Wer mit seinem Unternehmen scheitert, wird oft schräg angesehen. Das muss sich ändern, sagt Jenny Boldt, und fordert mehr Offenheit für den Mut zum Risiko.

Montag ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer. Heute schreibt Jenny Boldt. Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist Leiterin Startups beim Branchenverband Bitkom und dort für die Initiative „Get Started” verantwortlich. Erfahrung in der Szene sammelte sie auch mit der Gründung eigener Unternehmen.

Eines der vielleicht besten und wichtigsten Start-up-Förderprogramme würde keinen Cent kosten. Wir müssten es nur schaffen in Deutschland einen anderen Umgang mit denjenigen zu finden, die mit der eigenen Idee “gescheitert” sind. Wir brauchen eine Kultur der zweiten Chance – und der dritten, vierten, fünften… Die Debatte begleitet uns bereits seit Jahren, aber in Zeiten des coronabedingten wirtschaftlichen Einbruchs wird sie sich womöglich schon bald mit neuer Dringlichkeit stellen.

Ein Makel, der ewig währt

Es ist doch so: Wer ein Start-up gründet, und am Ende weder den weltweiten Tech-Markt dominiert, noch die Gründung für einen erklecklichen Betrag verkaufen kann, sondern die Firma mehr oder weniger sang- und klanglos wieder schließen muss, dem hängt hierzulande immer noch ein Makel an (und das gilt nicht nur für Start-ups, sondern für den kleinen Handwerksbetrieb oder jede andere Unternehmung auch). Die öffentliche Wahrnehmung schwankt dann häufig zwischen Mitleid (“puh, das ganze Geld weg und nur Schulden”), Besserwisserei (“also dass das nix werden würde, das habe ich ja schon immer gewusst”), Selbstzufriedenheit (“ich weiß schon, warum ich mich für einen Job im öffentlichen Dienst entschieden habe”) und auch ein bisschen Verachtung (“alles vor die Wand gefahren, aber auch echt doof dabei angestellt”). 

Und dabei wird auch nicht unterschieden, was die Gründe für das Scheitern waren, denn die sind noch vielschichtiger als die Reaktionen darauf. Sie reichen vom falschen Geschäftsmodell über Finanzierungsprobleme und Veränderungen in der persönlichen Situation des Gründungsteams bis zu der Tatsache, dass man seiner Zeit und den technischen Möglichkeiten mit der eigenen Idee einfach voraus war (wer in den 90ern einen Online-Streamingdienst gründen wollte, der hatte es halt angesichts schmaler Internetleitung einfach (zu) schwer). Die Folge ist aber so oder so: Wer später einmal Geldgeber für ein neues Projekt sucht, dem wird eine Insolvenz oder gar eine Liste solcher Fehlversuche zumindest außerhalb des engsten Start-up-Ökosystems eine echte Bürde sein.

Andere Länder zeigen mehr Offenheit im Umgang mit dem Thema

Das ist verwunderlich, denn fragt man die Menschen, dann haben sie eigentlich eine ganz andere Meinung. Schon 2014 haben in einer Bitkom-Umfrage acht von zehn Bundesbürgern gesagt, gescheiterte Start-up-Gründer hätten eine zweite Chance verdient – und nur 18 Prozent gaben an, so jemand sei ein Versager. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Doch die Frage ist, ob diese Antworten auch mit dem eigenen Verhalten in der Realität übereinstimmen – denn die fühlt sich für die Betroffenen oft anders an.

Das ist auch verwunderlich, weil viele Gründerinnen und Gründer es nicht beim ersten Mal geschafft haben. Ob Twitter, Paypal oder GoPro – wenn man sich umschaut, findet man viele erfolgreiche Unternehmen, bei denen mindestens ein Mitglied des Gründungsteams zuvor schon den einen oder anderen Fehlschlag hatte hinnehmen müssen.  Vielleicht fehlt es uns hierzulande im internationalen Vergleich auch deshalb manchmal an Erfolg, weil wir es den klugen Köpfen so schwer machen, mit neuem Anlauf noch einmal durchzustarten – oder überhaupt erst loszulegen. Die weltweite Vergleichsstudie  “Amway Global Entrepreneurship Report” kam 2018 zu dem Ergebnis, dass in Deutschland nur 19 Prozent der Bürgerinnen und Bürger ab 14 Jahren bereit wären, bei einer Unternehmensgründung das Risiko des Scheiterns einzugehen. Im EU-Durchschnitt liegt der Anteil mit 47 Prozent deutlich darüber. Und in den Ländern, die gerade den Takt bei der technologischen Entwicklung vorgeben, sieht es noch einmal ganz anders aus: In den USA beträgt der Anteil 74 Prozent, in China sogar 86 Prozent.

Schon Schüler sollten lernen, dass es sich lohnt etwas zu wagen

Wenn wir das ändern wollen, dann müssen wir damit früh anfangen – in der Schule. So wie wir Kindern Rechnen beibringen und Schreiben, aber auch Grundkenntnisse der Biologie und unseres politischen Systems, genauso müssen wir ihnen die Grundlagen des Unternehmertums vermitteln. Und zwar nicht nur praktisches Wissen, sondern auch ein entsprechendes Mindset. Dass Menschen, die etwas unternehmen, in erster Linie einmal mutig sind – und dass nicht jede Unternehmung von Erfolg gekrönt ist. Das ist etwas, was wir Kindern ständig vermitteln, was die Grundlage fast jedes Kinder- und Jugendbuches ist: Trau Dir was zu, sei mutig, lebe Deinen Traum! Nur wenn es um die Wirtschaft geht, dann dominiert eine ganz andere Haltung gegenüber den Kindern: Sei vorsichtig, lieber Sicherheit als Risiko, lieber öffentlicher Dienst als Selbstständigkeit.

In Zahlen liest sich das im “Bitkom Startup-Report 2019” so: 84 Prozent der Gründerinnen und Gründer stimmten zu, dass in ihrer Schulzeit kein Wissen zum Thema Gründung vermittelt wurde. Schlimmer noch, jeder Zweite gibt an, dass die Lehrerinnen und Lehrer dem Thema Gründung und Selbstständigkeit ablehnend gegenüberstanden. Und mehr als jeder Vierte berichtet, dass die Eltern nicht wollten, dass das eigene Kind ein Start-up gründet.

Damit wir endlich in Deutschland eine bessere Kultur des Scheiterns schaffen, gibt es kurzfristig nur einen Weg. Wir brauchen Gründerinnen und Gründer, die in die Schulen gehen und dort über ihre Erfahrungen berichten. Wir brauchen Role Models, die jenseits von Prominenten wie Jeff Bezos oder Elon Musk zeigen, dass es sich lohnt, etwas zu wagen. Die auch vom Scheitern und wieder Aufstehen berichten können. Die Mut machen und Neugier wecken. Wenn wir es schaffen, dass eine Generation heranwächst, die nicht unbedingt so denkt, wie die großen Erfolgs-Gründer, aber die frei denkt und sich etwas traut, dann werden wir in einigen Jahren keine Debatte mehr führen müssen über die Notwendigkeit einer “zweiten Chance”. Denn das wird dann ganz selbstverständlich sein.