Gründer versammeln über die Zeit viele Gesellschafter um sich herum. Um die Abstimmung zu vereinfachen, sollten einige Stimmen zusammengefasst werden. Wie das gelingt.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer.In regelmäßiger Folge berichten Anwälte aus der Kanzlei Lutz Abel aus ihrem Arbeitsalltag. Heute schreibt Jan-Phillip Kunz. Er ist spezialisiert auf Venture Capital und M&A und berät sowohl Investoren als auch Start-ups und Gründer bei Finanzierungsrunden und Transaktionen.

 Auf dem Weg von der ersten Seed-Finanzierungsrunde mit Family and Friends bis zu einer millionenschweren Serie A oder Serie B Finanzierungsrunde, sammeln sich in einem Start-up oft viele Frühphasen-Investoren als Gesellschafter. Über die Finanzierungsrunden hinweg verringern sich in der Regel die Beteiligungsquoten dieser Family and Friends oder Early-Stage Investoren. Daher werden diese oft als Minderheits- oder Kleingesellschafter bezeichnet.

Je länger jedoch die Liste der Gesellschafter im Cap Table mit jeder weiteren Finanzierungsrunde wird, desto schwieriger ist es, alle Gesellschafter bei wichtigen Entscheidungen in Einklang zu bringen. Das beginnt bei Beschlussfassungen der Gesellschafter und erstreckt sich über Themen wie die Verhandlungen von zukünftigen Finanzierungsrunden mit großen Venture Capital Investoren bis hin zur Einholung einer fehlenden Unterschrift, die aufgrund eines längerfristigen Aufenthalts in einem digital-detox Retreat des betreffenden Klein-Investors nicht mehr so einfach einzuholen ist. Auch und gerade im Fall eines Verkaufs kommt es immer wieder vor, dass sich Minderheitsgesellschafter unter Verweigerung der oftmals notwendigen Mitwirkung lästig zeigen und so den Versuch unternehmen, ihre persönlichen Vorteile auf Kosten aller übrigen Gesellschafter zu optimieren.

Es ist für die Gründer, das Start-up und alle übrigen Gesellschafter daher von hoher Relevanz, gebündelte Strukturen zur Willensbildung einzurichten, die eine kurzfristige Entscheidungsfindung der Kleingesellschafter und größeren VC-Investoren ermöglichen. In der Praxis nennt sich das „Pooling“. Dahinter steckt das Bündeln von Kleingesellschaftern bzw. deren Gesellschafterrechten im Hinblick auf das Start-up. Drei unterschiedliche Gestaltungsvarianten haben sich hierbei etabliert.

1. Treuhandvereinbarungen

Beim Treuhandmodell werden im Rahmen von Treuhandvereinbarungen Anteile der Kleingesellschafter auf einen der Gesellschafter als Treuhänder übertragen, bzw. werden von diesem für die Treugeber gehalten. Dadurch werden die Kleingesellschafter zu sogenannten Treugebern. Als Treugeber bleibt der einzelne Kleingesellschafter zwar weiterhin wirtschaftlicher Eigentümer der betreffenden Anteile, allerdings ist nur der Treuhänder Gesellschafter des Start-ups und mit der Ausübung von Gesellschafterrechten befasst. Für das Start-up heißt das, dass nur der Treuhänder anstelle einer Vielzahl von Kleingesellschaftern im Rahmen der üblichen Entscheidungsfindung einzubinden ist.

Was gilt es insbesondere bei der Umsetzung des Treuhandmodells zu beachten? Kurz gesagt, darf die Einflussnahme des jeweiligen Kleingesellschafters als Treugeber im Hinblick auf seine (mittelbare) Beteiligung am Start-up nicht völlig ausgehöhlt werden. Ein wichtiger Punkt: Der Treuhandvertrag muss daher unter anderem Regelungen beinhalten, die die Weisungsmöglichkeit des Treugebers an den Treuhänder sicherstellen. Für den Treuhänder heißt das, dass er sich vor Ausübung der Gesellschafterrechte im Start-up mit dem bzw. den Treugebern abstimmen muss. Der Treugeber kann damit seine Gesellschafterrechte im Start-up zwar nicht unmittelbar ausüben, nimmt jedoch aufgrund der Regelungen im Treuhandvertrag mittelbar Einfluss auf die Abstimmungen: er weist den Treuhänder an, sein Abstimmungsverhalten in einer bestimmten Art auszuüben. Daneben gibt es eine Reihe weiterer rechtlicher und steuerlicher Fallstricke, die bei der Gestaltung und Umsetzung solcher Treuhandmodelle unbedingt zu berücksichtigen sind.

2. Pooling-Gesellschaften

Eine weitere Gestaltungsmöglichkeit ist die Bildung von Pooling-Gesellschaften oder auch Kapitalpools. Ähnlich wie beim Treuhandmodell werden sämtliche Anteile am Start-up von der Pooling-Gesellschaft gehalten. Auch in diesem Fall übt nur ein Gesellschafter für eine gewisse Anzahl an dahinterstehenden Investoren auf Ebene des Start-ups Gesellschafterrechte aus. Die Investoren wiederum sind unmittelbar „nur“ an der Pooling-Gesellschaft beteiligt. Je nach Investorenkreis ist zu erwägen, welche Rechtsform zur Gründung einer Pooling-Gesellschaft gewählt wird. Hier kann neben einer GmbH bzw. UG oder GmbH & Co. KG auch an eine GbR gedacht werden. Bei der Wahl der passenden Rechtsform sind zahlreiche einzelfallspezifische rechtliche und steuerliche Themen zu berücksichtigen. Besonders zu beachten ist, dass die einzelnen Gesellschafter einer GbR, also die Investoren, uneingeschränkt und gemeinschaftlich für die von der GbR eingegangenen Verpflichtungen haften. Dies kann zum Beispiel im Falle der Abgabe von Garantien im Rahmen eines Exits zu Nachforderungen an die in der GbR gepoolten Investoren über ihr sonst limitiertes Risiko hinausgehen.

3. Stimmrechtspooling

Im Gegensatz zum Treuhandmodell oder einer Pooling-Gesellschaft bleibt bei dieser Variante jeder Investor Inhaber seiner Anteile und damit Gesellschafter des Start-ups. Im Rahmen des Stimmrechtspoolings verpflichten sich die einzelnen zu poolenden Gesellschafter, auf Basis einer Stimmbindungsvereinbarung (oder Pooling-Vereinbarung) ihr Abstimmungsverhalten bestimmten Vorgaben zu unterwerfen und insoweit nicht frei zu entscheiden oder abzustimmen. Das führt im Ergebnis dazu, dass zunächst eine interne Abstimmung auf Ebene der stimmrechts-gepoolten Gesellschafter erfolgt. Sämtliche Stimmen und sonstige einheitlich abgestimmten Erklärungen dieser gepoolten Gesellschafter werden dann gegenüber dem Start-up einstimmig durch den Pool-Leader ausgeübt. Zur praktischen Umsetzung sehen derlei Pooling-Vereinbarungen in der Regel einen sog. Pool-Leader vor. Diesem Pool-Leader werden regelmäßig Vollmachten erteilt, wonach dieser bspw. die Ausübung von Stimmrechten des betreffenden Investors in Gesellschafterversammlungen wahrnehmen kann. Häufig beinhalten diese Vollmachten weitere weitreichende Befugnisse, wie den Abschluss weiterer Beteiligungs- und Gesellschaftervereinbarungen bis hin zur Übertragung von Anteilen am Start-up in Exit-Transaktionen.

Bei der Umsetzung von Stimmrechtvereinbarung ist zu beachten, dass mit deren Abschluss zwischen den gepoolten Investoren eine sog. Innen-GbR entsteht. Insofern empfiehlt es sich, dass die Pooling-Vereinbarung eine feste Laufzeit vorsieht. In der Praxis haben sich Laufzeiten von etwa 15 Jahren etabliert, die zumeist automatische Verlängerungen um regelmäßig jeweils ein weiteres Jahr vorsehen. Andernfalls wäre die Stimmrechtsvereinbarung nach den gesetzlichen Bestimmungen jederzeit kündbar und liefe damit dem Zweck des Pooling zuwider. Außerdem ist unter Umständen an die Aufnahme einer Vertragsstrafe zu denken die greift, wenn ein Pool-Gesellschafter vertragswidrig seine Stimmrechte direkt und unter Umgehung des Poolsprechers ausübt.

Wichtig: Fragen zum Gesellschaftermanagement frühzeitig angehen

Für Gründer und das Start-up ist es wichtig, sich frühzeitig mit Fragen zum Gesellschaftermanagement zu befassen. Die Erfahrungen in der Praxis zeigen, dass Start-ups mit gut implementierten Strukturen weit weniger Aufwand bei wichtigen Entscheidungsfindungen betreiben müssen und damit wesentlich agiler agieren können als andere. Als Daumenregel kann gelten, dass ein Pooling ab einer Anzahl von mehr als fünf Kleingesellschaftern sinnvoll erscheint. Das könnte etwa Start-ups betreffen, die vor dem Einstieg eines ersten professionellen Investors stehen.

Bei der Wahl der Mittel kommt es wie immer auf den Einzelfall und die betreffenden Beteiligten an. Das Stimmrechtspooling lässt im Unterschied zur Treuhand oder Pooling-Gesellschaft die Gesellschafterstellung des Investors unberührt und ist entsprechend einfach umzusetzen. Richtet sich der Fokus auf die Syndizierung von direkten Beteiligungen, ist dieses Ziel über das Treuhandmodell oder die Pooling-Gesellschaft zu erreichen.