht

Eine weitere Sache, die wir von dem Unternehmer lernen können, ist Durchhaltevermögen. Erfolg entsteht nicht über Nacht und Skalierung braucht Zeit. Auch Branchenkenntnisse sind unabdingbar. Rossmann wusste genau, was er tat, als er 1972 den ersten Drogeriemarkt mit Selbstbedingung eröffnetet. Jahrelang hatte er im Laden seiner Eltern und Großeltern mitgearbeitet, kannte Kundenbedürfnisse und Marktbedingungen. 

Eine Geschichte die mich sehr beeindruckt hat, ist der Umgang mit Konkurrenten. Während in der heutigen Start-up Kultur gilt, dass nur einer überleben kann und Millionen zur Vernichtung von Mitbewerbern investiert werden, zeigt Rossmann, dass es auch anders gehen kann. Ende 1990 trommelte er mehrere Drogeriemarkt Besitzer zusammen, um gemeinsam mit ihnen eine Spendenaktion in Russland durchzuführen. 

Respekt und Neugier vor und an den Mitmenschen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Rossmann selbst schreibt, dass er lange als Underdog in der Branche galt, er das aber durchaus als vorteilhaft angesehen hat. Statt also laut zu bellen, was Gründer heutzutage gerne tun, konnte er lange unter dem Radar in aller Ruhe tüfteln. Mehr Sein als Schein. 

Was sich die Start-up-Szene abgucken kann

Dass ein Unternehmer auch langfristige und nachhaltige Verantwortung übernehmen muss, lässt Rossmann gerne in seinen Erzählungen einfließen. Er schafft es mit kleinen Seitenhieben den Leser zum Nachdenken anzuregen. Ich bin mir sicher, dass Aussagen wie „Wer in Deutschland sein Geld verdient, der soll hier auch seine Steuern zahlen“ oder „Steueroasen sollte man trockenlegen“ auch der Start-up Szene gilt.

Man kann spüren, dass in Rossmanns Kopf ständig Gedanken kreisen. Viele von ihnen versucht er mit seinen Co-Autoren im letzten Viertel des Buches noch anzusprechen, welches dadurch oftmals aneinander gereiht wirkt. Ich denke, dass gerade diese Geschichten durchaus den Stoff für ein weiteres Buch gehabt hätten und würde mir sehr wünschen, dass Rossmann seine mediale Aufmerksamkeit nutzt, um noch mehr über seine Projekt zu sprechen. 

Mein Fazit zu dem Buch: lesen! Leicht und oftmals amüsant geschrieben, aber trotzdem mit einigen mehr oder weniger offensichtlichen Appellen an die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Politik. Von Dirk Rossmann kann man einiges lernen, sowohl vom Unternehmer, als auch vom Menschen.