Die Versicherungsbranche gilt als Sektor mit Innovationspotenzial – und Mut zu neuen Geschäftsmodellen. Jenny Boldt wirft einen Blick auf InsurTechs-Trends.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Fragt man eine beliebige Person aus seinem Bekanntenkreis, ob sie den vergangenen Wochen einen Überweisungsträger mit Kugelschreiber ausgefüllt hat, dann ist die Chance ziemlich groß, dass das Gegenüber Nein sagen wird. Online-Banking ist für die breite Mehrheit der Bevölkerung längst Alltag. Und fragt man, wer im Supermarkt schon mal per Smartphone an der Kasse bezahlt hat, erntet man immer seltener fragende Blicke und hört immer öfter ein klares Ja; in den meisten Fällen sogar mit dem Zusatz, dass es superschnell und supereinfach war. Die Digitalisierung der Finanzbranche, so scheint es, ist Realität geworden. Doch sie hört beim Geschäft der Banken noch lange nicht auf – aktuell steht die Versicherungsbranche im Fokus. Und nach den FinTechs kommen nun die InsurTechs.

Ein Sektor mit Innovationspotential

Die Wachstumschancen dürften groß sein. Die Versicherungsbranche gilt als ein Sektor mit sehr hohem Innovationspotenzial. Aktuell sagt zwar erst jeder zweite Bundesbürger, dass er bereits eine Versicherung online abgeschlossen hat, doch die Bereitschaft ist durchaus da: Unter den 16- bis 64-Jährigen lehnt dies nur jeder Fünfte grundsätzlich ab. Und an der Spitze der online verkauften Produkte rangieren bislang relativ einfache Policen wie die Reiserücktrittversicherung, die Kfz-Versicherung und die Auslandskrankenversicherung.

Dabei geht es InsurTechs aber um weit mehr, als nur einen digitalen Vertriebskanal zu finden. Es geht um völlig neue Geschäftsmodelle, die etablierten Versicherern auf der einen Seite sicherlich Konkurrenz machen, ihnen auf der anderen Seite aber auch völlig neue Möglichkeiten bieten – für Kooperationen ebenso wie für eigene innovative Produkte.

Eine Vision für die Zukunft

So bietet das Berliner Start-up Wefox nicht nur bereits eine digitale Plattform für Versicherungsmakler und eine eigene Versicherung an, sondern plant noch viel mehr: Die Vision für die Zukunft ist, dass der Kunde sich nicht mehr selbst aktiv um den besten Versicherungsschutz kümmern muss, sondern die ohnehin anfallenden Daten – etwa vom Smartphone, aus dem vernetzten Auto oder dem Smarthome – analysiert werden. Wird dabei ein Risiko festgestellt, erhält der Kunde einen Hinweis und kann handeln.

Das Start-up Element hat nicht nur eine Lizenz der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), sondern möchte einen völlig neuen Gedanken in die Versicherungsbranche einbringen: den Zulieferer. Denn so wie die Automobilindustrie ohne eine starke und innovative Zulieferbranche nicht denkbar wäre, so sollen die Versicherer künftig von Zulieferern wie Element profitieren. Die einen verfügen über die Marke und den Zugang zum Kunden, die anderen liefern moderne und digitale White-Label-Produkte. Das zeigt vor allem auch etwas, was bereits die Bankenwelt erleben musste: Die Versicherer werden künftig nicht mehr alle Teile der Wertschöpfungskette selbst abbilden können.

Änder die Digitalisierung das Mindset?

Aus dem saarländischen Neunkirchen kommt Neodigital, das mit einem individuell konfigurierbaren Versicherungsbaukasten die Versicherungswelt umkrempeln will. Das Ziel von Modularität und digitalen Technologien: Insurance-as-a-Service. Dabei setzt Neodigital nicht nur auf einen hohen Automatisierungsgrad dank Digitalisierung, sondern auch auf eine vollständige digitale Kommunikation. Mit Carsten Maschmeyer wurde zumindest bereits ein prominenter Investor von den Erfolgschancen dieses Ansatzes überzeugt.

Andere InsurTechs spezialisieren sich auf ein bestimmtes Versicherungssegment. So bietet Finlex eine digitale Plattform für Industrieversicherungen mit einem Schwerpunkt auf Themen wie Cyberversicherungen, D&O-Versicherungen und Rechtsschutzversicherungen.

Einen anderen Ansatz wählt Omni:us, das sich selbst als Artifical-Intelligence-as-a-Service-Anbieter sieht. Das Start-up bietet Versicherern eine Lösung, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Schadensmeldungen von Versicherungskunden analysiert, alle relevanten Daten extrahiert und sie aufbereitet an die zuständige Abteilung weiterleitet. Das spart nicht nur Geld, sondern vor allem auch Zeit – was der Kunde sofort spürt. Und es zeigt, welches Potenzial Versicherer heben können, wenn sie die Daten digital aufbereiten und nutzen.

Bisher sind Versicherungen eher ein Push- als ein Pull-Produkt. Ob es gelingt, dies durch Digitalisierung, ein entsprechendes Mindset und neue Geschäftsmodelle zu ändern und Versicherungen zu einem “sexy” Produkt zu machen, ist offen. Wenn jedoch Technologie und die Vermittlung von Sicherheit konsequent zusammengedacht werden, wird für den Kunden in Zukunft zumindest schon einmal die Auseinandersetzung mit seiner Versicherungssituation kein nervtötender Papierkrieg mehr sein. Und womöglich macht dann das Optimieren der Policen sogar ein bisschen Spaß.