Jahrelang wurde sie ausgebremst, doch die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist nicht aufzuhalten. Es sind Start-ups, die die Entwicklung vorantreiben, sagt Jenny Boldt. 

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Es ist einfach. So bestechend einfach, dass man sich fragt, warum es nicht längst Standard ist: Warum setzt man sich nicht, wenn man krank ist, vor den eigenen Computer und spricht per Videokonferenz mit dem Arzt, anstatt in Bus und Bahn und im Wartezimmer noch kränker zu werden und im schlimmsten Fall andere anzustecken?

Die Videosprechstunde gibt es längst, angewendet wurde sie bis vor kurzem jedoch nur selten: Im Mai des vergangenen Jahres hatten erst fünf Prozent der Patienten jemals eine solche genutzt. Inzwischen ist die Zahl auch in Folge der Corona-Krise auf 13 Prozent gestiegen – Tendenz rasant steigend.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Nachdem viele Jahre lang digitale Technologien im Gesundheitswesen von vielen Beteiligten eher ausgebremst als forciert wurden, findet jetzt die Digitalisierung des Gesundheitswesens wirklich statt. Nur noch wenige Wochen, dann können Ärzte in Deutschland erstmals Gesundheits-Apps für das Smartphone verschreiben (die 6 von 10 Bundesbürgern gerne nutzen würden). Anfang 2021 folgt die Einführung der elektronischen Patientenakte (die drei Viertel der Patienten verwenden wollen) und 2022 wird das E-Rezept zur Pflicht (das zwei Drittel der Patienten gerne erhalten würden).

Mit dem Start-up am Wochenende um 22 Uhr zum Arzt

Treiber dieser Digital-Offensive im Health-Bereich sind nicht zuletzt Start-ups. Und sie sind es auch, die dafür sorgen, dass Patienten schon heute viele digitale Angebote nutzen können, wenn sie denn wollen. Wer einen Arzt hat, der mit Doctolib zusammenarbeitet, kann bequem online Termine ausmachen oder auch eine Videosprechstunde besuchen. Und auch das Start-up TeleClinic ermöglicht den digitalen Arztbesuch per Telefon oder Videoschalte, und zwar nicht nur unter der Woche, sondern auch an Wochenenden, Feiertagen und zu jeder Tageszeit (wobei gegebenenfalls Zuzahlungen für gesetzlich Versicherte anfallen, etwa wenn man dringend noch am Wochenende vor dem Urlaub ein Rezept benötigt). Und Docyet versucht den Patienten ganz ohne Arztbesuch mit einem Chat-Bot zu informieren, etwa über Corona-Symptome. Dadurch kann der Nutzer abklären, ob die Konsultation eines Arztes notwendig ist oder ob man darauf verzichten kann.

Mit ärztlicher Unterstützung selbst aktiv werden

Aber digitale Health-Technologien können noch viel mehr. Routine Health hat eine digitale Nachsorgetherapie entwickelt, die Menschen mit Phantomschmerzen nach einer Amputation oder Schlaganfallpatienten helfen soll. Der Patient erhält ein Tablet und wird begleitend medizinisch betreut, soll aber App-gestützt selbstständig und unabhängig von Zeit und Ort geeignete Therapieübungen absolvieren. Und AidHere entwickelt eine Technologie, die es Patienten ermöglicht, ihr Gewicht langfristig und nachhaltig zu reduzieren. Dabei wird ein KI-gestützter und datengetriebener Ansatz gewählt. Selfapy reagiert auf die langen Wartezeiten bei Psychotherapeuten und ermöglicht es Patienten mit Burnout, Depressionen sowie Angst- und Essstörungen, verschiedene Online-Kurse zu buchen, die auf einer Verhaltenstherapie basieren. Bei Bedarf kann zudem ein Psychotherapeut konsultiert werden, wobei die Sitzungen per Videochat stattfinden.

Digitale Prävention statt analogem Arztbesuch

Das Thema Prävention steht bei Humanoo im Mittelpunkt. Nachdem der physische und mentale Gesundheitszustand ermittelt wurde, wird dem Nutzer ein individueller Trainingsplan aus den Bereichen Physio, Mentaltraining, Workouts und Ernährung empfohlen – mit dem Ziel, Arztbesuche möglichst zu vermeiden. Das Start-up Lindera hat einen Mobilitätstest zur Sturzvermeidung bei Senioren entwickelt. Denn diese Stürze sind die zweithäufigste unnatürliche Todesursache – und zu drei Viertel vermeidbar, wenn die Risikofaktoren bekannt sind – und die werden durch den Test für jeden zugänglich. Und DermaDigital entwickelt eine medizinische App für Menschen mit Hautkrankheiten. Betroffene sollen bei der Auswahl von Hautpflege- und Kosmetikprodukten beraten werden, damit es nicht zu einem Krankheitsausbruch kommt.

Diese wenigen Beispiele zeigen, was heute schon möglich ist. Und das obwohl oft rechtliche Vorgaben oder auch willkürliche Begrenzungen bei der Erstattung von digitalen Leistungen durch die Krankenkassen innovative Angebote noch ausbremsen. Aber der aktuelle Schwung bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens dürfte es deutlich schwieriger machen für die Bremser und Besitzstandswahrer. Denn die stehen zunehmend auch gegen eine Mehrheit der Bevölkerung. So sagen in der Bitkom-Studie 57 Prozent der Bundesbürger, dass die Digitalisierung eine große Chance für das Gesundheitssystem ist. Dass wird diese Chance auch wirklich nutzen, dafür sorgen vor allem auch immer mehr Health-Start-ups.